Stand: 07.12.2019 16:00 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Waschbären: Eine Gefahr für Sumpfschildkröten

von Henning Strüber, NDR.de

Es war ein warmer, sonniger Tag im vergangenen Juni, als Mathias Kliemt eine Entdeckung machte, die Experten als "kleine Sensation" bezeichnen. Der Naturschützer streifte gerade mit einer Mitstreiterin in Gummistiefeln am Rand eines Sumpfes irgendwo in der Feldberger Seenlandschaft umher, als die plötzlich rief: "Hier ist eine!" Kliemt wollte es erst nicht glauben, doch als er kurz darauf auf einer der am Ufer aufgestellten Beobachtungskanzeln stand und aufs Wasser starrte, tauchte plötzlich ein kleiner, kaum daumendicker Schildkrötenkopf vor ihm auf. "Das war ein Hochgefühl. Ich habe innerlich Luftsprünge gemacht", erinnert sich der ehrenamtliche Projektleiter für die Wiederansiedlung der Sumpfschildkröte in MV.

Jungtiere geschlüpft: Sumpfschildkröten in MV wiederangesiedelt

In Zeitlupe durch den Sumpf gepirscht

Am Tag darauf fuhr er wieder an den Fundort - einen sumpfigen Erlenbruch mit viel Totholz und Trockenhängen am Rand. Dieses Mal nahm er Kescher und Wathose mit - und seine Frau. In voller Montur und mit spitzen Ohren pirschte er sich durch den Sumpf - und seine Frau dirigierte ihn mit Rufen von einer der Kanzeln, wenn sie meinte, ein Tier entdeckt zu haben. "Wie in Zeitlupe bin ich durch den Sumpf geschlichen", sagt Kliemt. Denn Schildkröten sind taub, aber sie können sehr gut sehen. "Und sie sind sehr scheu. Bei der ersten Störung tauchen sie ab", erzählt der Naturschützer.

Wiederangesiedelte Schildkröten haben sich vermehrt

Doch die Mühen wurden am Ende reichlich belohnt: Insgesamt 14 Exemplare der Europäischen Sumpfschildkröte, der einzigen heimischen Schildkröten-Art, entdeckten die Projektmitarbeiter und Naturschützer aus dem Umfeld der "Gesellschaft für Naturschutz und Landschaftsökologie Kratzeburg": mehrere geschlechtsreife, ausgewachsene Exemplare - und als eigentliche Sensation - zehn Jungtiere.

Kliemt gelang es, drei von ihnen zu fangen, zu vermessen und zu wiegen. "Das war schon ein besonderes Erlebnis, eines dieser Tiere in der Hand zu halten", sagt er. Denn es handelte sich um aus natürlich vorkommenden Linien entstammende Jungtiere, das ist durch DNA-Analysen belegt. Erstmals seit 40 Jahren waren wieder welche in Mecklenburg-Vorpommern geschlüpft. Ein weiteres Novum: Erstmals gelang es, Jungtiere in Mecklenburg-Vorpommern bei der Nahrungsaufnahme zu filmen.

Experte sieht beispielhaften Erfolg

"Das ist ein großer Erfolg", sagt Norbert Schneeweiß, der Leiter der auf Sumpfschildkröten-Aufzucht spezialisierten Naturschutzstation Rhinluch im brandenburgischen Linum. Der Sumpfschildkröten-Experte sieht durch die nun entdeckten Jungtiere die Chance für eine dauerhafte Wiederansiedlung in Mecklenburg-Vorpommern. Und: "Die Erfahrungen sind wegweisend für andere Wiederansiedlungsprojekte in Deutschland", so Schneeweiß. Denn solche gibt es bislang kaum mit einheimischen Tieren. Bei den Wiederansiedlungsversuchen etwa am Steinhuder Meer handelt es sich um Nachzuchten ursprünglich nicht aus Deutschland stammender Tiere.

Auch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Mecklenburgische Seenplatte, das das Schildkrötenprojekt von behördlicher Seite betreut, bewertet die Ergebnisse positiv. "Die Witterung der zurückliegenden Jahre mit warmen Sommern und milden Wintern hat den Fortpflanzungserfolg begünstigt", sagt StALU-Leiter Christoph Linke.

Eine traurige Vorgeschichte: "Die Oma" stirbt

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Die sogenannte Oma war das letzte angestammte Exemplar einer Europäischen Sumpfschildkröte in Mecklenburg-Vorpommern.

