Stand: 19.03.2018 11:55 Uhr

Studie: Politisch motivierte Adoptionen in der DDR?

Angeregt durch Medienberichte oder fiktionale Serien, vermuteten die Angehörigen, ihr Kind sei nicht während oder kurz nach der Geburt an einer plötzlich auftretenden Erkrankung oder in Folge eines Unfalls verstorben, sondern lebten unter anderem Namen weiter. In all diesen Beratungsfällen konnte anhand von Patienten- und Sterbeunterlagen, Friedhofsakten oder Obduktionsprotokollen nachgewiesen werden, dass das Kind tatsächlich verstorben ist. "Es gibt keinen einzigen Fall einer vermuteten, politisch motivierten Kindesentnahme mit einer darauf folgenden Zwangsadoption ohne Wissen der Eltern", betont Drescher.

Gewissheit erleichtert die Trauerarbeit

Viele Betroffene sind nach der Beratung dankbar, dass sie durch Einsicht in Unterlagen endlich Gewissheit erhalten und ihre Trauer über den tragischen Verlust nachträglich abschließen können. Vielen habe eine angemessene Möglichkeit der Trauerverarbeitung damals beispielsweise in Kinderkliniken gefehlt. "Man ist damit mitunter auch sehr salopp umgegangen, indem zum Beispiel einer Mutter gesagt wurde, sie sei ja noch jung und könne noch viele Kinder bekommen", erzählt Anne Drescher.

Werde über Zwangsadoptionen oder angeblich inszenierte Säuglingssterbefälle berichtet, keime in vielen die Hoffnung auf, das verlorene Kind sei möglicherweise nicht tot. Drescher berichtet davon, dass die Hoffnung etlicher Betroffener ihr Kind doch noch lebend zu finden so groß sei, dass sie keinen Unterlagen glaubten und immer weiter nach ihrem Kind suchten.

Retraumatisierung: Das doppelte Trauma

Von einer Retraumatisierung spricht der Schweriner Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Jochen-Friedrich Buhrmann, in solchen Fällen. Nach dem Verlust eines Kindes könne durch unzureichende Trauerarbeit eine Bewältigung des Schicksals verdrängt werden, aber das Schicksal bleibe ja Teil der Lebensgeschichte. "Die ganze Energie, die dann in diese Hoffnung und in das Recherchieren gesteckt wird, die sind ja zum Scheitern verurteilt und das ist dann im weitesten Sinne des Wortes ein zweites Mal traumatisierend", sagt der Psychologe. Das Nähren dieser Hoffnungen durch entsprechende Berichte findet er verantwortungslos.

Im Frühjahr plant die Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen in Mecklenburg-Vorpommern eine Fachkonferenz für Experten über die bislang kaum erforschten Adoptionsverfahren in der DDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 19.03.2018 | 12:00 Uhr

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