Sendedatum: 03.04.2017 08:08 Uhr  | Archiv

Kommt die große Fake-News-Welle vor der Wahl?

Einig sind sich die Parteien im Wahljahr 2017 auf jeden Fall: Die deutsche Politik wird sich mit dem Phänomen Fake News befassen müssen. Nachfragen bei Wahlkampfmanagern der Parteien zeigen: Längst ist nicht klar, ob und in welchem Umfang bewusste Falschmeldungen den Wahlkampf beeinflussen könnten. Und vor allem, welches der richtige Weg ist damit umzugehen - von der eigenen "Netzfeuerwehr" bis zum bewussten Ignorieren.

Tastatur, auf der mit rotem Filzstift "FAKE NEWS" geschrieben steht. © fotolia Foto: designer491
Wie verbreitet sind absichtliche Falschmeldungen in Deutschland? Dazu fehlen Zahlen.

Die Fälle von Fake News werden nirgendwo offiziell gezählt. Aber vieles deutet darauf hin, dass die Grünen und ihr Spitzenpersonal bisher am häufigsten damit zu kämpfen hatten. Und das eigentlich auch schon, bevor der Begriff in Mode kam, erzählt Wahlkampfmanager Robert Heinrich: "Wir sind schon seit Jahren immer wieder konfrontiert mit gefälschten Zitaten von Claudia Roth, Jürgen Trittin, Joschka Fischer und anderen. Was neu ist, ist der Grad der konzertierten Aktion, mit denen solche Meldungen erzeugt werden und verbreitet werden."

Ein falscher Grüner names "Weihrauch"

Neu ist deshalb auch die Intensität, mit dem die Online- und Social-Media-Beauftragten der Partei nach solchen Behauptungen fahnden. Spätestens, erzählt Heinrich, seit seinem persönlichen Erweckungserlebnis - dem Fall "Tobias Weihrauch".  "Tobias Weihrauch"  gab sich über Monate im Netz als Grüner mit grünen Ansichten aus. Später stellte sich heraus: Es gab diese Person gar nicht.

Fake-News auf der Spur
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Der Faktenfinder der Tagesschau

Stimmt es, was sich als Gerücht im Netz verbreitet? Was ist Tatsache, was erfunden? Solchen Fragen geht der Tageschau-Faktenfinder nach. extern

Kurz vor dem Bundesparteitag Anfang November postete "Tobias Weihrauch" den Aufruf: "Wir müssen bis zur nächsten Wahl unser Bestes geben und so viele Afrikaner und Syrer wie möglich in unser Land holen." Denn nach der Wahl, so schrieb der angebliche Grüne, werde die AfD genug Macht haben, um die Grenzen dicht zu machen. Diese angeblich "grüne Forderung" verbreitete sich tausendfach im Netz und sorgte erwartungsgemäß für große Empörung.

"Das Spannende daran ist: Dieser Fake-Account 'Tobias Weihrauch' hat sich Monate vor diesem Vorfall gegründet, hat sich systematisch mit grünen Mitgliedern befreundet", sagt Grünen-Wahlkämpfer Heinrich rückblickend. "Er hat über mehrere Monate sehr unauffällige Sachen gepostet. Und dann auf einmal zugeschlagen. Und das lässt mich schlussfolgern, dass da organisiert im Netz gegen die Grünen mit Lügen Stimmung gemacht wird.“

Grüne organisieren freiwillige "Netzfeuerwehr" aus Unterstützern

Um dagegen zu halten hat die Partei inzwischen die "grüne Netzfeuerwehr" gegründet. Eine Facebook-Gruppe von gut 2000 Mitgliedern, die gemeinsam Augen und Ohren im Netz offen halten, sich frühzeitig vor Fake News warnen und für eine schnelle Verbreitung von Gegendarstellungen sorgen.

Im Konrad-Adenauer-Haus hingegen gibt man sich weniger offensiv: Der Kampf gegen Fake News stehe keinesfalls im Fokus der CDU-Online-Aktivitäten. Bei der SPD, die zuletzt mehrfach mit Fake News rund um Kanzlerkandidat Martin Schulz zu kämpfen hatte, spricht man von erhöhter Aufmerksamkeit. Man müsse jedoch eines bedenken, meint Tobias Nehrender, Leiter der SPD-Digitalkampagne: Gegenkampagnen verschafften den gefälschten Nachrichten häufig erst recht Gehör.

Mediennutzung in Deutschland unterscheidet sich von den USA

Christian Stöcker von der Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Hamburg. © NDR
Die Deutschen seien besser gewappnet gegen Manipulationsversuche, meint Experte Christian Stöcker.

Wie groß kann also der Einfluss von Fake News auf den Bundestagswahlkampf tatsächlich sein? Unsicherheit gibt es dazu nicht nur bei Politikern, auch bei Wissenschaftlern.

Zumindest könne man die Erfahrungen aus dem US-Wahlkampf nicht eins zu eins übertragen, sagt Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg: "Das kann man schön an einer Zahl festmachen. In Deutschland ist es eine einstellige Prozentzahl von Leuten, die sagen: Soziale Medien sind meine primäre Nachrichtenquelle. In den USA sind es sehr deutlich zweistellige Zahlen." Stöcker meint daher: "In Deutschland bekommen die Leute ihre Informationen auf vielen anderen Wegen und sind damit natürlich auch ein bisschen besser gewappnet gegen solche Manipulationsversuche.“

Aber Stöcker ist überzeugt: Mit näher rückendem Wahltermin werden die Bemühungen, mit Fake News Stimmung zu machen, weiter zunehmen. Ähnlich sieht es Grünen-Wahlkampfmanager Heinrich: "Auch im letzten Bundestagswahlkampf wurde der Shitstorm immer heftiger, je näher der Wahltag heranrückte. Wir hatten immer mit schmutzigen, mit diskriminierenden beleidigenden Kommentaren auf unseren eigenen Kommentarspalten zu kämpfen und deshalb muss ich leider davon ausgehen, dass es diesmal wieder so ist.“

Weitere Informationen
Renate Künast (Archivbild vom 10.12.2014) © Will Media Foto: Wolfgang Borrs

Künast gegen Fake News

Renate Künast (Grüne) stellt Strafanzeige wegen einer auf Facebook verbreiteten Falschnachricht. Tagesschau.de berichtet. extern

Mann bekommt auf seinem Tablet die Warnung "Fake News" © fotolia Foto: Christian Horz, Stanisic Vladimir

Fake News: Fakten oder Falschmeldungen?

Erfundene Nachrichten, verdrehte Fakten, falsche Verdächtigungen: Wie verbreiten sich Fake News im Netz? Warum fallen Nutzer darauf herein? Und wie lassen sie sich enttarnen? mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 03.04.2017 | 08:08 Uhr

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