Wasserknappheit bleibt: Mangel in tiefen Bodenschichten

Stand: 07.06.2021 05:21 Uhr

Mecklenburg-Vorpommerns Böden leiden unter der Trockenheit der vergangenen Jahre - vor allem in den tieferen Schichten. Laut Experten wird das Defizit noch bleiben. Die Landwirtschaft aber profitiert momentan noch vom kalten Mai.

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Der Boden in Mecklenburg-Vorpommern ist trocken, teilweise so trocken, dass Experten von einer außergewöhnlichen Dürre sprechen. Das Extremjahr 2018 hinterlässt noch immer seine Spuren. Die Niederschläge in diesem Winter und in den Monaten April und Mai haben dennoch Entspannung mit sich gebracht. Allerdings nicht nur, weil es so viel geregnet hat, sondern vor allem weil es viel kälter war als in den Vorjahren. Regenwasser konnte nicht so schnell verdunsten.

Frühjahr bringt Entspannung

Der Vormonat Mai war flächenmäßig gesehen sehr regenreich. Darauf verweist Stefan Kreibohm aus dem NDR Wetterstudio auf Hiddensee. "Aber der Mai war nicht überall gleich nass bei uns im Land. Am meisten geregnet hat es in Rostock-Warnemünde mit 90,0 mm pro Quadratmeter. Das entspricht knapp 194 Prozent der durchschnittlichen Monatsmenge. Lübstorf landet auf Platz 2 (88,5 mm) und Ribnitz-Damgarten auf Platz 3 (85,5 mm). Allerdings gab es auch Regionen, in denen die Niederschlagsmenge unter dem Durchschnitt blieb. Vor allem betroffen ist der Südosten des Landes. Schlusslichter sind Torgelow (32,5 mm), Ueckermünde (31,7 mm) und Rothemühl (25,0 mm). Laut Kreibohm müsste es mindestens zusätzlich 100 Liter pro Quadratmeter regnen, um das Wasserdefizit ausgleichen zu können.

Außergewöhnliche Dürre im Osten

Regen ist für Mecklenburg-Vorpommern zu einem sehr wertvollen Nass von oben geworden. Das zeigt auch der Dürremonitor für Deutschland. Er wird erstellt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung mit Sitz in Leipzig. Der Dürremonitor liefert Informationen darüber, wie feucht oder wie trocken der Boden ist. Dafür werden täglich Daten von rund 2.500 Wetterstationen deutschlandweit ausgewertet, so dass ein Computer den Wasserhaushalt simulieren kann. Ist der Boden viel trockener als erwartet, sprechen die Experten von Dürre. Die Karten für Mecklenburg-Vorpommern zeigen, dass der Oberboden gut durchfeuchtet ist. Das ist zum Beispiel wichtig für den Rasen vor dem Haus oder die Blumen im Garten. Auch Futtergras wächst derzeit gut.

Ausnahmen bilden Regionen vor allem im Landkreis Vorpommern-Greifswald, vereinzelt auch auf Rügen und in Ludwigslust-Parchim. Sie weisen tiefrot markierte Flächen auf. Dunkelrot steht im Dürremonitor für "außergewöhnliche Dürre", der höchsten Dürrestufe. "Eine extreme Dürre kommt statistisch gesehen nur alle 50 Jahre vor," sagt Andreas Marx. Der Klimaforscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und für den Dürremonitor verantwortlich.

Ausreichend Wasser für Ackerpflanzen

Der letzte Niederschlag im Mai hat allen Pflanzen in Mecklenburg-Vorpommern sehr gut getan, insbesondere dem Winterraps und Wintergetreide. "Glücklicherweise leiden unsere Ackerkulturen in diesem Jahr vorwiegend nicht unter Trockenstress. Er ist die Ausnahme in diesem Jahr", resümiert Frank Schiffner, Pflanzenexperte beim Landesbauernverband. Auch die eher kühlen Temperaturen haben ihr Übriges getan. Im vergangenen Jahr ist wegen der sommerlichen Temperaturen im April und Mai viel Wasser verdunstet. Im Frühjahr werden Mais, Zuckerrüben und Leguminosen ausgesät. Auch sie wachsen laut Schiffner gut in diesem Jahr. Dem vielen Regen im Mai sei Dank. So sind die Bauern auch mit der ersten Grasernte überwiegend zufrieden.

