Zukunft Nahverkehr: Streit um neue Straßenbahnen in Rostock

Stand: 06.10.2020 10:58 Uhr

Im Dezember 2019 hat die Rostocker Bürgerschaft den Kauf von 39 neuen Bahnen beschlossen. Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen hingegen will die alten modernisieren und setzt auf Wasserstoff-Busse.

Straßenbahnen, wie sie in Rostock fahren, sind für eine Lebensdauer von 30 Jahren konzipiert. Danach, so Fachleute, fallen kostspielige Reparaturen bis hin zu Generalinstandsetzungen an, die eine Million und mehr Euro pro Bahn und Jahr gern auch übersteigen. Zum Vergleich: die Neuanschaffung eines modernen Triebwagens kostet zwischen drei und vier Millionen Euro. Von Bestellung bis zur Auslieferung kann es fünf Jahre und mehr dauern.

RSAG: Neue Bahnen müssen her

Yvette Hartmann vom RSAG Vorstand sagt, "In 2024/25 sind die Bahnen 30 Jahre alt, das ist die Nutzungszeit, die man ursprünglich auch angesetzt hat. Wenn wir jetzt nicht investieren können, werden wir auch bis dahin die Bahnen nicht geliefert bekommen. Und dann müssen sich natürlich die Fahrgäste darauf einstellen, dass Bahnen ausfallen, dass wir unser Angebot, wie wir es heute haben, so nicht mehr gewährleisten können."

Oberbürgermeister sind die Kosten zu hoch

Millionen für fast 40 neue Bahnen - zuviel, sagt Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen. Er geht sogar von Kosten in Höhe von 140 Millionen Euro aus. "Wir arbeiten gerade gemeinsam an einem Konzept, wie es möglich sein könnte, etwa über ein Leasingmodell. Wir sind noch weit davon weg zu sagen, dass es nicht möglich ist. Was aber definitiv ist: wir können nicht einfach 140 Millionen Euro aus der Kasse nehmen. Warum können wir das nicht? Weil: sie sind nicht da". Eingeweihte sagen, Madsens Zurückhaltung habe nicht mit Corona oder mit einer leeren Stadtkasse zu tun, sondern damit, dass der Däne noch weitere Millionenprojekte vor der Brust hat: Die BUGA 2025, den ebenfalls millionenschweren Theaterneubau zum Beispiel.

Wie sieht ein moderner ÖPNV aus?

Madsen selbst sagt, er wolle einen modernen ÖPNV, setze aber nicht nur auf Straßenbahnen. "Wir wollen Wasserstoffregion werden, da sollten wir auch noch Geld übrig haben für Wasserstoffbusse und Ähnliches. Eine denkbare Variante wäre auch, wir errichten hier eine Fabrik und fangen an, unsere Straßenbahnen von A bis Z durchzurenovieren. Damit schaffen wir Wirtschafts- also Industriearbeitsplätze, könnten das vielleicht gefördert bekommen..." Das allerdings sind Visionen, die nach Ansicht von Fachleuten eine Neuanschaffung von Straßenbahn nicht ersetzen können.

Busse kein Ersatz für Bahnen

Nach Ansicht der Rostocker Ortsgruppe des VCD, des Verkehrsclubs Deutschland, sind Busse kein vollwertiger Ersatz für Straßenbahnen. Zum einem sei die Emissionsbilanz selbst bei gering besetzten Bahnen um 40 Prozent besser, als bei E-Bussen und das Platzangebot einer Bahn mit gut 200 Fahrgästen viermal so groß wie beim Bus. Außerdem, so der Rostocker VCD-Sprecher Tobias Köthke, spiele eine wichtige Rolle, "dass zu circa 90 Prozent die Trassenführung der Straßenbahn vom Individualverkehr unabhängig ist. Demzufolge müsste man die Schienentrassierung ohne Asphalt für den Busverkehr anpassen." Die Folge: erneut Kosten in Millionenhöhe.

Kein Geld vom Land?

Mit Extra-Millionen vom Land für Investitionen in neue Straßenbahnen ist jedenfalls nicht zu rechnen. Geld für den Nahverkehr wird nicht extra ausgereicht, sondern ist in den Zahlungen enthalten, die das Land im Rahmen des FAG, des Finanzausgleichsgesetzes, leistet. Wie dieses Geld verwendet wird, obliegen der Bürgerschaft und der Stadtverwaltung. Und damit liegt der Ball, was die Anschaffung neuer Straßenbahn angeht, wieder im Rathaus.

Weitere Informationen
Der Blick von der Fußgängerzone auf die Lange Straße in Rostock. Mitten durch fahren Autos und es hält eine Straßenbahn. © picture alliance/Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Bernd Wüstneck

Madsen stellt Neukauf von Straßenbahnen infrage

Der Rostocker Oberbürgermeister Madsen stellt den Neukauf von Straßenbahnen infrage. Parallel dazu erarbeiten die Hansestadt und der Landkreis einen neuen Nahverkehrsplan. mehr

Fahrgäste sitzen mit Mund-Nasen-Schutz in einem Bus. © picture alliance/Ole Spata/dpa Foto: Ole Spata

Aktionstag: Landesweite Kontrolle von Mund-Nasen-Bedeckung

Heute wird überall in Mecklenburg-Vorpommern verstärkt die Einhaltung der Maskenpflicht in Bussen und Bahnen kontrolliert. Das Verkehrsministerium hat dazu aufgerufen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.10.2020 | 09:38 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, spricht mit ihrem Stellvertreter, Innenminister Lorenz Caffier (CDU) - beide tragen Corona-Masken. © dpa-bildfunk Foto: Jens Büttner

Corona-Gipfel wegen Corona-Fall unterbrochen

Mitarbeiter der Staatskanzlei von Regierungschefin Schwesig ist positiv getestet worden. mehr

Unfallstelle Rostocker Straßenbahn © Jürn-Jakob Gericke Foto: Jürn-Jakob Gericke

Straßenbahnen in Rostock zusammengestoßen - zehn Verletzte

Eine Straßenbahn ist auf gerader Strecke auf einen Wartungswagen aufgefahren, der Fahrer wurde eingeklemmt. mehr

Zapfhähne für Bier in einem Restaurant sind nicht in Benutzung. © dpa-Bildfunk

Neue Corona-Verordnung: Regierung in MV zieht die Zügel an

Die Landesregierung berät über eine erweiterte Verordnung. Künftig soll es in MV Sperrstunden und Alkoholverbote geben. mehr

Trübes Wasser des Flusses Barthe bei Stralsund. © NDR Foto: M. Rüthing

Klärteichschlamm verschmutzt die Barthe bei Stralsund

Schlamm aus einem Klärteich ist offenbar in die Barthe geflossen. Der kleine Fluss wurde gerade aufwändig renaturiert. mehr