Portrait des Konstrukteurs Daniel Seidler, der für MV Werften in Wismar arbeitet © NDR Foto: screenshot

Werftarbeiter: Rasenmähen statt Hightech-Job

Stand: 02.12.2020 15:09 Uhr

Während die Geschäftsführung der MV Werften mit Bund und Land über Finanzhilfen ringt, fürchten Schiffbauer wie Daniel Seidler ganz konkret um ihren Job.

von Katrin Kahlke, NDR 1 Radio MV

Ein Schiff, so gigantisch groß wie ein Hochhaus. "Es erschlägt einen förmlich, wenn man die Werfthalle betritt," erzählt Daniel Seidler. Seidler ist einer der Konstrukteure beim Schiffbauer MV Werften und als Projektant zuständig für Maschinenraumbereiche, die Anordnung von Aggregaten in der "Global One". Sie soll einmal das größte Kreuzfahrtschiff der Welt werden, mit Platz für 10.000 Passagiere und 2.500 Crew Mitglieder. Hätte die Corona-Pandemie den Bau nicht ausgebremst. Seit März ist das Gros der Beschäftigten auf der Wismarer Werft in Kurzarbeit. "Das war eine ganz schöne Umstellung. Auf einmal war nichts mehr da, was man tun konnte. Ich hänge sehr an meinem Job und weiß, dass ich hier im Umkreis nichts Vergleichbares kriegen werde. Deswegen hoffe ich doch, dass es weitergeht."

"Das ist modernster Maschinenbau"

Daniel Seidler ist Mitte 40, verheiratet, hat zwei kleine Kinder. Schiffbauer ist eigentlich sein zweiter Beruf. "Gelernt habe ich Gas- und Wasser-Installateur - vor langer Zeit," sagt er lächelnd. Er hat das Abitur nachgeholt und Maschinenbau studiert. Für seine Diplomarbeit musste er mehrfach auf die Werft. "Davor war für mich ein Schiff einfach nur ein großer Stahlkörper mit einem rauchenden Schornstein." Erst auf der Werft habe er mitbekommen, wieviel Hightech in so einem großen Schiff steckt. "Das ist modernster Maschinenbau. Die Arbeit vielseitig, nie langweilig." Er habe sich damals weiterentwickeln können, hatte tolle Kollegen. Das war so prägend für ihn, dass er beschloss: "Ich bleibe da." Das will er auch heute noch. Dableiben. Auch nach acht Monaten in Kurzarbeit, in denen Seidler wie viele seiner Kollegen Sorgen um die Zukunft und Existenzängste hatte. "Man macht sich darüber Gedanken, wie es weitergeht, wenn es nicht weitergeht," sagt er. Er habe sich in der Zeit um Haushalt und Familie gekümmert, habe bei Bekannten geholfen, sogar bei seiner Tante Rasen gemäht. Er hätte auch gern ehrenamtlich gearbeitet. "Auch beim DRK habe ich angerufen, aber es hat sich nie jemand zurückgemeldet", sagt Seidler.

Rasenmähen oder Bilder malen

Seine Kollegen würden ganz unterschiedlich mit der Situation umgehen. "Wir haben alle Kontakt miteinander gehalten“, berichtet Seidler. "Es gibt eine Kollegin, die unterrichtet nebenbei an einer Sprachschule, ein anderer malt jetzt Bilder und wiederum ein anderer fährt Essen aus." Doch die Angst um den Job, die sei bei vielen weiterhin da. Das Kurzarbeitergeld, das bis zu Zweidrittel des Lohns beträgt, sei kein Trost. "Sie wollen alle arbeiten und nicht zu Hause sitzen," so Seidler. Es gebe auch Kollegen, die depressiv wären. "Mit ein paar von ihnen bin ich in Kontakt und versuche, sie aufzubauen. Ich sage dann: Guck mal, wo du bist. Es könnte doch viel schlechter laufen. Und alle Messen sind noch nicht gesungen. Durchhalten. Bloß nicht abgleiten in irgendwelche Alkoholsüchte, das bringt nichts."

Alle Hände voll zu tun

Die Geschäftsführung informiert die Werftarbeiter intern über eine App. Etwa die Hälfte der rund 1.300 Kollegen in Wismar könne unter Pandemiebedingungen bereits wieder arbeiten, sagt Folko Manthey vom Betriebsrat: "Die, die da sind, haben alle Hände voll zu tun. Die arbeiten an dem Schiff weiter. Beziehungsweise in der Konstruktion wird auch schon an der Universal Class gearbeitet. Aber wir haben auch ganz viele, die seit März zu Hause sind. Da steigt die Verunsicherung mit jedem Tag." Die Kollegen wollen wissen, wann es weiter geht, berichtet der Betriebsrat.

Hoffnungszeichen aus Fernost

Er selbst glaube fest an eine Zukunft der MV Werften, sagt Manthey und blickt so überzeugt, als könne ihn nichts erschüttern. In 35 Jahren, die er auf der Werft in Wismar arbeitet, sei es schon so oft bergauf und bergab gegangen. Da werden sie auch die Corona-Krise überstehen: "Wir haben Informationen von unserem Mutterkonzern Genting in Hongkong, dass sie dort mit drei, vier Schiffen am Markt platziert sind und Kreuzfahrten mit reduzierter Passagierzahl wieder anbieten." Er glaube fest daran, dass der riesige asiatische Markt wieder in Bewegung komme und Menschen wieder Kreuzfahrten unternehmen, so Manthey.

Auch Werftarbeiter zahlen Steuern

Das wünscht sich auch Konstrukteur Daniel Seidler. "Die Werft hat einen sehr guten Ruf. Und den wollen wir auch beibehalten." Auch für die Region sei es wichtig, dass es weitergeht. Die halbe Stadt hänge irgendwie mit der Werft zusammen: Einzelhandel, Gastronomie, der Tierpark. Es mache ihn traurig, Negatives über das Unternehmen in der Zeitung oder den sozialen Medien zu lesen, sagt Seidler, zum Beispiel wenn da steht, es würden Steuergelder verpulvert. Auch die 3.500 Werftmitarbeiter in Wismar, Warnemünde und Stralsund seien schließlich Steuerzahler, so Manthey. Die Leute, die so etwas schreiben, wüssten gar nicht, „was sie an der Werft haben und was sie für die Region bedeutet".

Weitere Informationen
Am Standort Warnemünde der MV Werften wird das 216 Meter lange Mittschiff des ersten Global-Class-Kreuzfahrtschiffes "Global Dream" ausgedockt. © MV Werften Foto: MV Werften

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.12.2020 | 19:30 Uhr

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