Stand: 28.10.2015 18:54 Uhr  | Archiv

Dealflicks - Das Start-up aus dem Mini-Van

von Wolfgang Stuflesser, ARD-Korrespondent in Los Angeles

Nicht jedes Online-Startup wird von bebrillten Nerds am Computer programmiert: Kevin Hong und Sean Wycliffe sind für ihre Firma Dealflicks erst mal 40.000 Meilen im Mini-Van unterwegs gewesen. Über Wochen hat der 30-Jährige sogar im Auto gelebt, denn er wollte so viele Kinobesitzer wie möglich persönlich treffen: Dealflicks vertickt nicht verkaufte Kinokarten - das sind in den USA etwa 90 Prozent. Am Ende sollen beide Seiten gewinnen: Die Kinobetreiber lasten ihre Säle besser aus, und die Kunden bekommen die Karten billiger.

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Frei Fahrt fürs Start-up: Sean Wycliffe (l.) und Kevin Hong in ihrem mobilen Firmensitz.

Der Van sei ein bisschen schmutzig, sagt Kevin Hong, als er den mobilen Dealflicks-Firmensitz zeigt. Aber das ist auch kein Wunder, schließlich hat der alte Toyota mehr als 60.000 Kilometer abgeschrubbt, quer durch die USA, von Kino zu Kino. Denn für ihre Idee, übrig gebliebene Kinokarten online mit Preisabschlag zu verticken, mussten er und sein Freund Sean Wycliffe mit den Kinobesitzern auf Tuchfühlung gehen. "Am Anfang haben die Kinobetreiber unsere Anrufe nicht angenommen, und unsere E-Mails nicht beantwortet", sagte Hong. "In diesem Geschäft geht es extrem um den persönlichen Kontakt, um Vertrauen."

Ihre lediglich 60.000 US-Dollar Startkapital wollten die beiden aber nicht komplett für Reisekosten ausgeben. Also war die Idee schnell geboren: Der alte Mini-Van von Hongs Mutter wurde zum fahrbaren Motel umgebaut.

Mittlerweile vier Millionen Dollar Jahresumsatz

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Zimmer mit Aussicht: Den Mini-Van haben die Dealflicks-Macher mittlerweile gegen ein richtiges Büro eingetauscht.

Geduscht haben Hong und Wycliffe in Fitness-Studios, und das freie WLAN bei McDonald's oder Starbucks für Geschäftskonferenzen per Skype genutzt. Inzwischen haben die beiden 600 meist kleinere Kinos unter Vertrag - etwa zehn Prozent des US-Markts. Mit vier Millionen Dollar Jahresumsatz ist Dealflicks zwar noch nicht profitabel, aber die beiden können sich nun auch ein normales Büro leisten.

Dort erklärt Wycliffe, wie er auf die Idee kam: Als er "The King's Speech" sah - in einem fast leeren Kino: "Das war nur ein paar Tage, nachdem der Film rausgekommen war. Und ich dachte mir, irgendwie müsste ich als Kunde diese Tickets doch billiger kriegen - schließlich ist keiner da." Er recherchierte und fand heraus, dass 88 Prozent der Kino-Tickets nicht verkauft werden. "Trotzdem setzen die US-Kinos 40 Milliarden Dollar im Jahr mit Tickets, Popcorn und Getränken um." Wycliffe und Hong brauchten nur etwa ein halbes Jahr, um ihr Start-up aus dem Boden zu stampfen und das erste Kino in Los Angeles unter Vertrag zu nehmen.

"Jetzt sind wir an den vier größten Betreibern dran"

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Bei Dealflicks arbeiten mittlerweile neun Mitarbeiter, die für einen Jahresumsatz von vier Millionen US-Dollar sorgen.

Bis zu 60 Prozent sind die Karten billiger, und die Kunden kaufen sie per App auf dem Smartphone. Inzwischen hat Dealflicks neun Mitarbeiter: drei Programmierer, drei kümmern sich um neue Verträge mit Kinos, und drei arbeiten in Support und Hotline. Welche Tickets übrig sind, das meldet bei den größeren Kinos eine Software, bei kleineren ruft auch schon mal der Betreiber persönlich an.

Es gab bereits vorher schon mehrere Versuche, ähnliche Dienste zu starten, doch offenbar setzt sich ausgerechnet das Konzept der beiden durch, die mit ihren 30 und 32 Jahren eigentlich keine große Business-Erfahrung hatten. "Es ist richtig schwer, bei den Kinobetreibern einen Fuß in die Tür zu kriegen", sagt Hong. "Ich glaube, der Grund für unseren Erfolg ist, dass wir ganz unten angefangen haben: Mit den kleinen Familienbetrieben. Als es da gut lief, interessierten sich auch die mittelgroßen Ketten für uns, und jetzt sind wir an den vier größten Betreibern dran."

Der nächste Schritt: Die automatische Preisberechnung

Diese vier größten Ketten stehen für fast die Hälfte aller Kinoleinwände der USA. Ein Deal mit ihnen wäre also ein Riesenerfolg für Dealflicks. Doch auch ans Ausland haben die beiden schon gedacht und in Kanada und Spanien den Markt sondiert. Und Deutschland? Absolut, sagt Wycliffe, auch in Deutschland würden sie gern Fuß fassen. Hier würde wohl auch der nächste Schritt in Sachen Preisgestaltung gut funktionieren: Dass nicht die Kinobetreiber die Preise festlegen, sondern die Software sie automatisch berechnet, nach Angebot, Nachfrage und äußeren Faktoren wie dem Wetter. Wenn's also mal wieder regnet, wären Kinokarten dann billiger. Vielleicht ja für manchen ein Grund, sich doch vom heimischen Sofa aufzuraffen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.10.2015 | 08:08 Uhr

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