Theologe: Friedhöfe brauchen neue Konzepte

Stand: 22.11.2020 07:39 Uhr

Friedhöfe sind nicht nur für die Toten, sondern auch für die Lebenden da, findet der Rostocker Theologieprofessor Thomas Klie. Ein Jahr lang hat er Ruhestätten der Nordkirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern besucht.

Friedhöfe in Deutschland sind in diesem Jahr zum immateriellen Weltkulturerbe geworden. Denn Friedhöfe haben Vieles zu bieten: Neben sehenswerten Mausoleen und Kapellen und den Gräbern berühmter Persönlichkeiten locken immer wieder auch als Parks angelegte Areale mit ihren alten Bäumen zahlreiche Besucher an. So stehen etwa auf dem Neuen Friedhof in Greifswald noch Linden aus der Gründerzeit von 1864. Sie wurden damals mit dem Schiff aus Lübeck angeliefert. Auch der Friedhof in Wismar ist vor knapp 200 Jahren als Park angelegt worden und zählt mehr als 2.600 Bäume. Einige davon blühen auch jetzt noch.

Theologe: Neue Friedhofs-Konzepte gefragt

Dass Friedhöfe nicht nur für die Toten, sondern auch für die Lebenden da sind, ist auch die Überzeugung des Rostocker Theologieprofessors Thomas Klie. Ein Jahr lang hat er Ruhestätten der Nordkirche in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern besucht. In diesen Regionen gibt es immerhin fast 1.500 "Gottesäcker". Klie meint, dass die meisten Friedhöfe dringend neue Konzepte bräuchten. Denn viele von ihnen haben große Finanzierungsprobleme.

Weitere Informationen
Auf einem kleinen Kreuz steht "unvergessen". © fotolia Foto: racamani

Totensonntag - Ein stiller Feiertag

Mit dem Totensonntag endet die Reihe der Gedenktage im November. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Mittelalter. mehr

Starke Konkurrenz durch Friedwälder und Urnen

Ein Grund: Angehörige lassen ihre Verstorbenen heutzutage immer seltener im Sarg, und immer häufiger in den preiswerteren Urnen bestatten. Manch einer sucht nach einer Alternative zum Friedhof, weil ein solcher oft als zu eng und reglementiert empfunden wird. Deshalb gibt es auch immer mehr Seebestattungen, Friedwälder und auch halb-legale Varianten. So werden immer wieder Tote in ausländische Krematorien gebracht und dann einfach im Kofferraum mit nach Hause genommen. Das Ergebnis: Eine kleine Kirchengemeinde, die auf ihrem Friedhof nur noch ein oder zwei Beerdigungen im Jahr durchführt, kommt bereits an ihre finanzielle Belastungsgrenze, wenn ein Baum gefällt werden muss.

Ein Vorschlag: Anonyme Bestattungen erlauben

Klie rät vor allem zu mehr Offenheit gegenüber der sich verändernden Bestattungskultur und dem Wunsch nach mehr Individualität. Er versteht nicht, warum beispielsweise anonyme Bestattungen auf kirchlichen Friedhöfen nicht erlaubt sind - in der Bibel stehe davon jedenfalls nichts, so der Theologieprofessor. Außerdem empfiehlt er, die Ruhestätten stärker ins Zentrum zu rücken, sie als Biotope zu nutzen, Führungen und Veranstaltungen anzubieten, Ausstellungen zu organisieren oder Partnerschaften mit Schulen und Geschichtsvereinen anzuschieben.

Wer nicht wirbt, der stirbt

In Mecklenburg-Vorpommern hat er dafür auch einige Gemeinden gefunden, die schon mit neuen Ideen vorangehen – bis hin zu Kinoabenden wie im August auf dem Friedhof von Lübsee bei Schönberg. Und schließlich ruft Klie auch dazu auf, mehr Marketing zu betreiben, denn auch für Friedhöfe gelte die alte Binsenweisheit: Wer nicht wirbt, der stirbt.

Weitere Informationen
Auf einer Bestattungsmesse: eine Urne mit Totenkopf und der Aufschrift "Happy End", daneben ein alter Castrol-Ölkanister. © NDR

Bestattungen: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Warum kann die Urne eines Verstorbenen nicht an seinem Lieblingsplatz bestattet werden? Kann jeder auf See die letzte Ruhe finden? Antworten vom Bestattungs-Experten Alexander Helbach. mehr

Frau auf einer Beerdigung hält eine Rose © fotolia.com Foto: Kzenon

So bleibt der Tod bezahlbar

Wenn ein Angehöriger stirbt, muss kurzfristig über die Form der Bestattung entschieden werden. Wer sich rechtzeitig informiert, vermeidet in dieser Ausnahmesituation teure Fehler. mehr

Martens Grabkapelle in Wismar © NDR Foto: Jan Farclas

Der Friedhof als Erlebnisort

Der Totensonntag ist für Gläubige ein Gedenktag an Verstorbene. Der Friedhof aber ist mehr als ein Ort zum Trauern. Er erzählt Besuchern auch Geschichten - wie zum Beispiel in Wismar. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 22.11.2016 | 08:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Ein Balkendiagramm vor einer Frau mit Schutzmaske. © photocase Foto: c_kastoimages

MV-Bürger bei Corona-Politik kritischer als andere Bundesbürger

46 Prozent der Mecklenburger und Vorpommern finden die aktuellen Corona-Maßnahmen angemessen, für 37 Prozent gehen sie zu weit. mehr

Grafik mit der aktuellen "Corona-Ampel" für Mecklenburg-Vorpommern. © NDR

Corona: 144 neue Infektionen in MV, ein weiterer Todesfall

Insgesamt drei Landkreise gelten aktuell als Risikogebiet. In Nordwestmecklenburg gab es einen weiteren Todesfall. mehr

Ein brennender Eurofighter stürzt über einem Wald ab. © Thomas Steffan Foto: Thomas Steffan

Eurofighter-Absturz: Strafrechtliche Ermittlungen beendet

Die Staatsanwaltschaft sieht keine Schuld bei den überlebenden Piloten. Ein Fehler des tödlich verunglückten Piloten sei Absturz-Ursache. mehr

Jens Härtel von Hansa Rostock © imago images/Jan Huebner Foto: Michael Taeger

Härtels Rückkehr nach Magdeburg: Keine Zeit für Nostalgie

Nach dem enttäuschenden Auftritt gegen Dresden müssen die Rostocker am Mittwoch beim 1. FCM unbedingt punkten. mehr