Stand: 01.03.2015 14:45 Uhr  | Archiv

Wie geht Diskussionskultur im Netz?

von Vassili Golod

Hass, Rassismus und eine derbe Sprache - diese Dinge prägen den Alltag von Online-Redaktionen. Journalisten müssen sich im Internet mit Kommentaren auseinandersetzen, die oft einfach nur sprachlos machen. Aber wie geht man damit um? Zensur kommt selbstverständlich nicht infrage, einfach so stehen lassen kann man viele Kommentare aber auch nicht. Auf der Social Media Week wurde die Diskussionskultur im Netz intensiv debattiert.

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Haben bei der Social Media Week über die Diskussionskultur im Netz debattiert (v.l.n.r.): Anna-Mareike Krause, Kathrin Ganz, Meike Richter, Marcus Bensemann und Joerg Heidrich.

Anna-Mareike Krause ist Social-Media-Koordinatorin von ARD Aktuell. Sie ist für alles zuständig, was in den sozialen Netzwerken rund um die Marke tagesschau passiert. Die Themen der tagesschau sind aktuell und kontrovers, die Kommentare unter den Posts oft einfach nur ekelhaft. Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mussten sich Krause und ihre Kollegen mit den übelsten Formen von Antisemitismus auseinandersetzen. "Das ging von: 'Jetzt sollten wir mal lieber darüber reden, was in Gaza passiert statt über Auschwitz' bis hin zu 'Auschwitz hat es nie gegeben und jeder, der fünf Minuten googlen kann, merkt das'", berichtet Krause.

Immer wieder muss sich die Redakteurin mit vergleichbaren Kommentaren auseinandersetzen und immer wieder sitzt der Schock tief. "Das ist nicht leicht, solche Diskussionen auszuhalten. Auch nicht, wenn das der Beruf ist und auch nicht mit professioneller Distanz. Das hält man meiner Meinung nach am besten aus, wenn man dagegen hält. Wenn man diese Dinge nicht unwidersprochen stehen lässt", sagt Krause. "Und manche Sachen lässt man natürlich überhaupt nicht stehen. Die Leugnung von Auschwitz findet auf den Seiten von tagesschau.de nicht statt."

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NDR.de: "So liberal wie möglich"

Eine klare Haltung zeigen, dem Shitstorm selbstbewusst entgegentreten: Das ist die Devise vieler Redaktionen. Doch der Ton im Netz hat sich verschärft, die Kommentarfluten werden immer größer. Die "Süddeutsche Zeitung" hat daraus die Konsequenz gezogen, die Kommentarfunktion einzuschränken und nur noch für ausgewählte Themen zuzulassen.

Für den Redaktionsleiter von NDR.de, Marcus Bensemann, ist eine vergleichbare Lösung ausgeschlossen. "NDR.de hat die Philosophie, dass wir so liberal wie möglich sind, was die Kommentare unserer User betrifft. Aber natürlich müssen die juristischen Grenzen eingehalten werden", sagt Bensemann. "Wir haben eine Netiquette, was unsere Social-Media-Präsenzen betrifft, und daran hangeln wir uns entlang. Aber wir versuchen, schon so viel Meinung zuzulassen, wie es irgendwie geht."

"Alle Dämme sind gebrochen"

Doch das wird immer schwieriger. Die Ukraine-Krise und Pegida haben die Diskussionskultur zerstört. Menschenverachtende Kommentare werden mittlerweile sogar unter Klarnamen veröffentlicht. "Alle Dämme sind gebrochen", sagt Joerg Heidrich, Justiziar der Computerzeitschrift "c't". Die Redaktionen stünden vor einer richtungsweisenden Entscheidung. "Einen Königsweg gibt es nicht. Es gibt vor allen Dingen auch keinen technischen Weg, man kriegt die Leute nicht weg. Man kann sie mal sperren, aber sie sind fünf Minuten später mit einer neuen Identität wieder da. Man muss damit leben, sich entweder mit diesen Quälgeistern rumzustreiten oder auf das Angebot zu verzichten - darauf wird es letztendlich hinauslaufen."

Die Diskussion und der Austausch mit Hörern, Lesern und Zuschauern sind ein hohes Gut. Es ist eine große Bereicherung und eine enorme Herausforderung gleichermaßen, denn viele Redaktionen haben einfach nicht die Kapazitäten, um mit der Masse an Zuschriften fertig zu werden. Fest steht: Es wird Veränderungen geben. Auch bei tagesschau.de. "Es ist ein Spagat und wir sind gerade in einem ganz intensiven Denk- und Gesprächsprozess, um nach einer Lösung zu suchen diesen Spagat zu bewältigen", sagt Anna-Mareike Krause. "Aber eben auf eine Weise, die gut zu uns passt und die auch unserer Community gerecht wird."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.02.2015 | 06:38 Uhr

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