Sendedatum: 31.10.2018 00:00 Uhr

Anke Vater | IM "Marion Albrecht"

Trotz Gewissensbissen weiter berichtet

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Anke Vater (links) und Sabine Paetz zählten Mitte der 1980er-Jahre zu den erfolgreichsten Siebenkämpferinnen der Welt.

"Marion Albrecht" berichtete etwa über Auslandsstarts. Die Informationen, die sie von der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Helsinki 1983 lieferte, ließen einige Mannschaftskameradinnen nicht besonders gut dastehen:

"Zu Problemen innerhalb der Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR während der WM 1983 in Helsinki

In Helsinki bei den ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften war zu verzeichnen, daß die DDR-Nationalmannschaft kein geschlossenes Kollektiv darstellte. Die Situation war u.a. dadurch gekennzeichnet, daß die älteren, erfahreneren Nationalmannschaftsmitglieder, bis auf wenige Ausnahmen, versuchten für sich Sonderprivilegien in Anspruch zu nehmen, d.h. sie bestimmen was wann wie gemacht wird. Am Beispiel der Mehrkämpferinnen wurde das besonders deutlich. [...], die aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung pos. Einfluß ausüben müßte, wurde ihrer Vorbildrolle nicht gerecht. Sie versuchte vielmehr sogar andere Sportlerinnen von ihrer kämpferischen Position abzubringen, d.h. ihre Kampfmoral zu untergraben.

Während des Wettkampfes, vor dem abschließenden 800 m-Lauf versuchte sie gegenüber den anderen DDR-Mehrkämpferinnen die Parole durchzusetzen, nur locker durchzulaufen da sowieso alles entschieden sei. Gegenüber gegenteiligen Meinungen reagierte sie schroff zurechtweisend. Die unkollegiale Situation unter den Mehrkämpferinnen wurde auch bei einer anderen Gelegenheit deutlich. Vom verantwortlichen Trainer wurde u.a. festgelegt, daß sich die Athletinnen bei der Disziplin Speerwurf gegenseitig beobachten und auf Fehler und Schwächen aufmerksam machen. Die Praxis sah jedoch so aus, daß die stärksten Speerwerferinnen [...] und [...] sich in keiner Weise um die in dieser Disziplin schwächeren kümmerten. Bei Anke Vater sah es konkret so aus, daß nach einem ungültigen Versuch niemand aus der eigenen Mannschaft, sondern der USA-Athlet [...] erklärte, welche Fehler sie gemacht hat..."

Quelle: AIM III 1085/86 Teil II Band 1 "Marion Albrecht", BStU 0060f., ASt Neubrandenburg, Bericht vom 1.12.83 nach einem Treff am 30.11.83, Quelle "Marion Albrecht", entgegengenommen von Unterleutnant Frank Böke

Gefangen im System

Dieser Bericht wurde an die Berliner Hauptabteilung XX/3 weitergeleitet. Die Informationen von "Marion Albrecht" waren ganz offensichtlich wichtig genug, um sie in der Zentrale des MfS auswerten zu lassen. Während Vater bei den Weltmeisterschaften die Bronzemedaille holte, gingen Gold und Silber an Ramona Neubert vom SC Einheit Dresden und Sabine Paetz vom SC DHfK Leipzig. Für die drei Mehrkämpferinnen sind die Umfänge des Dopings im Zeitraum 1980 bis 1984 belegt. Sie nahmen das im DDR-Leistungssport vorwiegend eingesetzte Oral-Turinabol und erhielten darüber hinaus für Überbrückungszeiträume Testosteronester-Injektionen. Im Wettkampfjahr 1982/1983 bekam Anke Vater unter den Top-Mehrkämpferinnen der DDR die größte Menge an Dopingpräparaten (1380 Milligramm Oral-Turinabol und 45 Milligramm Testosteronester). | Quelle: Berendonk, Brigitte: Doping Dokumente, Von der Forschung zum Betrug, Berlin Heidelberg New York 1991, Seite 125

Unter Druck gesetzt von der Stasi

Vater war mit dem SCN-Dreispringer Bodo Behmer liiert, 1986 heiratete sie ihn. Mitte der 1980er-Jahre unterbrach sie ihre Karriere und bekam im Juni 1985 einen Sohn. Wenige Monate später stieg sie wieder in den Leistungssport ein. Während der Schwangerschaft und unmittelbar danach ließ die Staatssicherheit sie auch in Ruhe. Aber im Oktober 1985 traten die MfS-Offiziere mit einem kleinen Brief wieder in das Leben der jungen Mutter:

"Werte Anke Vater-[Behmer]!           

In der Vergangenheit hatte ich mehrfach die Gelegenheit Ihre hervorragenden Leistungen zu bewundern. Wie ich hörte, haben Sie nach der Geburt Ihres Kindes, zu der ich Ihnen herzliche gratuliere, wieder mit dem Training begonnen. Auf diesem Wege wünsche ich Ihnen für die weitere sportliche Entwicklung viel Erfolg, verbunden mit den besten Wünschen für Ihre Familie!

Gleichzeitig möchte ich die Gelegenheit nutzen Sie um ein Autogrammfoto zu bitten.

Vielen Dank im voraus!

                                   Mit freundlichen Grüßen

                                   verbleibe ich Ihre

Meine Anschrift:       Marion Albrecht

                                   2000 Nbg., [...]

                                   Tel. 2620"

Quelle: AIM III 1085/86 Teil I Band 1 "Marion Albrecht", BStU 000117, ASt Neubrandenburg, Schreiben vom 2.10.85

Mit diesen Zeilen wurde "Marion Albrecht" unmissverständlich zur Kontaktaufnahme aufgefordert. Sie kam dieser Aufforderung aber nicht nach. Im Mai 1986 bat sie die MfS-Offiziere Helminiak und Böke in einer Aussprache um Entbindung von der inoffiziellen Zusammenarbeit. Die Staatssicherheit stimmte einer Entbindung zwar zu, es gab jedoch keine Entpflichtung. "Marion Albrecht" sollte sich bei "besonderen Vorkommnissen" melden und berichten. In ihrer Akte sind Berichte von solchen "Vorkommnissen" nicht mehr dokumentiert.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 31.10.2018 | 00:00 Uhr

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