Stand: 18.01.2017 09:58 Uhr  - NDR Info  | Archiv

NPD-Verbot?! Einige Medien "urteilten" falsch

Von ARD bis Spiegel Online - Große und kleinere Online-Medien verbreiteten eine falsche Eilmeldung.

"Bundesverfassungsgericht verbietet die NPD" - eine schnelle, aber falsche Eilmeldung. Bei Twitter, Facebook und auf vielen Mobiltelefonen meldeten zahlreiche deutsche Medien am Dienstag zunächst das Gegenteil von dem, was das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe tatsächlich entschieden hat. Was war passiert?

Dienstagmorgen, kurz nach 10 Uhr in Deutschland. Smartphones fangen an zu summen. Das Erste, Phoenix, Spiegel Online, Zeit Online, der RTL-Chefkorrespondent, der MDR, Stern.de - sie alle verschicken Eilmeldungen via Twitter und als Push-Nachricht mit dem Inhalt: "Bundesverfassungsgericht verbietet NPD". Andere Medien berufen sich darauf - und schreiben die Falschmeldung ab. Tatsächlich haben die Verfassungsrichter den Antrag für ein NPD-Verbot jedoch zurückgewiesen. Auch in den auf NDR Kultur um 10 Uhr ausgestrahlten Zentralnachrichten des NDR Hörfunks wurde die Falschmeldung einmal gesendet, danach jedoch umgehend korrigiert.

Verlesen der Anträge wird als Urteilsbegründung aufgefasst

Warum wurden nun reihenweise Falschmeldungen versendet? Die naheliegende Erklärung geht so: Vor dem Urteil wird noch einmal die Antragsschrift der Kläger verlesen. Der Präsident des Bundesverfassungsgericht, Andreas Voßkuhle, spricht: "Ich eröffne die Sitzung des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts zur Verkündung der Entscheidung in dem Verfahren über die Anträge: 1.) Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands einschließlich ihrer Teilorganisationen Junge Nationaldemokraten, Ring Nationaler Frauen und Kommunalpolitische Vereinigung ist verfassungsswidrig ..." Danach folgen noch drei weitere Punkte der Antragsschrift. Aber bei dem Wort "verfassungswidrig" glaubten viele Redakteure wohl: Jetzt hat das Bundesverfassungsgericht die NPD verboten.

"Erst dann kommt die inhaltliche Begründung!"

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Bundesverfassungsgerichts-Präsident Andreas Voßkuhle (M.) bei der Urteilsbegründung.

Dem war aber nicht so: Erst danach sind die Richter aufgestanden, haben ihre Kopfbeddeckung aufgesetzt und Verfassungsgerichts-Präsident Voßkuhle verkündete das Urteil: Der Antrag auf ein NPD-Verbot wird abgelehnt. Spätestens da war klar: Viele Medien hatten tatsächlich Falschmeldungen in die Welt gesetzt.

Dabei hatte der ARD-Reporter Frank Bräutigam vor Beginn das Prozedere noch einmal genau erklärt: "Es geht nicht sofort mit dem inhaltlichen Urteil los. Der Präsident wird wahrscheinlich noch mal die Anträge vorlesen, die gestellt wurden, dann die anwesenden Personen aufrufen, und erst dann kommt die inhaltliche Entscheidung."

Sorgfalt muss vor Schnelligkeit gehen

Den betreffenden Medien fiel der Fehler schnell auf, reihenweise wurden falsche Tweets und Posts gelöscht. Aber zu diesem Zeitpunkt waren schon jede Menge Screenshots der falschen Meldungen in den sozialen Netzwerken im Umlauf. Einige Medien entschuldigten sich später, Spiegel Online zum Beispiel erklärte das Veröffentlichen der falschen Eilmeldung mit einem Versehen. Bei Zeit Online hieß es: "Unsere Finger waren eben etwas zu flink". Andere Medien erklärten gar nichts, löschten nur die falschen Tweets.

Der Vorfall ist für alle Beteiligten mehr als ärgerlich, gerade weil viele Medien betroffen sind. Und die Kritiker, die die sogenannten Mainstream-Medien ohnehin ständig als "Lügenpresse" bezeichnen, bekommen neue Argumente geliefert. Mehr denn je gilt es wohl, sich den alten Grundsatz wieder zu vergegenwärtigen: "Be first, but first be right." Also: Sorgfalt immer vor Schnelligkeit.


18.01.2017 09:58 Uhr

Hinweis der Redaktion: In der ersten Version dieses Beitrags stand nicht, dass auch in den auf NDR Kultur ausgestrahlten Zentralnachrichten des NDR Hörfunks um 10 Uhr die falsche Meldung über ein angebliches NPD-Verbot gesendet wurde. Diese Information erreichte uns leider erst nach Veröffentlichen des Artikels. Wir bitten das Versäumnis zu entschuldigen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 17.01.2017 | 15:38 Uhr

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