Werftarbeiter Daniel Seidler: Hoffen auf Zusage für zweites Schiff

Stand: 26.12.2021 08:08 Uhr

Wie geht es uns? Was wünschen wir uns, um über den zweiten Winter der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Sommer und Winter 2021 erlebt haben - so auch den Schiffskonstrukteur Daniel Seidler aus Wismar.

von Katrin Kahlke

Corona hat Kreuzfahrt-Tourismus weltweit lahmgelegt. Und der Schiffbauer MV-Werften, der gerade dabei ist, eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt zu bauen - ist doppelt betroffen. Denn der Mutterkonzern Genting Hongkong verdient mit dem Kreuzfahrt-Tourismus sein Geld und hat wegen fehlender Einnahmen Probleme, das Schiff "Global One" in Wismar fertig zu bauen. An manchen Tagen im vergangenen Jahr hat Daniel Seidler einfach nur versucht, nicht an Corona zu denken. Nicht an Kurzarbeit, an Entlassungen und schon gar nicht die fehlenden Millionen, die sein Arbeitgeber MV-Werften dringend braucht, um das große Kreuzfahrtschiff in Wismar weiterzubauen.

"Das Schiff sieht schon sehr schön aus"

"Wir leiden ja schon länger unter der Situation, wir hatten schon hoffnungsvollere Zeiten und auch hoffnungslosere Zeiten", sagt Seidler. Der Schiffskonstrukteur steht an der Kaikante im Wismarer Hafen und blickt hinüber auf's Werftgelände. Dort stehen schon die neuen Schornsteine und die Wasserrutsche - bereit für den Einbau in die "Global One". Zu sehen bekommen das Riesen-Schiff derzeit nur die Mitarbeiter. "Das Schiff habe ich letzte Woche gerade erst gesehen auf der Arbeit. Das sieht schon sehr schön aus, ist komplett bemalt, beklebt. Und innen ist der Ausbau noch im vollen Gang, da gibt es noch sehr viel zu tun." Doch so richtig geht es nicht voran. Der Mutterkonzern von MV-Werften, Genting Hongkong, ist immer noch in finanzieller Schieflage, hofft jetzt auf 130 Millionen Euro an Hilfen - und die rund 2.000 Mitarbeiter in Wismar, Warnemünde und Stralsund darauf, ihre Jobs behalten zu können.

So erging es Daniel Seidler im Sommer:
Daniel Seidler © NDR

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"Manchmal werden wir als Sozialschmarotzer beschimpft"

Viele mussten bereits gehen, Familienväter wie er, sagt Seidler: "Wir hatten an sich gehofft, dass es ab September weitergeht. Dass wir auch noch die 'Global 2' kriegen. Dann hätten wir gar keinen mehr entlassen müssen wahrscheinlich." Und nicht alle Betroffenen hätten bisher neue Arbeit gefunden. Das sei schwer, die Kollegen würden nicht verstehen warum gerade sie betroffen seien, erklärt Seidler. Traurig mache ihn auch, wie manch einer in der Stadt über die Werftmitarbeiter denke, sagt Seidler. "Manchmal werden wir als Sozialschmarotzer beschimpft. Aber das sind wir nicht, wir arbeiten für unser Geld. Und dass man den Werften, wie es immer in der Zeitung steht, das Geld hinterherschmeißt, das stimmt auch nicht. Ich verstehe nicht, warum sich die Leute, die sowas sagen, sich nicht mal ernsthaft damit befassen."

Streit um die Impfpflicht hat entzweit

Der Ton werde rauer. Nicht nur die Arbeit habe sich durch Corona verändert. Auch das Leben. Das Miteinander der Menschen. Ein Beispiel: Der Streit um die Impfpflicht. Auch unter seinen Kollegen bei MV-Werften. Wer sich nicht impfen lassen wollte, sei zum Buhmann erklärt worden, erklärt Seidler. Es sei förmlich ein Hass entstanden, die geimpften hätten sich von den Umgeimpften abgewandt. Das habe ihm zu denken gegeben. Wer Sorge habe, sich impfen zu lassen, könne doch nicht einfach als Spinner abgetan werden. Er selbst versuche, in solchen Situationen zu schlichten, neutral zu bleiben, andere Themen als Corona in den Fokus zu nehmen. Die Menschen und auch er selbst seien der Pandemie müde.

Seidler: Man braucht ein Ziel, etwas Schönes

Was ihn persönlich aufbaue und motiviere, um optimistisch zu bleiben? "Die Familie, die Freunde, auch Kollegen." Sie hätten alle Kontakt miteinander. Man müsse sich irgendetwas suchen, ein Ziel. Etwas Schönes. "Und wenn man sich auf den Sommerurlaub freut, wo man vielleicht hinfahren kann. Das schafft man," sagt Daniel Seidler und lacht. Nicht verzweifeln, sondern sein Quäntchen Glück suchen. Immer nach vorne schauen. Optimismus als Antikörper gegen das Coronavirus. Die Geschäftsführung von MV-Werften habe gesagt, sie sei optimistisch, dass es weitergehe, sagt Seidler. Und daran würden sie glauben. Sie seien allerdings nicht in die Verhandlungen involviert, würden Ergebnisse in den Zeitungen lesen, im Radio hören oder Fernsehen sehen. Mehr Informationen hätten sie nicht.

Hoffen auf Zusage für zweites Schiff

Was die Werft benötige, sei die Zusage für das zweite Schiff. Eine Perspektive. Und die Gesellschaft brauche endlich einmal einen Erfolg, so Seidler: "Dass man sieht, es geht bergauf. Oder aber Vorgaben, wie wir damit zu leben haben, mit dem Coronavirus. Wenn wir es schon nicht besiegen können." Zu tun hätten Werftarbeiter wie er noch jede Menge, auf dem fast fertigen Riesen-Schiff in Wismar. Nach 20 Monaten Kurzarbeit und Ungewissheit. 

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Dieses Thema im Programm:

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