Stand: 09.01.2017 15:50 Uhr  | Archiv

"Unsere Technologien überwinden Sprachbarrieren"

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Prof. Dr. Wolfgang Wahlster und sein Team entwickeln neue Lösungen für die Kommunikationstechnologie.

Telefonieren mit dem Smartphone, Musik hören, im Internet surfen, streamen, in den sozialen Netzwerken chatten: Mit dem iPhone hat Apple das Telefonieren nach und nach zur Nebensache werden lassen - technologisch zumindest. Eine neue Ära der Kommunikation sei eingeläutet, schrieb vor zehn Jahren der "Spiegel"-Korrespondent in den USA, Marc Pitzke. Der Smartphone-Marktanteil von Apple liegt derzeit bei 16,5 Prozent. Den Erfolgsweg der Smartphones hat auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken aufmerksam verfolgt - und mitgestaltet. Das Zentrum wird von Prof. Dr. Wolfgang Wahlster geleitet und gilt als die weltweit größte Forschungseinrichtung auf dem Gebiet der Kommunikationstechnologie.

Was wird der nächste revolutionäre Schritt und welche Rolle wird dabei Apple spielen?

Prof. Dr. Wolfang Wahlster: Ich glaube, man sieht es heute schon in der Tendenz, dass natürlich die Smartphones immer mehr auch zum digitalen Assistenten werden. Also nicht nur Kommunikation mit anderen Menschen, sondern sozusagen der Butler in der Hosentasche oder in der Handtasche, der mir in allen Lebenslagen auch Tipps gibt und helfen kann, und der mich auch als Butler natürlich einigermaßen kennt, so dass er mir - genau nach meinem Profil - das anbietet, was ich normalerweise auch will. Diese Entwicklung setzt sich jetzt ganz stark fort, und das kommt durch Systeme wie Siri, was ja auch auf dem iPhone läuft. Aber es gibt natürlich auf Android genau solche Systeme. Das ist die nächste Entwicklung: Sprachdialogsysteme. Aber das geht dann weiter. Ich glaube, dass es in zehn Jahren sicherlich keine Smartphones mehr gibt, sondern dass wir dann interaktive Textilien mit uns herumtragen.

Braucht es für diesen technologischen Fortschritt noch das iPhone? Das nächste Modell ist ja schon angekündigt.

Wahlster: Ich glaube, diese Sättigung des Marktes ist heute schon zu beobachten. Ich glaube nicht, dass das noch lange weitergeht. Ich glaube, wir werden eine ganz neue Art von Systemen kennenlernen. Man sieht es heute schon bei Systemen wie Echo oder Alexa von Amazon, Google Home. Das sind ganz andere Systeme, die gar nicht mehr mit Tastatur und Maus sogar auf den Bildschirm verzichten, sondern nur noch Sprachsysteme sind. Man ruft sozusagen das zu, was man haben will, und das System führt es aus.

214 mal am Tag nehmen wir unser Smartphone in die Hand. Und fast einen ganzen Tag in der Woche - nämlich rund 22 Stunden - widmen wir nur ihm. Das hat unsere Kommunikation, unser Kommunikationsverhalten, unsere Mediennutzung enorm verändert. Ist das eigentlich nur eine gute Entwicklung oder müssen wir uns da nicht alle gemeinsam kritische Fragen stellen?

Wahlster: Sicherlich sollte man das auch durchaus kritisch sehen. Aber ich will das mal mit Loriot etwas humorvoll formulieren. Man kann sagen: Ein Leben ohne Smartphone ist möglich, aber sinnlos. Wir benutzen es ja doch sehr stark, und wie jede Kulturtechnik dauert es doch immer eine Zeit lang, bis der Mensch das auch dann in Maßen benutzt, wenn es sinnvoll ist. Es gibt natürlich heute Exzesse. Ich glaube aber selbst nicht, dass das jetzt zu großem Schaden führen wird. Ich glaube, wir haben enorme Vorteile dadurch, dass wir solche digitalen Assistenzsysteme haben. Das Leben wird dadurch bereichert, auf jeden Fall. Und auch im Bildungs- und kulturellen Bereich sollte man eigentlich die Vorteile sehen. Und wir arbeiten auch sehr daran, dass wir versuchen, die Nachteile, die es zweifellos auch gibt, auszuschalten.

Sie sind mit technischen Entwicklungen befasst. Inwieweit werden solche ethischen Fragen eigentlich auch bei Ihnen in Saarbrücken am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz diskutiert?

Wahlster: Diese ethischen Fragen sind enorm wichtig. Die werden sogar immer wichtiger, wenn man daran denkt, dass wir jetzt auch immer mehr autonome Systeme haben. Denken sie an das selbstfahrende Auto, selbstfahrende Bahnen - vielleicht sogar Schiffe. Dann stehen diese Fragen im Vordergrund. Wir beschäftigen uns damit - auch wissenschaftlich -, und versuchen auch ein Stück Ethik - soweit das geht - in diese Systeme immer gleich rein zu implementieren, sodass unsere Wertevorstellungen wirklich auch in diesen Algorithmen sozusagen reflektiert werden. Das ist nicht ganz einfach. Wir arbeiten daran, sehen das aber als unsere Verantwortung.

Die "Welt" schrieb im Oktober in einem Artikel als Überschrift: "Wie Saarbrücker Forscher die Welt revolutionieren". Identifizieren Sie sich mit dieser Überschrift?

Wahlster: Na ja, es ist vielleicht ein bisschen ein wenig hochtrabend. Aber trotzdem, wir versuchen das. Wenn wir beispielsweise heute von Siri sprechen: Das erste Siri-ähnliche System habe ich vor 20 Jahren entwickelt. Siri ist ja so ein digitaler Assistent auf dem Smartphone, mit dem ich per Sprache kommunizieren kann. Das ist sozusagen die erste Form dieses Butlers, den wir eben ansprachen, und solche Systeme hatten wir eigentlich in Deutschland früher als in den USA. Der Chefentwickler von diesem System von Apple war oft hier, hat sich das praktisch abgeguckt. Wir arbeiten da wirklich als Pioniere, auch wenn sie daran denken, dass wir heute Simultan-Übersetzungen über ein Handy machen können, dann hatten wir das auch im Jahr 2000 entwickelt, und unsere Entwicklungsmannschaft ist heute bei Google. Dort hat sie das wirklich für die Menschheit bereitgestellt. Auch das ist ein toller Fortschritt, dass ich Sprachbarrieren durch diese Technologie überwinden kann.

Das Interview - hier zum Nachhören - führte die NDR Info Moderatorin Ulrike Heckmann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Mittagsecho | 09.01.2017 | 13:40 Uhr

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