Stand: 20.11.2014 14:40 Uhr  | Archiv

"Dieses Ergebnis ist erschreckend"

"Digital Natives" nennen wir sie, Kinder und Jugendliche, die ganz selbstverständlich mit Computern, Smartphones und dem Internet aufwachsen. Ältere Menschen, die an all diesen Dingen manchmal verzweifeln, blicken bewundernd zu ihren Kindern und Enkeln auf. Eine Internationale Bildungsstudie sagt nun, deutsche Achtklässlerinnen und Achtklässler seien beim Thema Computer und Internetnutzung gerade einmal im Mittelfeld. Die ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study) wurde für Deutschland unter anderem von der Bildungsforscherin Birgit Eickelmann aus Paderborn betreut.

Frau Eickelmann, Kompetenzen am Computer - das ist ja ein weites Feld, um was geht es da? "Zocken" oder komplexe Programmieraufgaben?

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"Wir müssen die Lehrer ganz anders ausbilden", fordert Birgit Eickelmann.

Birgit Eickelmann: Es geht bei der Studie um den kompetenten Umgang mit digitalen Medien, und vor allem auch um den kompetenten Umgang mit digitalen Informationen vor allem aus dem Internet. Es geht also um die Frage, wie Informationen gesammelt und wie sie organisiert werden können. Der zweite Aspekt ist das Austauschen, Erzeugen und Veröffentlichen von Informationen. Also Präsentationen und Webseiten zu erstellen, die dem Inhalt, den sie transportieren gerecht werden und ihren Adressaten auch wirklich erreichen.

Die Studie haben Sie in Berlin vorgestellt, in den Schlagzeilen sieht es so aus, als hätte Deutschland verheerend abgeschnitten. Im Ranking sind die deutschen Schüler auf dem 12. von 23 Rängen - ist das wirklich so katastrophal oder halt einfach eine 3, befriedigend?

Eickelmann: Die Frage ist immer, was man eigentlich erwartet hat. Schaut man sich vorherige Studien in dem Bereich an, dann ist das nicht unerwartet, dass Deutschland nur im Mittelfeld liegt. Schaut man sich aber an, wie gut der Zugang deutscher Jugendlicher zu digitalen Technologien ist, vor allem außerhalb der Schule, dann würde man schon erwarten, dass sie kompetenter mit digitalen Medien umgehen können. In der Studie schrauben zwei Länder, die Türkei und Thailand, den internationalen Mittelwert deutlich nach unten. Deswegen liegt Deutschland noch über dem internationalen Mittelwert. Wenn die beiden nicht dabei wären, dann wären wir unter diesem Mittel. Das zeigt, dass die Ergebnisse der Studie für Deutschland ziemlich unbefriedigend sind.

Sie haben das gerade schon angesprochen, Kinder im Grundschulalter besitzen schon Smartphones und benutzen Computer, offensichtlich lernen sie dabei aber nicht das, was in diesen Tests gefragt ist, warum nicht?

Eickelmann: Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien vor allem freizeitbezogen, sodass man da wenig Hoffnung haben kann, dass sie auch lernen kompetent und reflektiert mit Informationen umzugehen. Wir wissen, dass Kinder im Grundschulalter von ihren Eltern lange Zeit begleitet werden, dass dann aber die Förderung von Medienkompetenz im Elternhaus auch in bildungsnahen Haushalten abbricht und viele Jugendliche auch Dinge mit den digitalen Medien tun, die die Eltern auch gar nicht mehr begleiten können. Und was bei diesem Kompetenzbereich besonders wichtig ist: Es geht nicht nur um eine Kompetenz, die die Jugendlichen für den späteren Beruf und das Leben brauchen, sondern es geht um Kompetenzen, die sie unmittelbar benötigen. Umso erschreckender ist eigentlich, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht über diese Kompetenzen verfügen. Wenn man sich die Ergebnisse genau anschaut, dann sieht man, dass ein Drittel der Jugendlichen abgehängt ist, sie verfügen noch nicht mal über grundlegende Fertigkeiten. Das sind Jugendliche, die gerade eben einen Link anklicken können oder den Kontrast eines Bildes verstellen können. Das reicht nicht aus um an der Gesellschaft teilhaben zu können und einen entsprechenden Beruf ergreifen zu können.

Was fehlt an den deutschen Schulen, um Schüler besser im Umgang mit Computern auszubilden?

Eickelmann: Zunächst mal müssten wir die Lehrer ganz anders ausbilden, und auf ein Lernen in der Informationsgesellschaft besser vorbereiten. Außerdem sind die Schulen technisch nicht ausreichend ausgestattet. Viel zu viele Computer stehen nur in den Computerräumen, sodass sie nicht unterrichtsnah verwendet werden können. Wie sehen an Ländern wie zum Beispiel Dänemark, dass da der Großteil der Kinder digitale Medien selber mit in die Schule bringt. Das heißt, das sind schülereigene Geräte, die verwendet werden, die sie dann auch zu Hause zum Lernen benutzen. Das ist die Verbindung, die uns in Deutschland noch fehlt.

Das Gespräch führte Eva Schramm

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.11.2014 | 14:40 Uhr

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