Ekkehardt Kumbier © NDR Foto: NDR

"Wir werden diese Pandemie überstehen"

Stand: 16.12.2020 15:45 Uhr

Die Corona-Pandemie stellt uns vor nie gekannte Herausforderungen. Was wir daraus und aus der Medizingeschichte lernen können, erklärt Prof. Ekkehardt Kumbier. Der Psychiater leitet den Arbeitsbereich Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin in Rostock. Die Fragen stellte Heiko Kreft.

Wie einzigartig ist Corona im Vergleich zu Pandemien in der Vergangenheit?

Hier liegt der Vergleich mit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren nahe, die ja in den Jahren 1918 bis 1920 etwa 50 Millionen Todesopfer forderte. Bei dieser Pandemie starben wie gesagt, weltweit 50 Millionen Menschen. Und diese Grippe beziehungsweise diese Pandemie wurde als solche gar nicht in diesem Ausmaß und in dieser Bedrohung wahrgenommen, wie wir es heute mit der Corona-Pandemie machen. Warum? Weil zum damaligen Zeitpunkt in Folge des Ersten Weltkrieges die Menschen existenzielle Probleme hatten. Sie hatten schlechte Wohnbedingungen. Sie waren unterernährt, sie kämpften zum Teil ums Überleben, und in diesem Zusammenhang ging die Grippe, ich will nicht sagen unter, aber spielte nicht die dominante, vordergründige Rolle wie es Corona heute macht, obwohl so viele Todesopfer zu beklagen waren.

Gab es auch früher Pandemie-Leugner und Panikmacher?

Also ich denke, dass es solche kontroversen Diskussionen immer gab. Es gab sie allerdings nicht in diesem Ausmaß und vor allem nicht so öffentlich wie heute. Sie wurden dann in anderen Kreisen, in Fachkreisen, in Diskursen diskutiert. Das ist ja in unserer modernen medialen Welt ganz anders.  Die Diskussion spielt sich mit einer größeren öffentlichen Aufmerksamkeit und mit einer viel größeren Dynamik ab als vielleicht noch vor einigen Jahrzehnten.

Hatten wir uns vor 2020 zu sehr an die Abwesenheit von Seuchen gewöhnt?

Wenn wir selbstkritisch sein wollen: Ja. Der enorme Fortschritt in der Medizin, auch hinsichtlich des Impfens hat uns glauben lassen, dass viele - nicht alle, also zum Beispiel nicht Krebserkrankungen - aber viele, gerade Infektionserkrankungen keine so große mehr Rolle spielen. Und wir erleben gerade, dass es eben ganz anders ist. Dass Infektionsgeschehen einen harten Einschnitt in unseren Alltag bedeutet. Und dass auch unser Gesundheitssystem, das sicherlich ein sehr, sehr gutes ist, an Grenzen kommen kann.

Führen Pandemien beinahe zwangsläufig zu Ausgrenzungen von Teilen der Gesellschaft?

Also in der immer vorhandenen Tendenz der Schuldzuschreibung werden Randgruppen als problematisch dargestellt und als Verursacher beziehungsweise als Verbreiter von Seuchen. Wie zum Beispiel in den 80er Jahren bei AIDS oder auch bei anderen Erkrankungen vorschnell diskreditiert wurde. Und das führt natürlich zu Ausgrenzung dieser Gruppen. Ich würde jetzt aber nicht sagen, dass dies in der heutigen Zeit zu einer Ausgrenzung der älteren Bevölkerung führt. Das würde ich so nicht sehen. Ich denke eher, dass im Sinne des Schutzes der älteren Bevölkerung agiert wird und nichts, um sie primär auszugrenzen. Das dann leider auch die Folgen der sozialen Isolierung dabei eine Rolle spielt, ist aber natürlich auch sehr beeinträchtigend Und das trifft natürlich die gesamte Gesellschaft. Also nicht nur die Alten, aber die natürlich besonders.

Gibt es in der Geschichte ein wiederkehrendes Motiv der Schuldzuschreibung?

Der Fingerzeig nach außen auf "Schuldige"  - das gibt es in der Geschichte der Medizin und in der Geschichte der Seuchen immer. Wenn wir zum Beispiel an die sogenannte Hongkong-Grippe oder an die Asiatische Grippe in den 1950er- und 1960er-Jahren denken, dann geht der Fingerzeig immer nach außen. Und die Schuldzuschreibung ist schnell da. Und genau das passiert ja im Rahmen der Corona-Epidemie zum Teil auch. Zumindest aus anderen Ländern hinsichtlich China. Oder auch damals in den 1980er-Jahren im Zusammenhang mit AIDS, dass irgendwelche Labore der Militärs oder des Geheimdienstes verdächtigt wurden, Biowaffen im Auftrag irgendwelcher Mächte zu entwickeln und zu verbreiten oder irgendwelche Zionistischen Gruppen und so weiter. Das ließe lässt sich beliebig austauschen und erweitern und spielt in der Geschichte der Medizin immer eine Rolle. Im Mittelalter waren es die Hexen. Das waren immer die anderen. Immer die, die anders aussahen, die anders sprachen, die sich anders verhielten, die "von außen" kamen.

Was hat sie im Corona-Jahr 2020 überrascht? Worüber haben Sie besonders nachgedacht?

Das Nachdenken über den existenziellen Sinn unseres Lebens. Ich glaube, wir werden auf uns selbst zurückgeworfen. Auf bestimmte wesentliche Grundfragen: Wer wir sind? Und wohin wir wollen? Und das spielt, denke ich, eine ganz wichtige Rolle -  inne zu halten und zu überlegen. Wir werden diese Pandemie überstehen, da bin ich mir sicher. Die Frage ist: Soll alles so weitergehen, wie es vorher war? Oder was lernen wir aus der Pandemie? Was können wir zukünftig anders machen? Im Miteinander, im sozialen, aber auch in unserer Verantwortung gegenüber der Umwelt und so weiter? Ich denke, das hat mich noch näher an solche grundsätzlichen Fragen des Lebens herangeführt.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 29.12.2020 | 19:30 Uhr

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