Stand: 27.02.2015 17:38 Uhr  | Archiv

Diskussion im Netz - zensieren oder zulassen?

Kommentare unter Artikeln oder bei Facebook: Von klugen Hinweisen bis hin zu gemeinen Beleidigungen ist alles dabei. Gerade für Onlineredaktionen ist das eine tägliche Herausforderung: Wie viel Freiheit sollten Redaktionen ihren Nutzern lassen? Welche Kommentare sind zulässig? Wo fängt eine Beleidigung an? Über "Diskussionskultur: Himmel und Hölle moderieren" sprachen am Freitag Medienmacher auf der Social Media Week. Auch mit dabei gewesen ist der NDR Online Redaktionsleiter Marcus Bensemann. Er hat die Meinung vertreten: "Der User ist unser Gesprächspartner" und forderte größtmögliche Freiheit beim Kommentieren. Anders sah das die Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de Anna-Mareike Krause. Sie sagte: "Kommentarbereiche brauchen Regeln." Auch auf NDR.de streiten sie darüber, wie viel Freiheit Redaktionen den Kommentierenden lassen sollen.

Marcus Bensemann:Anna-Mareike Krause:
Fast jeder kann heute Internet und Social Media - als Konsument, aber auch als Sender von Botschaften. Anders als bei Hörfunk und Fernsehen gibt es fast keine technischen Barrieren. Mit diesen Stärken kann der Online-Journalismus spielen. Der Grundsatz sollte sein: Der User ist unser Gesprächspartner. Wir sollten diesen Dialog fördern, wo wir können, auch wenn es manchmal unbequem ist.

Außerhalb der Newsrooms sind viele Menschen mit großem Wissen und starken Meinungen, die unsere Websites durch ihre Beiträge bereichern können. Sich ihnen zu verschließen, wäre ein Kardinalfehler. Wir würden uns ohne Not selbst beschneiden.

Klar gibt's auch die dunkle Seite der Social-Media-Präsenzen und Foren - Neunmalkluge, Weltverschwörer, Extremisten machen uns das Leben manchmal zur Hölle. Klar klauen sie uns die Zeit, die wir eigentlich den Guten widmen sollten. Aber wenn sie es schaffen, dass wir Kommentarfunktionen ganz oder spätestens im Shitstorm abschalten, hätte das Böse die Macht über das Gute übernommen. Das kann nicht sein!

Bei Troll-Alarm gilt: Augen auf und durch! Mit Witz, Argumenten, Beharrlichkeit und Herz lässt sich die Lage fast immer retten. Trolle verdienen keine Toleranz, sie müssen geschickt entwaffnet werden!
Im vergangenen Herbst haben wir die Nutzerinnen und Nutzer der Tagesschau gefragt, wie sie eigentlich online diskutieren wollen. Wünschen sie sich, dass wir strenger moderieren? Dass wir Störer schneller von der Diskussion ausschließen? Einige waren dagegen: Sie fürchteten um ihre Meinungsfreiheit auf unseren Seiten.

Viele schrieben uns aber, dass sie sich in dem Diskussionsklima, das entsteht, wenn die Redaktion sich wenig beteiligt, so unwohl fühlen, dass sie gar nicht mehr kommentieren wollen. Was ist eine Diskussionskultur wert, die einer Gruppe erlaubt, sich kaum kontrolliert zu äußern, wenn dies dazu führt, dass wir die Meinung anderer Gruppen gar nicht hören?

An Kommentarbereichen mit wenig Regeln gibt es wahrlich keinen Mangel. Egal, was jemand im deutschsprachigen Internet schreiben will: Er wird dafür einen Ort finden. Die Meinungsfreiheit ist also auch dann nicht in Gefahr, wenn einzelne Redaktionen strenger moderieren.

Was aber im Netz oft fehlt, sind Diskussionsforen, in denen diejenigen von der Redaktion geschützt werden, die eine sachliche Diskussion führen möchten. Kommentarstränge, in denen Migranten oder Menschen mit Behinderungen diskriminierende Äußerungen auch dann nicht lesen müssen, wenn das nun mal die Meinung von jemandem ist. Solche Bereiche schafft man als Redaktion nur mit Präsenz, Haltung und konsequenter Moderation.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.02.2015 | 06:38 Uhr

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