Der aktuelle Wiederansiedlungserfolg könnte für die Sumpfschildkröte die Rettung in letzter Minute sein. Doch sie hat eine traurige Vorgeschichte. Denn erst vor wenigen Jahren sind die letzten natürlichen Sumpfschildkröten in Mecklenburg-Vorpommern ausgestorben. "'Die Oma' war das letzte autochthone Weibchen der Europäischen Sumpfschildkröte in Mecklenburg-Vorpommern", erzählt Kliemt. "Die Oma" war ein mehr als 60 Jahre altes Weibchen, das seinen Kosenamen von der Lokalpresse erhielt - und 2010 starb. Seit den 1990er-Jahre hatten sich Schildkrötenfreunde und StALU-Mitarbeiter daran gemacht, zu erkunden, ob es die Sumpfschildkröte überhaupt noch in heimischen Gefilden gibt. Ein erstes Monitoring zur Bestandserfassung wurde initiiert. "Als wir im Jahr 2000 mit dem Projekt begonnen haben, haben wir insgesamt 13 Gewässerkomplexe über mehrere Jahre beobachtet, Reusen und Kastenfallen gestellt und versucht, Tiere zu fangen. Das einzige Tier, das definitiv autochthon war und von uns festgestellt wurde, war die 'Oma'".

Erinnerungen an "Lonesome George"

Ihr Schicksal erinnert an das der Galapagos-Riesenschildkröte "Lonesome George". Bis zuletzt wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um eine Partnerin für den 90-Kilogramm-Koloss - den letzten seiner Art - aufzuspüren und den Methusalem in seinen letzten Tagen doch noch zur Fortpflanzung zu animieren. So sollte die Art vom Aussterben bewahrt werden, was aber misslang. Das tote Reptil wurde schließlich einbalsamiert und ausgestellt - und so zum Symbol für die zerstörerische Kraft der menschlichen Zivilisation.

Eier der letzten Sumpfschildkröte sind unbefruchtet

In Vorpommern spielte sich in den 2000er-Jahren ein ähnliches Drama rund um "die Oma" ab - wenn auch in kleinerem Maßstab und ohne vergleichbares Medienecho. Den Artenschützern an der Seenplatte gelang es im Rahmen ihres Monitorings zu Beginn der 2000er-Jahre, die "Oma" zu fangen. Sie wurde untersucht und mit einem Sender ausgestattet. Tatsächlich konnte eine Eiablage des Weibchens an einem historischen Standort dokumentiert werden, wie Kliemt erzählt. Die Rettung schien zum Greifen nah. "Wir haben die Eier ausgegraben und mit Genehmigung aller Behörden nach Brandenburg in die Zuchtstation gebracht", sagt Kliemt. "Die waren uns viel zu wertvoll, um sie im Boden zu belassen." Doch es stellte sich heraus, dass die Eier unbefruchtet waren. Daraus konnten die Schildkrötenschützer schließen, dass sich die "Oma" schon mehrere Jahre nicht mehr mit einem Männchen gepaart hatte. "Denn Schildkröten können Spermien einige Jahre lang speichern", erläutert Kliemt.

Wissenswertes über die Europäische Sumpfschildkröte

Europäische Sumpfschildkröten (Emys orbicularis) werden bis zu 20 Zentimeter lang - und können mehr als 100 Jahre alt werden. Ihr Rückenpanzer ist dunkel bis schwarz, feine gelbliche Linien laufen über die Halspartie und die Gliedmaßen. Sie leben in stillen oder langsam fließenden Gewässern mit sonnigen Uferplätzen. Die Reptilien ernähren sich überwiegend von Larven, Schnecken, Krebstieren und Wasserpflanzen. Mit etwa zwölf Jahren werden sie geschlechtsreif. Nach der Paarung im Frühjahr legen die Weibchen im Sommer für die Eiablage Strecken von bis zu einem Kilometer zurück. Dafür benötigen sie offene, sonnenexponierte Hänge. In den rund zehn Zentimeter tief eingegrabenen Gelegen befinden sich meist zehn bis 15 Eier. Diese werden von der Sonne ausgebrütet - das Geschlecht der Jungtiere hängt auch von der Temperatur ab. Sie schlüpfen im Spätsommer. Den Winter verbringen Sumpfschildkröten in der Winterstarre auf dem Grund von Gewässern.

Die Pläne zur Wiederansiedlung gedeihen

Doch die Enttäuschung währte nur kurz. Denn zugleich wuchs der Entschluss, die Tiere wieder anzusiedeln. Dazu wurde in langwieriger Suche zunächst ein geeigneter Standort gesucht. Das Klima und die Bodenbegebenheiten mussten stimmen, aber auch die äußeren Rahmenbedingungen. "Das Projekt konnte nur gelingen, wenn Artenschützer, Landwirte, Jäger und Behörden an einem Strang ziehen", erklärt Kliemt.

Schließlich fand man eine geeignete Fläche, die dem Land und der Naturschutzorganisation WWF gehört. Mit hohem Engagement renaturierten Mitarbeiter des Projekts das Areal rund um einen schnöden Entwässerungsgraben - Luftlinie nur wenige Kilometer vom einstigen Standort der ausgestorbenen Population entfernt. Die Uhr wurde sozusagen wieder zurückgedreht, Kulturlandschaft in Natur zurückverwandelt. Die Senke wurde aufgestaut, umgebaggert und entbuscht, Sonnenplätze und Schutzhecken entstanden.

Dieses Thema im Programm:

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