Stand: 02.12.2016 06:46 Uhr  | Archiv

Virtuelle Realitäten für Profis

von Eric Klitzke

Zugegeben, so richtig neu ist Virtual Reality (VR) nicht. Seit Jahrzehnten schwirrt der Begriff durch Fiktion und Medientheorie. Versuche in der Vergangenheit, virtuelle Parallel-Welten zu erschaffen, scheiterten oft an einer zu geringen Immersivität. Das bedeutet: Die Künstlichkeit der virtuellen Realität war für viele Nutzer einfach zu offensichtlich, um vollkommen eintauchen zu können.

Für Tim Mittelstaedt sind diese Zeiten vorbei. "Wir sind jetzt an dem Punkt, dass die virtuelle Welt technisch funktioniert", sagt der Hannoveraner. Mittelstaedt führt eine Virtual-Reality-Agentur, außerdem ist er Mitorganisator des größten VR-Meet-Ups Deutschlands und der "Hackvention". Bei der Veranstaltung treffen sich bis zum 4. Dezember VR-Experten auf dem Messegelände, um sich über die neuesten Entwicklungen auszutauschen und in kleinen Teams eigene Ideen zu umzusetzen.

Einmal durch die virtuelle Wunschküche

Alexander Schulz von VReeDance in der virtuellen Realität eines Architekturprogrammes.  Foto: Eric Klitzke
Dank VR kann der Häuslebauer sein Haus auch von innen inspizieren, noch bevor der erste Stein angefasst wurde.

Doch was ist zu erwarten von den neuen künstlichen Welten? Experten erwarten eine Emanzipation weg vom Spiel und hin zum ernsthaften Arbeiten. Im medizinischen Bereich gibt es schon Anwendungen, die Daten aus CT- oder MRT-Untersuchungen aufbereiten. So kann ein Arzt einen Tumor in der Dreidimensionalität lokalisieren, Eingriffe simulieren oder Operationstechniken üben. Auch für Architekten und ihre Kunden bieten sich jetzt schon innovative Möglichkeiten. Das geplante, aber noch nicht gebaute Haus kann virtuell betreten werden, bei Bedarf werden die Pläne schnell geändert und in der virtuellen Welt verglichen. Die Möbelkette Ikea bietet ihren Kunden kostenlos ein Programm, in dem potenzielle Kunden mit einem VR-Headset verschiedene Küchen ausprobieren können. Oberflächen können verändert und Schubladen geöffnet werden, zusätzlich lässt sich die Küche aus der Perspektive eines Kindes erleben. Auch die Autoindustrie hat VR für sich entdeckt. Jaguar präsentierte im November 2016 das Modell I-Pace mithilfe von HTC-Vive Headsets, Audi plant laut Medienberichten, einen Teil seiner Händler mit VR-Systemen auszurüsten. Kunden sollen dann in Zukunft ihr Wunschauto konfigurieren und virtuell ausprobieren können.

Goldgräberstimmung in der Industrie

Auffällig ist, dass bis jetzt hauptsächlich Applikationen entwickelt wurden, für die schon Daten vorliegen. Die 3D-Modelle der Gebäude nutzt ein Architekt im jetzt üblichen Arbeitsablauf, im medizinischen Bereich liefern MRT und CT dreidimensionale Daten. In dieser Phase der Entwicklung verständlich, da Kosten sparend. In Zukunft, wenn für mehr zahlende User entwickelt wird und somit mehr Geld investiert werden kann, werden sich die Möglichkeiten vervielfachen. In der Industrie jedenfalls herrscht Goldgräberstimmung. Die Investmentbanker von Goldman-Sachs schätzen den Markt der Virtuellen Realität im Jahr 2025 auf eine Größe von 80 Milliarden US-Dollar. Im November 2016 grassierte das Gerücht, die Firma HTC würde sich von ihrer defizitären Smartphone-Sparte trennen und auf den VR-Markt konzentrieren wollen. HTC dementierte, allerdings haben die Taiwanesen schon Anfang des Jahres 100 Millionen Dollar in ein Förderprogramm für junge VR-Entwicklerstudios investiert.

Die 13-Euro-Pappbrille oder die Vive für 900 Euro?

Alexander Schulz  benutzt eine Vive-Brille, um durch eine virtuelle Kücche zu gehen.  Foto: Eric Klitzke
Marmor oder doch lieber Mahagoni für die Arbeitsplatte in der Küche? Im Model kann alles ganz einfach geändert werden.

Natürlich sind für solch komplexe Anwendungen hochwertige VR-Brillen nötig. Doch auch die günstige Lösung mit Smartphone im Papp-Karton, an der Stirn fixiert mit Gummibändern, kann Lust auf mehr machen. Darauf setzt auch Google. Mit der Daydream bietet der IT-Magnat eine günstige Einstiegsmöglichkeit, sozusagen als Appetithäppchen. "Momentan sind wir mit der VR-Technologie da, wo die Handys Anfang der 90er-Jahre waren. Etwas klobig, viele können sich nicht vorstellen, was sie damit anfangen können." Ein großer Schritt wäre die Entwicklung von VR-Kontaktlinsen, den Google-Glasses ähnlich, nur nicht mit dem sozialen Stigma der Datenbrille behaftet.

Weitere Informationen
Alexander Schulz von VReeDance benutzt eine Vive-Brille und hält zwei Controller in die Luft.  Foto: Eric Klitzke

Echte Menschen in virtuellen Welten

Die Halle 2 des Messegeländes in Hannover ist am Wochenende Ziel von Virtual-Reality-Experten. Sie treffen sich zur "Hackvention", einer Mischung aus Messe, Konferenz und Hackathon. mehr

Man sieht zwei virtuelle Achterbahnen nebeneinander. © NDR Foto: Jürgen Jenauer

Willkommen in der virtuellen Achterbahn!

Virtual-Reality-Brillen sind nicht nur Spielerei - mithilfe solcher Brillen könnten Menschen beispielsweise Roboter in verstrahlten Gebieten steuern, sagen Fachleute auf der CeBIT. (16.03.2016) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Netzwelt | 01.12.2016 | 16:15 Uhr

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