Zahlreiche Puten stehen in einem Stall. © picture alliance Foto: Carmen Jaspersen

Tierquälerei in Putenmastanlage bei Goldberg?

Stand: 04.02.2021 15:25 Uhr

Die Vorwürfe der Tierquälerei in einem Putenmastbetrieb bei Goldberg haben sich vorerst nicht bestätigt. Aktivisten hatten dort heimlich gefilmt und das Material „Animal Rights Watch“ übermittelt.

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Filmsequenzen zeigen eine Herde Puten in einem Stall. Auf dem Boden liegt hechelnd eine Pute, ein anderes Tier lahmt, angeschwollene Gelenke sind bei einer anderen Pute zu sehen, vereinzelt auch gefiederlose Körperstellen. Zwischen der Herde liegt eine verendete Pute. Ein Tierschutz-Aktivist filmte diese Aufnahmen Anfang Oktober vergangenen Jahres, nachts und heimlich. Das Material wurde der Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch zugespielt und liegt auch NDR 1 Radio MV vor. Animal Rights Watch hatte es Anfang dieser Woche veröffentlicht. Darin wird auch eine zweite Putenmastanlage in Brandenburg gezeigt. Beide Betriebe gehören dem Unternehmer Thomas Storck. Er ist unter anderem Vizepräsident beim Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft e.V. und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Putenerzeuger e.V.

Vorwürfe der Tierquälerei bestätigen sich vorerst nicht

Eine Amtstierärztin des zuständigen Landkreises Ludwigslust-Parchim kontrollierte am Mittwoch unangemeldet den Betrieb am Goldberger See. Nach Angaben des Unternehmens werden dort rund 19.000 Puten gehalten. Alle belegten Ställe wurden überprüft. Die Kontrolle dauerte nach Angaben des zuständigen Kreistierarztes Olav Henschel mehrere Stunden. Demnach wurde auch eine weitere Putenfarm des Unternehmens bei Dabel unangemeldet kontrolliert. Aktuell konnten keine tierschutzrelevanten Verstöße festgestellt werden, so Kreistierarzt Olav Henschel zu NDR 1 Radio MV. Zudem wurden beide Betriebe in der Vergangenheit regelmäßig kontrolliert. Henschel kritisiert, dass er von dem heimlich gefilmten Material erst jetzt, also Monate später, erfahren habe. Dass die Aufnahmen aus dem Oktober vergangenen Jahres stammen, bestätigte das betroffene Unternehmen in einer schriftlichen Stellungnahme, die NDR 1 Radio MV vorliegt. Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der gefilmten Herde seien aber nicht mehr möglich, so Kreistierarzt Olav Henschel. Es gebe auch keine Chance mehr, Tieren zu helfen, die möglicherweise Hilfe benötigt hätten.

Aktivist filmt heimlich Putenherde

Die Videoaufnahmen zeigen, wie ein Aktivist langsam durch eine Putenherde geht. Viele Tiere versammeln sich um ihn herum. Puten sind laut Kreistierarzt Olav Henschel sehr neugierig. Aus dem Filmmaterial geht nach seinen Worten nicht hervor, ob sich im Oktober vergangenen Jahres zu viele Tiere im Stall befunden haben. In der schriftlichen Stellungnahme des Unternehmens heißt es: "Trotz guter Haltungsbedingungen und geschulten Tierbetreuern kann es - auch über Nacht – zu einzelnen verletzten Tieren kommen. Diese werden schnellstmöglich einer veterinärmedizinischen Behandlung zugeführt beziehungsweise in schweren Fällen unverzüglich notgetötet."

Während sich Olav Henschel die heimlich aufgenommenen Videopassagen anschaut, geht ihm noch ein Gedanke durch den Kopf. "Wenn fremde Menschen illegal einen Tierstall betreten, ist das auch immer ein Risiko zum Eintrag von Tierseuchenerregern, gerade in Zeiten von Geflügelpest." Laut Henschel sind Puten dafür besonders anfällig.

Männer treten schlachtreife Puten

Auch das Verladen schlachtreifer Puten bei Goldberg durch eine externe Firma wurde heimlich gefilmt. Diese Aufnahmen stammen ebenso aus dem Oktober vergangenen Jahres und liegen NDR 1 Radio MV vor. Darauf ist unter anderem zu sehen, wie Tiere mit Füßen getreten oder am Hals gezogen werden. Einzelnen lebenden Puten werden Federn ausgerissen. Dies verstoße definitiv gegen das Tierschutzgesetz, so Kreistierarzt Olav Henschel. Das zuständige Veterinäramt des Landkreises Ludwigslust-Parchim prüft nun mögliche Sanktionen gegen die Firma, die damals die schlachtreifen Tiere verladen hat. Putenmastbetreiber Thomas Storck schreibt in seiner Stellungnahme: "Wir haben nach erstmaliger Sichtung der Videoaufnahmen umgehend Kontakt mit dem Unternehmen aufgenommen und dieses um eine Prüfung der Aufnahmen gebeten." Das Veterinäramt Ludwigslust-Parchim kündigte an, das Verladen schlachtreifer Tiere künftig verstärkt zu kontrollieren.

Tierrechtsorganisation spricht von branchenüblichen Szenen

Zustände wie diese seien keine Ausnahme, erklärt Sandra Franz, Pressesprecherin von Animal Rights Watch. Tote, kranke und verletzte Puten gehören ihren Worten nach in jeder deutschen Mastanlage zum Alltag. Gelenkentzündungen, Knochenprobleme, Federpicken und hohe Sterberaten seien direkte Folgen der in Deutschland üblichen Mastbedingungen", heißt es in der Pressemitteilung. Dies kann Kreistierarzt Olav Henschel so nicht bestätigen. Er und seine Kollegen kontrollieren seit Jahren Viehbetriebe. "Bei jeder Form der Tierhaltung gibt es auch mal tote oder kranke Tiere." Dies sei aber keineswegs alltäglich, so Henschel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 04.02.2021 | 15:00 Uhr

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