Stand: 14.11.2018 10:49 Uhr

Teure Telemedizin-Studie zur Halbzeit in Atemnot

von Anke Rösler und Jörg-Michael Schmidt, NDR Nordmagazin

Bild vergrößern
Die Kardiologin Dr. Christine Bahr betreibt seit 17 Jahren eine Praxis in Pasewalk. Sie hat eine Teilnahme an der Studie abgelehnt.

Ein gutes Projekt, aber schlecht vorbereitet. Die Kardiologin Dr. Christine Bahr drückt es drastisch aus: "Wie eine Backpfeife" habe sie den Beginn von "HerzEffekt" empfunden, sagt sie. Die Ärztin betreibt in Pasewalk seit 17 Jahren eine landkardiologische Praxis. Sie fühlt sich nicht mitgenommen von dem Vorzeige-Projekt. Es sei der Eindruck entstanden, sagt sie, "als wenn es hier vorher nichts gegeben hätte." Was die Kardiologin so offen sagt, äußern andere Kollegen nur hinter vorgehaltener Hand.

Dr. Christine Bahr, Fachärztin für Kardiologie

Probleme bei Tele-Studie "HerzEffekt MV"

Nordmagazin -

Das Tele-Projekt der Uniklinik Rostock "HerzEffekt MV" hat zur Halbzeit offenbar mit großen Hindernissen zu kämpfen. Es mangelt vor allem an teilnehmenden Patienten.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Vorzeige-Projekt soll Blaupause für ganz Deutschland werden

Dabei will "HerzEffekt" doch gerade Kardiologen und Patienten auf dem Land mit ins Boot holen. Als Vorzeige-Projekt war die auf drei Jahre angelegte Studie der Uniklinik Rostock Anfang 2017 gestartet. Die Studie wird mit 14 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Bundesregierung unterstützt. Der Ärztliche Vorstand der Unimedizin Rostock und Projektleiter Prof. Dr. Christian Schmidt wurde dafür 2017 mit dem Ehrentitel "Klinik-Manager des Jahres" ausgezeichnet -  was in der Branche mit dem Film-Oscar verglichen wird.

Die Idee: Patienten mit Herzerkrankungen per Telemedizin zu betreuen und Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Die Betroffenen erheben mit Hilfe von Blutdruckmessgeräten, Waagen und Fitness-Armbanduhren zu Hause regelmäßig Daten, die per App ins Versorgungszentrum nach Rostock und an die beteiligten Ärzte gesendet werden. Ziel sei, die Patienten so zu versorgen, dass sie erst gar nicht ins Krankenhaus müssten.

Kardiologen kritisieren schlechte Vorbereitung

Unter den Kardiologen rumort es schon lange. Der "große Geburtsfehler" der Studie sei, dass sie nicht gefragt und miteinbezogen worden seien. Sie bescheinigen "HerzEffekt" eine dilettantische Vorbereitung. Das Schlimmste sei, wenn die Studie überhaupt kein Ergebnis liefern würde. Der Image-Schaden fiele auf ganz Mecklenburg-Vorpommern und seine Kardiologen zurück, kritisieren die Ärzte aus der Branche.

Weitere Informationen

Uniklinik Rostock: Tele-Projekt für Herzpatienten

Wie kann man Herzpatienten auf dem Lande möglichst gut medizinisch versorgen? An der Uniklinik Rostock ist ein Projekt gestartet worden: Blutdruck und Puls werden dabei an ein Datenzentrum gesendet. (20.04.2018) mehr

Schleppende Rekrutierung von Studienteilnehmern und Datenschutzfragen

3.000 Patienten sollten erfasst werden, hieß es, als die Studie vorgestellt wurde. Davon ist nun keine Rede mehr. Knapp zwei Jahre danach sind es 200 Teilnehmer. Projektleiter Schmidt sieht sich dennoch im Zeitplan. Bis Anfang 2019 will er 1.086 Studienteilnehmer rekrutiert haben. Das ist die Mindestzahl, damit die Studie überhaupt wissenschaftlich funktioniert. Schmidt führt hohe Auflagen durch die neue EU-Datenschutzverordnung für den Rückstand an. Zudem hat die Ärztekammer beim Landesdatenschutzbeauftragten einen Antrag auf Überprüfung gestellt.

Niedergelassene Kardiologen sollen jetzt helfen

Bild vergrößern
Die Teilnehmer der Telemedizin-Studie werden mit spezieller Messtechnik ausgestattet. Ihre Daten schicken sie per App auf einem Tablett ins Versorgungszentrum nach Rostock.

Um auf die benötigte Patientenzahl zu kommen, hat Professor Schmidt jetzt die Kardiologen in Mecklenburg-Vorpommern um Hilfe gebeten. Er rechnet damit, dass von knapp 30 niedergelassenen Kardiologen 10 bis 12 Großpraxen Patienten für die Studie stellen. Mit dem neuen Kooperationsmodell sollen die Patienten dann überwiegend im ambulanten Bereich rekrutiert werden, so Schmidt.

Telemedizin-Studie der Charité erfolgreich abgeschlossen

Dr. Christine Bahr wird nicht mitmachen. Allerdings hat sie an einer ähnlichen Studie zur telemedizinischen Versorgung teilgenommen - obwohl sie auch da anfangs große Skepsis hatte. Studienleiter Prof. Friedrich Köhler von der Berliner Charité sei mehrmals persönlich in ihrer Praxis gewesen, seine Studie habe sie überzeugt. Das Ergebnis gibt ihr Recht: die "Fontane-Studie" wurde Ende August erfolgreich abgeschlossen. Der Professor hatte die Studie mit seinem Team jahrelang vorbereitet und dafür auch etwa 300 Arztpraxen und Kliniken persönlich besucht.

Weitere Informationen

Uni-Medizin Rostock: Kommission untersucht Vorfälle

Eine Untersuchungskommission soll die Vorfälle an der Universitätsmedizin Rostock aufklären. Dabei geht es auch um den zwischenzeitlich vom Dienst suspendierten Klinikchef Schmidt. (18.08.2018) mehr

Klinikchef Schmidt darf wieder arbeiten

Der bisher suspendierte Chef der Universitätsmedizin Rostock, Christian Schmidt, darf wieder als Ärztlicher Vorstand arbeiten. Es sind jedoch noch nicht alle Vorwürfe geprüft. (06.07.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 14.11.2018 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

04:52
Nordmagazin

A20-Behelfsbrücke ist freigegeben

12.12.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin
02:12
Nordmagazin
03:27
Nordmagazin

Kunstführungen für Demenzkranke

12.12.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin