Ungerechte Teilhabe: weniger Urlaub für Menschen wie Alvan?

Stand: 13.06.2021 11:29 Uhr

Die Boysens aus Rostock reisen gerne weit und immer nehmen sie ihren schwerstbehinderten Sohn Alvan mit. Das steht jetzt auf der Kippe, denn Alvan stehen laut dem neuen Teilhabegesetz viel weniger Urlaubstage pro Jahr zu. Die Familie kämpft nun für Gleichstellung.

von Anke Riedel

Auf allen  Urlaubsfotos strahlt Alvan, ob in den Alpen oder in England. Alles erlebt er im Rollstuhl mit, zu besonderen Aussichtspunkten tragen ihn seine Mutter und sein Vater. Alvan ist 21 Jahre alt und von Geburt an schwerstbehindert, körperlich und geistig. Er lebt bei seinen Eltern und besucht tagsüber die Werkstatt im Rostocker Michaelshof, genauer gesagt, die Fördergruppe.

Ursprünglich 33 Urlaubstage - jetzt ein Drittel weniger

In der Gruppe zerkleinern Alvan und die anderen aus seiner Gruppe zum Beispiel Platten aus Kerzenwachs, so bereiten sie das Kerzengießen vor. Für Alvan ist das eine große motorische Anstrengung, die hohe Konzentration erfordert. Sprechen kann Alvan zwar nicht, aber seine Eltern spüren, dass er gerne in der Fördergruppe ist. Arne Boysen und seine Frau Kai Maren sind voll berufstätig - er als Arzt, sie als Reittherapeutin und Künstlerin - und deshalb froh, dass ihr Alvan dort betreut wird. Ursprünglich bekam er für diese Arbeit 33 Urlaubstage im Jahr. Mit dem neuen Teilhabegesetz, das seit Januar 2020 gilt, sind es nur noch 20 Urlaubstage, also mehr als ein Drittel weniger.

Gründe für Urlaubskürzung

Der Gesetzgeber macht nämlich in der Neufassung des Teilhabegesetzes eine Unterscheidung zwischen Menschen mit Behinderung, die in speziellen Fördergruppen betreut und an Arbeit herangeführt werden - so heißt das im Fachjargon - und denjenigen Menschen mit Behinderung, die in einer regulären Werkstatt arbeiten, dort zum Beispiel Verpackungsmaterialien falten oder Heizungsschellen montieren. Die beiden Gruppen werden im neuen Teilhabegesetz nicht mehr gleichgestellt und nun bekommen diejenigen in der Fördergruppe nur noch die genannten zwanzig Urlaubstage.

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Zusammenhängende Urlaubstage knapp

Durch festgelegte Schließzeiten von Behinderten-Einrichtungen an Brückentagen zum Beispiel, bleiben jetzt nur noch zehn zusammenhängende Tage für die Familienreisen übrig. Normalerweise stehen Menschen mit Schwer- und Schwerstbehinderung sogar fünf zusätzliche Urlaubstage zu. Bisher reisten die Boysens mit Alvan durch ganz Europa, meist vier Wochen am Stück, damit sich die Reise lohnt. Denn sie fahren immer mit dem Auto, das kostet viel Zeit, denn fliegen können sie mit Alvan nicht.

Familie bittet Sozialminsterium um Hilfe

Arne und Kai Maren Boysen wollen die alte Urlaubsregelung wieder zurück und haben deshalb auch Mecklenburg-Vorpommerns Sozialminsterin, Stefanie Drese (SPD), um Unterstützung gebeten. Die rechtliche Grundlage sei das neue Bundesteilhabegesetz, schreibt Drese zurück, und schiebt damit die Verantwortung auf den Bund. Zudem seien Dreses Expertinnen und Experten der Meinung, dass es möglichst wenig Unterbrechung in der Förderung geben solle. Aber wenn sich jetzt die Rückmeldungen aus der Praxis mehrten, dass die Leistungsfähigkeit dieser Menschen nicht mehr erhalten werden könne, werde sie das Anliegen in die Runde der anderen Minister mitnehmen, betont die Ministerin.

Kampf für eine gerechte Teilhabe

Sämtlichen Fraktionen des Schweriner Landtages hat Familienvater Boysen in den vergangenen Monaten bereits das Problem schriftlich erläutert, Stellungnahmen gefordert. Mehrfach sogar von der Sozialministerin. Die Schreiben füllen mittlerweile einen dicken Aktenordner. Ernsthaft befasst habe sich damit aber eigentlich keine Politikerin, kein Politiker, sagt Boysen enttäuscht. Für ihn und seine Frau seien die Reaktionen der Politiker einfach demütigend. Mit dem Rostocker Michaelwerk haben die Boysens eine individuelle Vereinbarung treffen können: Dieses Jahr darf Alvan noch einmal seine 33 Urlaubstage nehmen - eine Einzelfallregelung. Aber die Boysens wollen einfach, dass diese alte Regelung für alle wieder gilt und Einzelfallentscheidungen nicht mehr nötig sind.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 13.06.2021 | 12:00 Uhr

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