Michael Sack, der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern beim Auftakt seiner Wahlkampftour © dpa-Bildfunk Foto: jens Büttner

Droht der CDU Mecklenburg-Vorpommern die Selbstzerstörung?

Stand: 24.09.2021 14:22 Uhr

Am Montagabend nach der Landtagswahl beginnt bei der CDU Mecklenburg-Vorpommern die Aufarbeitung eines wahrscheinlich großen Absturzes. Dann trifft sich der Landesvorstand in Schwerin. Die Union liegt bisher abgeschlagen 25 Punkte hinter der SPD. Sollte es so kommen, dann hält der Rostocker Politikwissenschaftler Wolfgang Muno es für wahrscheinlich, dass Spitzenkandidat Michael Sack seinen Landesvorsitz abgibt.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Wie schaffen wir es, das Debakel noch zu verhindern? Diese Frage treibt nicht nur die CDU-Spitzenleute um. Eine Antwort hat niemand parat. Was im Frühjahr noch ganz nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der SPD aussah, hat sich längst zu einem aussichtslosen Rennen gewandelt. Es ist allerdings eine Krise mit Vorgeschichte - und die hat viel mit dem Spitzenpersonal zu tun. Angefangen hat es mit dem überraschenden Rückzug von Fraktions- und Parteichef Vincent Kokert. Der kehrte im Frühjahr 2020 der Politik überraschend den Rücken und suchte sein Glück im Privaten. Der vorbereitete Wahlslogan "CDU MV - Mit Vincent" kam nicht zur Aufführung.

Sack sollte es richten

Der neue Hoffnungsträger, der junge Philipp Amthor, rutschte vom Vorsitzendenposten, noch ehe er Platz nehmen konnte. Lobbyismus-Vorwürfe gegen ihn machten den Griff auf den Landesvorsitz und damit die Spitzenkandidatur unmöglich. Richten sollte alles Michael Sack, der landespolitisch unerfahrene Landrat aus Vorpommern-Greifswald. Sack wurde vom Partei-Granden Eckhardt Rehberg in einer Hau-Ruck-Aktion installiert. Der Kandidat wirkte von Beginn an schüchtern und auch überfordert. Den Sprung auf die landespolitische Bühne verweigerte er, als sein Parteifreund Lorenz Caffier über den zweifelhaften Waffenkauf im "Nordkreuz"-Umfeld stolperte und nebenbei seiner CDU weitere Dellen im Image verpasste.

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Nein zum Ministeramt

Statt in Schwerin mitzumischen, blieb Sack im fernen Vorpommern. Sack verzichtete zugunsten der anderen CDU-Größen. Fraktionschef Torsten Renz freute sich über Ministerwürden, sein Nachfolger wurde Wolfgang Waldmüller und dessen Job als Parlamentarischer Geschäftsführer bekam Franz-Robert Liskow. Frauen gingen leer aus. Die CDU präsentierte sich als Männer-Club. Sack habe mit seinem Nein zum Ministeramt die große Chance vertan, bekannter zu werden, hieß es auch aus der CDU. Beim Parteitag im März wirkte Sacks Vorstellungsrede als Spitzenkandidat wie ein Referat bei der Jahrestagung der Steuerberater. Typisch Sack eben: sachlich, aber ohne innere Begeisterung. Mitreißend war da Amthor. Der schaffte es dann doch zu einer Spitzenkandidatur, der für die Landesliste zum Bundestag - als Nachfolger von Angela Merkel. Amthor glänze, Sack blieb farblos. Sein Satz: "Ich will Ministerpräsident werden" wirkte pflichtschuldig.

Kein griffiges Wahlkampf-Konzept

Im Wahlkampf fehlten Sack die großen Themen. Seine CDU dümpelte irgendwo zwischen dem Nein zu Gendersternchen, der Ablehnung eines Tempolimit und der Warnung vor "Rot-rot-grün" hin und her. Ein griffiges Konzept, wie es bei Bildung, Digitalisierung und Klimaschutz besser werden kann, blieb aus. Als Hemmschuh erwies sich, so Politikwissenschaftler Muno, dass die CDU keinen Oppositionswahlkampf vom Zaun brechen konnte, da sie schon 15 Jahre mit der SPD gemeinsam regiert.

"Die Kampagne scheint nicht gezündet zu haben"

Der Kandidat fiel eher auf, wenn etwas schief lief: Sack schwänzte die MV-Gipfel zur Corona-Lage, sein Landkreis geriet in Verdacht, die Infektionszahlen zu schönen. Seine angekündigte Klage gegen das Kita-Gesetz brachte ihm den - ungerechtfertigten - Vorwurf ein, er wolle die Beitragsfreiheit kippen. Die Hoffnungen auf die Werbeagentur, die den Sack-Wahlkampf managen sollte, wurden enttäuscht. In Österreich soll sie geholfen haben, den konservativen Sebastian Kurz zum Kanzler zu machen. In Mecklenburg-Vorpommern schaffte sie es nicht, den Kandidaten ins Rampenlicht zu stellen. Das hat auch Politik-Experte Muno beobachtet: "Die Kampagne scheint nicht gezündet zu haben, der Motor des Wahlkampfs läuft nicht rund."

