Vor 30 Jahren lief in Eisenach der letzte Wartburg vom Band

Stand: 10.04.2021 08:30 Uhr

Vor 30 Jahren lief in Eisenach der letzte Wartburg vom Band. Es war ein roter 1.3, der am 10. April 1991 als letzter Wartburg ins Blitzlichtgewitter der Fotografen rollte.

von Mathias Lehmann, NDR 1 Radio MV

Genauso wie das Auto prägte allerdings ein 29-jähriger Lackierer den Moment. Mit seinem tränenreichen und wütenden Auftritt machte er die Verzweiflung der Eisenacher vor laufenden Kameras greifbar. "Ich bin 29 Jahre alt, und werde hier hingestellt als Dummkopf!" brach es aus ihm heraus. Die nachfolgende Rede von Werksleiter Wolfram Liedtke ging unter in Buhrufen und einem Pfeifkonzert. Es war ein richtig düsteres Ende. Peter Schlüter aus Lützow bei Schwerin hat den Untergang der Marke Wartburg kommen sehen. Schlüter betreute von 1979 bis 1991 für das Eisenacher Werk die Werkstätten in den drei Nordbezirken der DDR, dem Gebiet des heutigen Mecklenburg- Vorpommern. Außerdem kümmerte er sich um den Export der Fahrzeuge über den Rostocker Seehafen. Also ein echter Wartburg-Kenner.

Mit einer Lizenz von VW

Schlüter meint, das letzte Wartburg-Modell 1.3 sei technisch kein großer Wurf gewesen. Jahrzehntelang hatte Wartburg an Zweitaktmotoren festgehalten. 1988 kam der 1.3 als Viertakter. Eine Lizenz für einen VW-Motor machte es möglich. Im Wartburg 353 - die Basis des 1.3 - wurden die Zweitakt-Antriebe über Jahrzehnte in Längsrichtung eingebaut. Nun bestand die politische Führung beim Viertaktmotor auf einen Quereinbau - gegen den Rat der Ingenieure. Das sei moderner, hieß es. Die Folge, so Peter Schlüter: Laufkultur und Eigenschaften des 1.3 seien durch den Quereinbau schlecht gewesen.

Bei der Präsentation flogen Eier

Prototypen mit längs eingebautem Motor hingegen hätten ausgezeichnet funktioniert, bekamen allerdings keine Chance. Außerdem war der Motor fast das Einzige, das am Wartburg 353 nach 22 Jahren verändert wurde; zu wenig, um konkurrenzfähig zu sein. Und der Preis von 30.000 Mark der DDR war eindeutig zu hoch für das, was der 1.3 zu bieten hatte. Peter Schlüter gehörte zu dem Team, das den neuen 1.3 1988 auf der Leipziger Messe dem Publikum vorstellte. Das Interesse sei riesig gewesen, erinnert sich Schlüter. Als der Kaufpreis genannte wurde, seien allerdings vereinzelt Eier geflogen. Die Enttäuschung bei den Autofans war groß, das Ende des Wartburgs programmiert.

Wunderschöne Karosserien

Die Werksschließung 1991 war der Schlusspunkt eines langen Niederganges. Dabei hatte die Marke von den 1950er bis in die 1970er Jahre viele Erfolge vorzuweisen. Die Baureihen 311, 312 und 313 etwa bestachen mit wunderschönen Karosserien. Sie sind inzwischen zu teuren Sammlerstücken geworden. Damals sorgten sie für handfeste Exporterfolge. Das brachte der DDR dringend benötigte Devisen und auch den sehnsüchtig erhofften internationalen Respekt. Ab 1966 wurde der 353 der neue Hoffnungsträger der Eisenacher Automobilhersteller. Im Design schlicht, aber für die Zeit zunächst modern, wurde auch er anfangs zu einem Exporterfolg. Bis zu dreiviertel der Produktion gingen ins Ausland. Entsprechend wenige Fahrzeuge blieben für die Autofahrer in der DDR übrig. Wer einen Wartburg 353 bestellte, musste rund 15 Jahre warten.

Ladefläche für Weinbauern

Auch in Eisenach wuchs der Frust. Seit Anfang der 1980er Jahre war klar: Der 353 veraltete immer mehr. Das Exportgeschäft schlief ein, erinnert sich Wartburg-Kenner Peter Schlüter. Die Ingenieure entwickelten Nachfolgemodelle, kein Einziges wurde serienreif. Die politische Führung der DDR verweigerte die nötigen Investitionen. Einzig das Modell "Trans", ein 353 mit Ladefläche, brachte in den 1980er Jahren noch einmal ein wenig frischen Wind. Sein geringes Gewicht verbunden mit den Lademöglichkeiten sorgten für überraschende Absatzerfolge: Viele Weinbauern rund ums Mittelmeer kauften das Auto. Nach dem Mauerfall aber hatte der Wartburg 1.3 keine Chance mehr auf dem nun offenen Markt.

Sammlerstücke für 80.000 Euro

Nach dem Ende der Produktion 1991 rutschte das Image der Wartburg-Fahrzeuge ins Bodenlose. Sie wurden verbraucht, verschenkt, verschrottet. Inzwischen sieht das völlig anders aus. Gut erhaltene Modelle erzielen als Oldtimer gute Preise, Top-Exemplare der Baureihen 311, 312 und besonders 313 sind bis zu 80.000 Euro wert. Das, so Peter Schlüter, liegt am schönen Design und den technischen Qualitäten der Autos. Und daran, dass sie verbunden sind mit Erinnerungen. An die Erfolgszeiten der Autos aus Eisenach.

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