VIDEO: Corona und wir in MV: Wie geht es uns jetzt? (3 Min)

Werftarbeiter in Wismar, Daniel Seidler: "Wie ein Neuanfang"

Stand: 18.06.2021 08:38 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt, um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Katrin Kahlke

"Es fühlt sich gerade alles an wie ein Neuanfang", erzählt Daniel Seidler. Er blicke wieder etwas positiver in die Zukunft. Euphorisch klingt er aber nicht. Seit ein paar Tagen steht zwar fest, dass es weitergeht bei seinem Arbeitgeber MV-Werften. Aber nicht, ob es auch mit ihm weitergeht.

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"Alles geht wieder los, aber die Sorge ist immer noch da"

Das Schiffbauunternehmen kommt unter den Corona-Rettungsschirm. Der Bund hat die Überbrückungskredite aus dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds bewilligt. 300 Millionen Euro für den Weiterbau eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt, der "Global 1", in Wismar. Die meisten Kollegen hätten lange gebangt, ob das klappt mit dem Corona-Rettungsschirm, sagt Seidler. Unterschrieben seien die Verträge zwar noch nicht. Aber "jetzt wo er da ist, der Rettungsschirm, da sind alle froh und glücklich." Doch nun komme der nächste Schritt - und die Kündigungen. "Es geht eben alles wieder los. Es weiß keiner: Bin ich auf der Liste oder bin ich es nicht? Und was passiert, wenn wir denn vielleicht keine Folgeaufträge kriegen? Was machen wir denn? Also die Sorge ist immer noch da."

In den Nachrichten habe er gehört, dass 600 Kollegen in einem ersten Schritt gekündigt werden sollen. Verteilt auf alle drei Standorte. In Wismar, Warnemünde und Stralsund. Daniel Seidler meint: "Einerseits sind wir alle froh, dass es weitergeht. Andererseits haben wir Angst vor dem, was da jetzt kommt. Angst, den Job zu verlieren haben alle. Das ist schon eine sehr doofe Situation, muss ich sagen." Es habe auch "Abstürze" gegeben unter seinen Kollegen.

Derzeit wenig Aufgaben für Konstrukteure

Daniel Seidler arbeitet in der Konstruktionsabteilung bei MV-Werften. Vor Ort ist er aber nur an einem einzigen Tag in der Woche. Die restliche Zeit ist der Mittvierziger in Kurzarbeit. Um seinen Job weiter machen zu können, müssten neue Aufträge her. Neue Projekte, an denen der studierte Maschinenbauer arbeiten kann. Nur woher sollen die kommen?

In den vergangenen Monaten sei so einiges passiert im Dock. "Das Schiff liegt dort. Es ist einiges aufgerüstet worden. Es ist auch mehr unter Farbe gekommen, also es hat sich schon was getan. Man sieht das Schiff jetzt schon. Und ich freue mich, wenn es endlich mal vor der Tür steht und es alle sehen können. Weil man es so gar nicht einschätzen kann, wieviel Arbeit drin steckt. Aber das dauert noch ein bisschen."

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Einschnitt im auch im Privaten

Rückblickend sei die Corona-Zeit nicht nur einschneidend für das Berufsleben gewesen. "Es war auch einschneidend, dass wir uns in der Familie nicht gesehen haben, im Freundeskreis auch nicht. Dass wir in allem eingeschränkt waren war schlimm, immer unter den ganzen Corona-Vorgaben. Das hat uns doch schon ganz schön zurückgeworfen. In meiner Familie haben wir immer gern zusammen Geburtstage gefeiert, sind gern zu anderen Freunden oder Verwandten zu Besuch gefahren. Das war uns alles nicht vergönnt. Und das werden wir auch nie wieder nachholen können."

Überraschend und erfreulich sei es für ihn, zu hören, dass es in Mecklenburg-Vorpommern mit den Impfungen so gut voran gehe. Er habe auch schon eine Impfung bekommen, sagt Daniel Seidler. Eigentlich mehr durch Zufall, bei seinem Hausarzt. Das sei besser gegangen als gedacht. Und, dass die Zahl der Corona-Neuinfektionen so niedrig ist sei, das sei auch schön.

Rheinsberger Seenlandschaft statt Kreuzfahrt

Den Sommer wolle er mit der Familie jetzt erstmal genießen. "Meine Familie und ich werden demnächst mal eine Woche Urlaub machen. An der Rheinsberger Seenlandschaft. Und das brauchen wir auch. Dass wir als Familie mal wieder zusammen sind. Wir wollten eigentlich eine Kreuzfahrt machen mit der Aida aber die wurde uns leider abgesagt. Und nun haben wir uns als Alternative die Rheinsberger Seenlandschaft gesucht. Das ist nicht ganz so aufregend aber wir hoffen, das wird cool."