Wahlplakat-Vorstellung in fensterloser Diskothek

Der Partei fehlte vor allem die organisatorische Schlagkraft. Sie leistete sich noch nicht einmal einen neuen Landesgeschäftsführer, der die Fäden in der Hand hätte halten können. Vieles blieb beim Pressesprecher hängen. Der aber ist mit einem Wahlkampf überfordert. Die CDU schien schlecht beraten. So fehlte Sack bei der zentralen Vorstellung der CDU-Plakatkampagne - bei der er im Mittelpunkt stand. Als Location wählte die Agentur den fensterlosen Dancefloor einer Schweriner Diskothek. Düster und dunkel kam das rüber, "schwarz eben", scherzte der Generalsekretär Waldmüller, der für Sack einsprang. Wesentlich strahlender wirkte da der Ort, den einen Tag später die Sozialdemokraten für den Start ihres Plakat-Wahlkampfes nutzten: ein heller Platz mitten in Schwerin, im Hintergrund das schmucke Schloss und ganz im Mittelpunkt die gutgelaunte Kandidatin - Manuela Schwesig.

Fast jeder Zweite in MV weiß nicht, wer Sack ist

Im direkten Vergleich blieb Sack immer chancenlos: Schwesig kennt im Land fast jeder, Sack ist für knapp die Hälfte noch immer kein Begriff. Er verzichtet weiter auf den Auftritt in dem Aufmerksamkeits-Beschleuniger Twitter, die Amtsinhaberin dagegen bespielt ihn regelmäßig. Hilfe bekommt sie von der jungen Jura-Studentin und Genossin Lilly Blaudszun. Ein vergleichbares Talent hatte lange auch die CDU in Mecklenburg-Vorpommern, die 24-jährige Nora Zabel ist in Sachen Social Media inzwischen für die Bundes-CDU unterwegs.

Laschet kommt, Sack fehlt

Fragende Gesichter hat Sack auch hinterlassen, als er beim ersten Auftritt des eigenen Kanzlerkandidaten Armin Laschet in Mecklenburg-Vorpommern fehlte. Laschet absolvierte den Wahlkampfauftritt in Kühlungsborn ohne den CDU-Landesvorsitzenden. Absolut unüblich: In der Union gilt die Regel, dass der Landes-Chef dabei zu sein hat. Sack nannte seinen vollen Wahlkampf-Terminkalender als Grund für die Abwesenheit. Auch das verstärkte den Eindruck: Sack scheut den großen Auftritt. Beim TV-Duell mit Amtsinhaberin Schwesig gab sich der Herausforderer defensiv. Attacken gegen Schwesig blieben aus, obwohl Sack im Vorfeld noch meinte, er wolle die inhaltlichen Schwäche der SPD-Politik offenlegen. Sack legte am Ende einen soliden Auftritt hin, aus dem Schatten der Ministerpräsidentin brachte ihn der aber nicht.

Allein im Wind - kein starkes Team

Politikwissenschaftler Muno meint, es sei sich nicht verkehrt, wenn sich der Kandidat als "netter Nachbar" darstelle, "aber wenn er an zweiter Stelle steht und Ministerpräsident werden will, hätte man vielleicht aggressiver auftreten müssen". Auffällig für Muno ist auch, dass dem Kandidaten der Rückhalt in der Partei fehlt. Sack steht allein im Wind, sein Wunsch nach einem starken Team blieb ungehört. Wirtschaftsminister Harry Glawe oder Innenminister Torsten Renz legten sich jedenfalls nicht groß für ihn ins Zeug. Sack tritt tatsächlich noch immer oft allein auf, ohne enge Mitarbeiter, die ihn beraten oder seinem Auftritt etwas Bedeutendes verleihen könnten. Auch bei dem großen Wahlkampf-Auftritt am Dienstag in Stralsund wirkte er verloren - und das lag nicht nur am Regen.

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Haustürwahlkampf in Greifswald zum Wahlkampf-Finale

Mittlerweile hat die Wahlkämpfer der CDU eine gewisse Lethargie ergriffen. An das Wunder eines Wahlsiegs glaubt niemand mehr. Auch der Kandidat selbst hat jede Hoffnung aufgegeben. Im Leser-Forum der "Ostsee-Zeitung" erklärte Sack an diesem Dienstag, er sei angetreten, um Ministerpräsident zu werden. "Dazu muss die CDU stärkste Kraft im Landtag werden, ich sehe die Umfragen und bin auch Realist genug, um zu sehen, dass das nicht eintreten wird." Ist das die Kapitulation? Für Politikwissenschaftler Muno kommt da ganz klar Resignation zum Ausdruck. Auch auf einen Wahlkampf-Abschluss verzichtet die CDU. Er wolle stattdessen Haustürwahlkampf in Greifswald machen, erklärte Sack kleinmütig.

Die Talfahrt der CDU setzte schon 2006 ein

Mit dem Ende der Merkel-Ära droht dem Landesverband die Bedeutungslosigkeit und die politische Diaspora. Wer darüber mit Spitzen-Leuten der Partei reden will, der erntet ein Abwinken. Viele in der Union setzen auf die vermeintlich einzige Rettung: Sie spekulieren darauf, von der SPD doch wieder in eine Koalition eingeladen zu werden. Sack wiederholt gerne das Wort von der "Regierungsverantwortung". Das würde Posten und Pöstchen sichern. Allerdings: Die rapide Talfahrt der CDU setzte ein, als sie 2006 in das Regierungsbündnis mit der SPD einstieg. Seitdem hat die Union als Juniorpartner ständig verloren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 24.09.2021 | 16:15 Uhr

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