Warnemünde: Laufkatzen hängen am Bockkran der MV Werft in Rostock-Warnemünde. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner/dpa

Wieder Finanzloch bei MV-Werften: Wie gefährdet sind die Jobs?

Stand: 03.12.2021 16:00 Uhr

Die MV-Werften sind erneut in finanziellen Nöten. Zur Fertigstellung des ersten Schiffes der Global Class braucht der Werftenverbund Zugriff auf eine Reserve.

von Martin Möller und Jürgen Opel

Die vollen Parkplätze am Werfttor in Wismar sind auf den ersten Blick ein hoffnungsfrohes Zeichen. In der riesigen Halle der MV-Werften herrscht reges Treiben. Gut 2.000 Schiffbauer und Leiharbeiter arbeiten Tag für Tag am ersten Kreuzfahrtriesen der Global Class. Zurzeit läuft der Innenausbau des schon jetzt teuersten jemals in Mecklenburg-Vorpommern gebauten Schiffes. Aber die frisch lackierte Außenhülle täuscht. Noch ein weiteres Jahr lang muss an dem 342 Meter langen Schiff gebaut werden, wenn denn rechtzeitig frisches Geld fließt. Den MV-Werften droht die Zahlungsunfähigkeit und Massenentlassungen - wieder einmal. Und wieder haben es die Beschäftigten aus der Presse erfahren

Jobverlust wegen Kostenexplosion

Nach Angaben des frischgebackenen Wirtschaftsministers Reinhard Meyer (SPD) treten die Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund in eine entscheidende und wohl auch kritische Phase. Bereits Mitte des Jahres sind 600 Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft gewechselt. Die gleiche Anzahl könnte schon im kommenden Februar folgen.

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Krane stehen auf dem Gelände der MV-Werft in Rostock-Warnemünde © dpa picture alliance Foto: Jens Büttner, dpa

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Das Problem: Der immer wieder Corona-bedingt verzögerte Bau des Kreuzliners "Global 1" verschlingt zu viel Geld. Eine straffere Bauaufsicht und der Wechsel des Präsidenten des Mutterkonzerns Genting Hong Kong, Colin Au, in die Geschäftsführung der MV-Werften konnten daran bislang nichts ändern. Diesmal fehlen 148 Millionen Dollar. Das Geld ist eigentlich als eine Art Notreserve verplant und sollte erst 2024 fließen. Aber Genting braucht diese Finanzspritze schon jetzt. 88 Millionen Dollar sind ein Darlehen des Landes, 30 Millionen Dollar kommen vom Wirtschaftsstabilisierungsfonds des Bundes und 30 Millionen Dollar wollte der Mutterkonzern Genting beisteuern.

Verhandlungspoker zwischen Bund, Land und Genting

Nun stehen zähe Verhandlungen an und die Zeit drängt. Ohne frisches Geld könnten die MV-Werften schon Anfang nächsten Jahres zahlungsunfähig sein. Aber das Land Mecklenburg-Vorpommern zögert, mag sich nicht in weitere unkalkulierbare finanzielle Abenteuer stürzen. Der politische und wirtschaftliche Preis im Falle eines Scheiterns der MV-Werften wäre hoch. Deshalb soll sich der Bund stärker beteiligen und besonders auch der Mutterkonzern Genting. Aber der steht selbst auf wackeligen Füßen. Das Hauptgeschäft mit Glückspiel, Ferienresorts und Kreuzfahrten ist durch die Corona-Pandemie eingebrochen und niemand weiß, wann sich die Branche wieder aufrappelt. Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern wird der Finanzspritze außerdem nur dann zustimmen, wenn Genting außerdem einen verlässlichen Finanzplan vorlegt, mit dem die "Global 1" auch wirklich binnen Jahresfrist fertiggestellt werden kann.  

Stralsunder Werft als Verlierer

Egal, wie es mit der Global Class in Wismar weiter geht, besonders hart wird es die Stralsunder Schiffbauer treffen. Bereits jetzt gibt es für den Standort keine Arbeit. Am Ende könnten gerade einmal 20 bis 30 Mitarbeiter übrigbleiben, die die Werft "warmhalten". Auch in Warnemünde gilt die Kurzarbeiterregelung. Dort lagern schon Teile für die "Global 2": Sektionen, Bugstrahlruder, Motoren, Pumpen und sogar Balkontüren im Wert von über 300 Millionen Euro. Aber dass der Bau des zweiten Megaliners in naher Zukunft weiter gehen könnte, traut sich an der Warnow kaum einer zu hoffen. Für die "Global 2" brauchen die MV Werften noch mindestens eine Milliarde Euro.

Neues Berliner Kabinett bereitet Kopfschmerzen

Aber erstmal geht es um die "Global 1". Was die Fertigstellung des Schiffes in Wismar zusätzlich erschwert, ist das momentane Machtvakuum in Berlin. Bald wird es Reinhard Meyer mit einem Finanzminister Christian Lindner zu tun bekommen. Der Freidemokrat gilt nicht als Freund von staatlichen Subventionen. Und dann ist da noch Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen). Der Flensburger wird voraussichtlich neuer Bundesminister für Wirtschaft und Klima. Habeck ist immerhin ein ehemaliger Kabinettskollege des Schweriner Wirtschaftsministers Meyer. Aber ob der kurze Draht dem Sozialdemokraten helfen wird, Habeck zu bewegen, einen Kreuzfahrtriesen zu finanzieren, der tonnenweise Diesel und Schweröl verbrennt, erscheint eher fraglich.

IG Metall fordert Perspektive für Arbeitskräfte

Für Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, sei vor allem wichtig, dass die "Global 1" weiter gebaut wird. Zusätzlich müsse der Bau des Kreuzliners "Global 2" starten. Außerdem müsse Genting sich klar dazu äußern, wie es um die Standorte in Mecklenburg-Vorpommern steht, fordert Friedrich bei NDR MV Live. Nur so könne eine Perspektive für für Arbeitskräfte gesichert werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.12.2021 | 15:15 Uhr

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