Die Gesellschaft brauche insgesamt mehr Positives. Nicht mehr soviel "Schlechtgemache". Die Menschen sollten optimistischer in die Zukunft gehen, positiver denken und nicht soviel schwarz sehen. Ob alles mal wieder so wie früher wird? "Nein, das glaube ich nicht. Es wird schon noch einiges geben an Einschränkungen. Aber das sind eigentlich alles Sachen, an die man sich gewöhnt. Also ich habe mittlerweile kein Problem mehr damit, in einem Geschäft eine Maske aufzusetzen. Das mache ich schon automatisch. Und wenn es das ist, was wir beibehalten, dann ist das halt so. Aber wir können uns frei bewegen."

Hoffnung: Aus Fehlern für Zukunft lernen

Nachdenklich stimme ihn, wenn er höre, wie viele Leute aus der Politik sich eine goldene Nase verdient haben in dieser Pandemie, sagt Daniel Seidler. "Da sagt man sich: Das kann doch nicht sein." Die Politiker seien gewählt worden und sollten die Interessen der Wähler, der Bürger, vertreten. Doch was machten sie stattdessen? "Sie stecken sich die Taschen voll. Das hat mich echt nachdenklich gemacht. Was solche Leute so umtreibt. Damit meine ich nicht nur die, die an Masken verdient haben sondern auch an Corona-Testzentren, die ja überall aus dem Boden geschossen sind. Da wurden Tests abgerechnet, die gar nicht gemacht worden sind. Da ist man wohl auch sehr blauäugig rangegangen und hat gesagt: immer raus damit. Die Kontrollorgane, die gab es wohl nicht zu der Zeit." Er hoffe, dass das irgendwann vielleicht mal funktioniere und aus den Fehlern gelernt werde. "Dass man mal guckt, was man zukünftig besser machen kann."

Sorge um Schulkinder: "Noch ein ganzes Stück Arbeit"

Angst mache ihm die Situation an den Schulen, berichtet Seidler. Er sehe das bei seinen Kindern, dass viel auf der Strecke geblieben ist. Wie sollen sie das wieder aufholen? "Ich glaube nicht, dass da im nächsten Schuljahr irgendwas großartig wiederholt wird, denn der Stoff muss ja trotzdem gelehrt werden von dem Jahr. Da stell ich mir die Frage, wie das mal werden soll? Ich habe mich auch so manches mal geschämt, wie da Sachen umgesetzt werden an den Schulen. So seien von der Landesregierung Vorgaben gemacht worden und die Lehrer hätten gar nicht gewusst, was sie tun sollen. Vieles habe gar nicht umgesetzt werden können und manchmal seien sehr "sinnbefreite Sachen" dabei herausgekommen. Er frage sich: "wie denn die Schüler da noch motiviert lernen wollen? Ich kenne einige, die jetzt nicht mehr motiviert zur Schule gehen, die wollen lieber zu Hause bleiben. Die sind aber noch lange nicht in einem Alter, in dem sie sagen können: Ich hör auf mit der Schule. Das wird bestimmt noch ein ganz schönes Stück Arbeit werden, diese Schüler wieder zu motivieren. Oder ihnen beizubringen, wieder zu lernen.

Querdenker: Nette Kollegen jetzt völlig umgekrempelt

Als etwas peinlich habe er die Querdenker erlebt. Was da manchmal so behauptet worden sei. "Wo holen diese Leute ihre Information her? Aus welchem Märchenbuch?" Er habe Menschen in seinem Bekanntenkreis, die seien immer nett und freundlich gewesen. Und jetzt in der Corona-Pandemie völlig umgekrempelt. Von Verschwörungstheorien sei die Rede. Ein Kollege habe manchmal viel Blödsinn erzählt. "Ich habe dann das Gespräch abgebrochen, es ging einfach nicht mehr. Vielleicht kommt sowas davon, wenn jemand seit März vergangenen Jahres im Home Office ist. Das sind dann wahrscheinlich die Nebenwirkungen."

Im Großen und Ganzen sei er momentan recht optimistisch, sagt Daniel Seidler - und motiviert. Er freue sich auf alles, was komme. Privat und beruflich. "Verunsicherung hatten wir jetzt monatelang genug. Es ist Zeit, wieder positiv in die Zukunft zu gucken."  Was er braucht? "Nichts. Eigentlich bin ich so zufrieden. Ich vermisse jedenfalls nicht das Einkaufen oder sowas. Man hat sich das irgendwie abgewöhnt, das ist wahrscheinlich schlecht für die Geschäfte aber - ich finde, man ist zufriedener."

So erleben Mecklenburger und Vorpommern die Corona-Pandemie:

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Dieses Thema im Programm:

16.06.2021 | 19:30 Uhr

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