Stand: 26.08.2020 00:50 Uhr

Talk im Funkhaus: Mit Maske und Abstand - Chaos zum Schulstart

Drei Tage nach dem Schulstart: Die Landesregierung verschärft die Maskenpflicht. Fünf Tage nach dem Schulstart: Die ersten Schulen schließen nach Corona-Verdachtsfällen. Es gilt ein strenger Hygieneplan an den Schulen, aber keine Abstandsregel in den Schulbussen. Es gibt viel Geld für Digitales Lernen, aber nicht genug Laptops für alle Kinder. Sind unsere Schulen für Schüler, Lehrer und Eltern ausreichend vor Corona geschützt? Wie garantieren wir eine sichere Zukunft der Bildung? Und was macht diese Krise mit der Psyche unserer Kinder?Auf dem Podium zu Gast:

  • Bettina Martin (SPD), Bildungsministerin des Landes MV
  • Kay Czerwinski, Vorsitzender, Landeselternrat MV
  • Theresia Crone, Landesschülerrat MV
  • Prof. Dr.med. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin Leipzig
  • Heike Walter, Vorsitzende, Schulleitungsvereinigung MV
  • Frida Pauline Huber, Schulsprecherin, Goethe-Gymnasium Ludwigslust

Schulleiterin Walter: "Nicht alle Probleme auf Corona schieben"

Zum Auftakt des Abends sagte Heike Walter, Vorsitzende der Schulleitungsvereinigung, die Schulen im Land seien zum Schulstart gut vorbereitet gewesen, die ersten Wochen seien nicht chaotisch verlaufen. Zwar sei das neue Schuljahr nicht so gestartet wie in anderen Jahren, man könne aber auch nicht alle Probleme auf Corona schieben.

Ministerin: Bildung für fast alle Kinder und Jugendlichen

Bildungsministerin Martin bedankte sich zunächst bei allen Menschen, die diesen "Kraftakt Schulöffnung mit uns gemeinsam in diesem Land ermöglicht haben". Schule in Corona-Zeiten, das sei eine Riesenherausforderung. Der Schulstart sei mit vereinten Kräften geglückt. Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Schulleitungen hätten Unglaubliches geleistet in den vergangenen Wochen. "Ich möchte sagen: Wir haben insgesamt an neun Schulen Vorfälle gehabt, teilweise mit Quarantäne. Wir haben derzeit 76 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Das sind 0,05 Prozent. Wir können gerade für 99,95 Schule machen jeden Tag, regelmäßig. Das ist doch das Ziel - dass wir die Kinder wieder in der Schule haben."

Martin: "Wir leben mitten in einer Pandemie"

Das Schutzkonzept habe gegriffen, fuhr die Bildungsministerin fort. Dort wo etwas passiere, dort müsse man leider punktuell eingreifen, um die Gesundheit zu schützen. "Das wird uns weiter begleiten. Wir sind ja nicht im Ufo außerhalb der Gesellschaft, wir leben mitten in einer Pandemie. Das Virus wird von außen in die Schulen getragen, wir müssen alle gemeinsam aufpassen."

Mediziner: Krise ließ Lebensqualität sinken

Der Kinder- und Jugendmediziner Wieland Kiess von der Universität Leipzig untersucht mit seinem Team unter anderem die Corona-Ansteckungsraten von Kindern und Jugendlichen in seinem Bundesland. Befragungen hätten ergeben, dass die Lebensqualität von Schülerinnen und Schülerin in Sachsen mit den Schulschließungen signifikant abgenommen habe. Zwar habe die Mehrheit der Befragten aus wohlbehüteten Familien die vergangenen Monate ganz gut kompensiert. Aber vor allem Mädchen würden sich sorgen - um Lehrer, Eltern und Großeltern. Alle Kinder hätten zuletzt geantwortet, dass sie wieder in die Schule gehen wollen.

Maskenpflicht - viel diskutiertes Thema

In der Debatte zeigte sich, dass es in Mecklenburg-Vorpommern zum Tragen von Masken auf dem Schulweg, im Klassenzimmer und auf dem Pausenhof viel Gesprächsbedarf gibt. Bildungsministerin Martin erklärte in diesem Zusammenhang, es gebe keine generelle Maskenpflicht auf dem Schulhof. Aber überall dort, wo Kinder verschiedener Gruppen Gefahr liefen, sich miteinander zu vermischen, gelte eine Maskenpflicht. Martin zitierte die Gesundheitsexperten im Land: "Im Moment ist es nicht notwendig, im Unterricht eine Maske zu tragen." Fachleute würden zur Maskenpflicht mit Augenmaß raten. "Ich halte es für gut und richtig, dass wir das im Unterricht nicht machen, weil das eine Herausforderung für alle Beteiligten ist. So lange wir das vermeiden können - ich hoffe, das bleibt so - werden wir es vermeiden."