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In der Tiefe fehlt Wasser

In Mecklenburg-Vorpommern fehlt Wasser vor allem in den tiefen Bodenschichten, die deutlich unter einem Meter liegen. Das resultiert aus den drei sehr trockenen Vorjahren. Das Defizit ist längst noch nicht ausgeglichen. "Das hat Folgen für tiefwurzelnde Pflanzen, für Raps etwa. Es könnte zu weniger Ertrag kommen", so Frank Schiffner. Für den Pflanzenexperten des Landesbauernverbandes ist es aber viel zu früh, jetzt schon eine Ernteprognose zu geben. Fakt ist, der Raps hat in Mecklenburg-Vorpommern vielerorts gut Schoten angesetzt. Überall sichtbar ist, dass Bäume vertrocknen, teilweise ganze Wälder. Beispielsweise Birken und Fichten kommen mit dem Klimawandel nicht so gut zurecht.

Forstexperten beobachten, Buchen und Eichen haben es da leichter. "Viele Bäume sind allerdings so geschwächt, dass sie sich gegen Schädlinge nicht mehr zur Wehr setzen können", argumentiert der Leipziger Klimaforscher Andreas Marx. Sie werden besonders von Pilzen befallen aber auch von Insekten, allen voran dem Borkenkäfer. "Im Optimalfall verharzen Bäume, Käfer bleiben darin kleben und sterben dann. Aber geschwächte Bäume bilden kein Harz mehr," so der Experte. Vor allem tief wurzelnde Bäume leiden unter trockenen Böden.

Wasserarmut bleibt vorerst

Die Dürren im Boden von Mecklenburg-Vorpommern werden sich jetzt im Sommer nicht auflösen. Darauf verweist Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. "Das Defizit wird erst einmal bleiben, zumindest die nächsten drei, vier Monaten." Der Dürreexperte erklärt das Phänomen. "Im Winter sind die Böden immer feuchter als im Sommer. Im Sommer spielt die Verdunstung eine viel größere Rolle. Pflanzen wachsen vermehrt und ziehen das Wasser aus dem Boden." Hinzu kommen laut Marx im Sommer die Gewitter. Sie sorgen dafür, dass in kürzester Zeit viel Niederschlag fällt, der vom Boden gar nicht so rasch aufgenommen werden kann. Das Wasser läuft über die Bäche und Flüsse ab und bleibt nicht im Gebiet. Die Experten hoffen auf die Wintermonate. "Mit einem Plus aus dem Winter kommen, ist besser als das Plus im Sommer gutmachen zu wollen." So bringt es NDR Wetterexperte Stefan Kreibohm auf den Punkt.

Wasser im Winter speichern

Der Klimaforscher Andreas Marx ist sich sicher, die Niederschlagsmengen während eines Jahres werden nicht weniger. "Die große Kunst der Zukunft wird sein, das Wasser aus dem Winterhalbjahr für die Sommermonate zu speichern, also für die Zeit, in der extrem viel Wasser gebraucht wird." Dafür gibt es bereits mehrere Verfahren. Zum einen wird im Winter überschüssiges Wasser aus Niederschlägen genutzt, um das Grundwasser aufzufüllen. Und viele Landwirte versuchen bereits verstärkt, Wasser im Boden zu halten. Sie gehen neue Wege und setzen beispielsweise auf pfluglose Bodenbearbeitung. Als Alternative wird der Boden nur gegrubbert oder getellert. Das sorgt dafür, dass der Boden nicht so schnell austrocknet.

Im Obst- und Gemüseanbau kommt zunehmend Tröpfchenbewässerung zum Einsatz, insbesondere bei Spezialkulturen wie Erdbeeren, Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Zuckerrüben oder Äpfeln. Bei dieser Methode wird mithilfe von Schläuchen am Boden tröpfchenweise Feuchtigkeit abgegeben. Bei herkömmlichen Beregnungsanlagen wird Wasser in die Höhe gespritzt und es verdunstet schneller, die Verluste sind größer. Allerdings: künstliche Beregnung ist sehr teuer und mit bürokratischem Aufwand verbunden. Denn jede Beregnungsanlage muss genehmigt werden, da dem Boden dafür Grundwasser entzogen wird.

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Die Sonne scheint auf ein sehr trockenes Feld in der Region Hannover. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.06.2021 | 06:00 Uhr

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