Stand: 13.01.2017 15:49 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Das Wissen um den blinden Fleck

Für die meisten Menschen ist es inzwischen selbstverständlich, sich Informationen aus dem Netz zu holen. Aber je länger es das Internet gibt, desto mehr Eigenheiten fallen auf - zum Beispiel auch das Phänomen der Filterblasen. Damit ist gemeint, dass man durch verschiedene Algorithmen immer dieselben Dinge angezeigt bekommt, in sozialen Netzwerken zum Beispiel nur einen Ausschnitt aller existierenden Meinungen - nämlich der eigenen. Lässt sich das ändern?

Ein Kommentar von Korinna Hennig, NDR Info

Bild vergrößern
Korinna Hennig zeigt in ihrem Kommentar mögliche Wege aus der Filterblase auf.

Das waren noch Zeiten, als Gerhard Schröder sagte, zum Regieren brauche er nur "Bild", "BamS" und Glotze. Ein übersichtliches Tableau im Vergleich zu der Vielzahl an Internetportalen und Netzwerken, mit denen Wahlkämpfer heute herumhantieren müssen, und die obendrein auch noch von Fake News, Bots und Trollen manipuliert werden. Wobei: Es macht das Grundproblem schon deutlich. Denn das vom damaligen Bundeskanzler vor mehr als zehn Jahren angeführte Dreigestirn nahm mitunter vorweg, wie die sogenannten Filterblasen und Echokammern funktionieren: "Bild", "BamS" und Glotze konnten ein sich selbst bestätigendes System sein, in dem einer das Thema des anderen reproduzierte. Die digitale Filterblase aber ist vor allem deshalb gefährlicher, weil es viel unwahrscheinlicher ist, dass Leser und User in ihr zufällig über eine überraschend andere Weltsicht stolpern.

Die Weltsicht nicht einschränken lassen

Kurz nach der Präsidentenwahl in den USA kursierte ein Artikel aus einem Schweizer Magazin, in dem über die ausgefeilten Methoden einer Marketingfirma zur Analyse von Persönlichkeitsprofilen bei Facebook berichtet wurde - und darüber, wie diese passgenau individualisiert im Wahlkampf eingesetzt und die Wähler so womöglich entscheidend manipuliert wurden.

Egal wie viel tatsächlich dran ist an dieser Enthüllung: Das böse Erwachen nach der Wahl von Donald Trump und dem Brexit zeigt, dass Warnungen vor der Filterblase nicht nur hehren medienpädagogischen Zielen geschuldet sind. Nein, wir alle sollten schon aus Eigeninteresse genau hinhören, denn sonst könnten wir unsere Chance zur Mitbestimmung verschenken, bloß weil unsere Weltsicht eingeschränkt ist. Vielen jungen Briten ist es so ergangen, als sie am Morgen nach der Abstimmung kalt erwischt wurden vom Brexit. Sie hatten es schlicht versäumt, dagegen zu stimmen.

Niemand sollte also allein aufgrund des Meinungsbildes, das er in seiner Facebook-Timeline findet, seine Entscheidung für die Bundestagswahl treffen. Dass die Stimmungsmache der AfD dank sozialer Netzwerke wie am Schnürchen läuft, ist mittlerweile eine Binse, gefälschte Politikerzitate inklusive. Filterblasen und Echokammern sind das Herz und die Nieren des postfaktischen Zeitalters.

Gegenargumente zur Kenntnis nehmen

Weitere Informationen

Wie geht's raus aus der Facebook-Filterblase?

In sozialen Netzwerken entscheiden Algorithmen über die angezeigten Inhalte. Die "NDR Info Perspektiven" schildern das Problem der Filterblase. Wie bringt man sie zum Platzen? mehr

Verschwörungstheorien funktionieren genau nach diesem Prinzip: Eine Bestätigung für eine vorgefasste Perspektive findet man eigentlich immer. Nur wer auch die Gegenargumente zur Kenntnis nimmt, kann sich bewusst entscheiden - und übrigens auch besser argumentieren. Deshalb hat auch ein gefilterter Informationsraum im Internet für Nutzer herkömmlicher Medien Auswirkungen. Denn auch wir Journalisten sind oft in unserer eigenen Echokammer gefangen, auch wir sind schließlich User von Facebook und Twitter, auch wir bleiben davon nicht unberührt, trotz aller Sorgfalt im Umgang mit Quellen.

Und nicht nur wie, sondern auch was berichtet wird, also welche Themen Journalisten überhaupt auswählen, spielt eine Rolle. Die Debatte um die Tagesschau und den Vergewaltigungsfall von Freiburg hat gezeigt: Rechtspopulisten ist es schon jetzt gelungen, die Medien in der Diskussion um eine Berichterstattung über Straftäter mit Migrationshintergrund vor sich her zu treiben. Dabei gibt es gute Gründe, auch in digitalen Zeiten an journalistischen Grundprinzipien festzuhalten.

"Medienkunde" gehört auf den Stundenplan

Deshalb hilft nur eins: Das Wissen um den blinden Fleck. Wer weiß, was er nicht weiß, der kann das immerhin aktiv ändern. Deshalb müssen die sozialen Netzwerke klar offenlegen, wie genau ihre Algorithmen funktionieren, die die Timeline ihrer User bestimmen, also die Inhalte, die ihnen angezeigt werden. Deshalb muss die Ausbildung von Journalisten ein besonderes Augenmerk darauf legen, Fragen zu stellen, Gegenargumente einzubeziehen. Und deshalb muss ganz dringend der Lehrplan der Schulen reformiert werden: Es sollte ein Fach "Medienkunde" geben. Und Lehrer sollten mit ihren Schülern regelmäßig über aktuelle Ereignisse sprechen, um die Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen zu begleiten. Auch das ist kein Allheilmittel, aber es ist ein Anfang.

Weitere Informationen
Link

Wie sieht die Filterblase von anderen aus?

Die Seite "ungefiltert" von Funk hat vier Newsfeeds nebeneinander gestellt. Je nachdem, welchen Feed man sich ansieht, werden verschiedene Deutungen desselben Themas angezeigt. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 13.01.2017 | 17:08 Uhr