"Wir Ostdeutsche": Wie Junge die Einheit sehen

Stand: 27.09.2020 16:08 Uhr

Tina Arndt leitet einen Kinderchor in Leipzig, Marieke Reimann ist Chefredakteurin von ze.tt. in Berlin. Beide sind ostdeutsch geprägt - ärgern sich aber auch über Vorurteile.

von Lutz Pehnert und Siv Stippekohl

Tina Arndt © Das Erste Foto: Das Erste
Tina Arndt ist in Röbel geboren und lebt mittlerweile in Leipzig.

"Ich finde es befremdlich, mir vorzustellen, dass es hier ein Land gab, in dem man nicht frei war", sagt Tina Arndt. Ihre Stimme klingt ein wenig, als lese sie aus einem Märchen vor: "Es begab sich vor einer Zeit …" Die junge Frau ist im 30. Jahr der Einheit Mutter geworden, sie selbst wurde am Tag der Einheit, am 3. Oktober 1990, in Röbel an der Müritz geboren. Tina Arndt wuchs ohne Windeln aus Baumwolle und mit Nutella statt Nudossi auf. Mit vielen Selbstverständlichkeiten, die für ihre Eltern keine waren: Reisen in ferne Länder, nach eigenem Belieben und Vermögen.

Was ist für Junge "ostdeutsch"?

Tina Arndt lebt in Leipzig, hat hier Arbeit als Leiterin eines Kinderchors gefunden. Dennoch kann sie ziemlich genau benennen, wie sehr sie ostdeutsch geprägt ist. "Ich glaube schon, dass mir ein anderer Gemeinschaftssinn mitgegeben wurde, der so DDR-ansozialisiert wurde." Gleichzeitig ist für sie typisch ostdeutsch: eine gewisse Vorsicht gegenüber Mitmenschen. Tatsächlich bedauert Tina Arndt es, dass sie genau genommen wenig über die DDR in der Schule gelernt hat, meist blieb für das Thema zu wenig Raum. Dabei sei die Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte bis heute wichtig.

Umbrüche wirken bis heute nach

Marieke Reimann © Das Erste Foto: Das Erste
Die gebürtige Rostockerin Marieke Reimann hat es nach Berlin verschlagen.

Auch Marieke Reimann erzählt von ihrer ostdeutschen Prägung. Vor allem die Umbrüche, Umorientierungen, Umschulungen, mit denen die Einheit für ihre Eltern und die aller Freunde einher gingen, haben Spuren auch in den Lebensläufen der jungen Generation der heute um die 30-Jährigen hinterlassen: "Ziehe ich weg aus den neuen Bundesländern, baue ich mir woanders eine Existenz auf oder versuche ich an das anzuknüpfen, was ich aus der DDR gelernt habe und auch an Werten mitbringe?" Marieke Reimann war am 3. Oktober 1990 zweieinhalb Jahre alt. Sie wuchs in Rostock-Schmarl auf, besuchte in Lütten Klein die Kita, lebte mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester zusammen. Ihre Mutter gibt ihr Unabhängigkeit und Pragmatismus mit auf den Weg. Nach dem Abitur verlässt Marieke Reimann Rostock. Berufswunsch: Journalistin.

Wer sind Christa Wolf und Václav Havel?

Ihre ostdeutsche Herkunft trägt sie nicht wie ein Aushängeschild vor sich her, sie ist ihr an sich auch nicht wichtig. Schließlich ist sie im vereinten Deutschland aufgewachsen. Und doch trifft sie immer wieder auf Klischees und Vorurteile. Ende der 1990er-Jahre tauchen immer wieder sächselnde "Ossis" im Fernsehen auf. Es ist die Zeit der "Ostalgie". Marieke Reimann ist betroffen. Da wird ein Stereotyp "des dummen Ossis" immer wieder bedient, dabei waren für Marieke Städte wie Leipzig und Dresden stets Orte der deutschen "Dichter und Denker", auf die man stolz sein durfte. 

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Keyvisual Wir Ostdeutsche © Das Erste Foto: Das Erste

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Was heißt es, Ostdeutscher zu sein im 30. Jahr der Deutschen Einheit, und was heißt das für das ganze Land? Die Doku im Ersten am 28. September um 20.15 Uhr. extern

Als sie Anfang 20 ist, arbeitet sie als junge Journalistin in Köln. 2011 stirbt die Schriftstellerin Christa Wolf, kurz darauf der tschechische Regimekritiker Václav Havel. Marieke Reimann liest die Agenturmeldungen und meint in der Redaktion, das sei relevant, darüber müsse dringend berichtet werden. "Die wussten nicht, wer diese Menschen sind, die da gestorben sind!", erinnert sie sich. Das Problem, nicht allein im Journalismus, sondern auch gesamtgesellschaftlich sei, "man misst den Ostdeutschen, als wären die Ostdeutschen so eine homogene Masse, immer so an dem westdeutschen Ideal". Die unterschiedlichen west- und ostdeutschen kulturellen Hintergründe werden also nicht auf Augenhöhe und gleichberechtigt behandelt. Marieke Reimann lebt heute in Berlin und beschäftigt sich journalistisch mit Ostdeutschland. Sie ist Chefredakteurin des Online-Magazins ze.tt, das sich an junge Menschen richtet.

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Positive Vorbilder Mangelware?

Sie ärgert sich darüber, dass wenig über ostdeutsche Erfolgreiche berichtet wird. So gibt es kaum positiv besetzte Vorbilder mit ostdeutscher Geschichte. Das, so meint Reimann, liege nicht zuletzt an den Erfolgreichen selbst. Es mangele an einer ostdeutschen Elite, "die sich nach außen hin auch als solche präsentieren würde. Ich bin ganz klar der Meinung, wenn eine Angela Merkel die Uckermark so vor sich her tragen würde, wie ein Horst Seehofer Bayern vor sich her trägt, dann hätten wir ein paar weniger Probleme!"

Und Tina Arndt, die am 30. Jahrestag der Deutschen Einheit ihren 30. Geburtstag feiert meint: "Jeder westdeutsche Vorstand stellt ja den ein, der ihm am ähnlichsten ist und da reproduzieren sich Vorurteile. Das ist Mist, ist einfach Mist."

Die Doku zum Thema sehen Sie am 28. September um 20.15 Uhr im Ersten.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 27.09.2020 | 19:30 Uhr

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