Schulleiterin gegen Maskenpflicht im Unterricht

Von einer Maskenpflicht im Unterricht hielt auch Schulleiterin Heike Walter aus Satow während der Diskussion überhaupt nichts. "Ich bin sehr froh, dass wir im Unterricht keine Masken tragen müssen. Ich bin einerseits der Meinung, dass das die Stimme der Lehrer nicht lange durchhalten wird. Und andererseits, dass Unterricht davon getragen ist, dass man mit Mimik arbeitet. Ich sehe es selbst, wenn ich auf dem Schulhof stehe und die Schüler zusammenrufen will, dann hören sie mich gar nicht, weil die Maske das gar nicht schafft."

Landesschülerrat: "Maske ist kein Allheilmittel"

Theresia Crone vom Landesschülerrat sagte, genauso wie bei Erwachsenen gebe es Schülerinnen und Schüler, die die Schutzmaßnahmen sehr ernst nehmen. Aber eben auch solche, die Probleme hätten, sich selbst zu disziplinieren. Mit Blick auf den Schülertransport im Land sagte Crone, die Maske sei kein Allheilmittel. Die Schulbusse seien überfüllt - das sei vor Corona so gewesen und das werde auch nach Corona so sein.

Mediziner: Masken und Abstand wirken

Professor Kiess von der Universität Leipzig erwiderte, man müsse die Maske als pragmatischen Ansatz zur Prävention sehen, ein Mittel, um die Ausbreitung der Infektion einzudämmen. Die Maske wirke, sie sei nur ein kleiner Bestandteil, um die Pandemie einzugrenzen. Die Krankheit müsse ernst genommen werden, sagte der Wissenschaftler mit Blick auf jene Menschen, die in Italien, Frankreich und anderswo sterben mussten, ohne Schmerzmittel erhalten zu können.

Kiess: "Wir müssen aus Corona lernen"

Während des Talks im Funkhaus kamen einige Gesprächsteilnehmer überein, dass die Corona-Krise Probleme aufzeige, diese aber nicht unbedingt verursache. "Corona deckt Probleme auf: Wenn ein Land zu wenig Schulbusse hat, wenn wir zu enge Krankenhäuser bauen, wenn wir es zulassen, dass wir über Jahrzehnte zu wenig Lehrer im Land haben, dann vernachlässigen wir die junge Generation. Das heißt, wir müssen jetzt aus Corona lernen. Nämlich in Reserve Schulbusse zu haben, wenn es mal einen höheren Bedarf gibt. In Reserve Krankenhäuser zu haben, die Kinderkliniken nicht herunterzusparen, die Schulen nicht so eng zu bauen, dass gar keine Abstandregelung geht. Dänemark hat es uns vorgemacht. Die haben Schulen, wo man die Schulbänke auseinanderrücken kann. Dann braucht man über die Masken gar nicht so heftig zu diskutieren."

Schulstoff - schnelle, flexible Lösungen angemahnt

Im Gespräch um verpassten Schulstoff mahnte Schulleiterin Walter schnelle, flexible und unkomplizierte Lösungen an. Zusätzliche Stunden etwa und das Lernen in kleinen Gruppen abseits des Unterrichts, um Schülerinnen und Schüler zu fördern. Dabei dürfe man die Grundschulkinder nicht vergessen. "Stellen sie sich vor, morgen wird eine erste Klasse geschlossen. Diese Kinder werden nicht alleine lesen lernen." Bildungsministerin Martin sagte, die guten Ergebnisse von Abitur und Mittlerer Reife hätten ihr gezeigt, dass Pädagogen nun darauf achten müssten, dass junge Menschen lernen, sich selbst zu organisieren, teamorientiert zu arbeiten. Sie halte nichts davon, den Anspruch herunterzuschrauben.

Digitalisierung, Ängste, soziale Unterschiede

Theresia Crone vom Landesschülerrat zitierte aus einer Umfrage unter 19.000 Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften im Land - einer gemeinsamen Initiative mit dem Landeselternrat: "Gerade, was die Digitialisierung angeht, gab es große Probleme. Denn sowohl die Lehrer als auch die Schüler haben einfach nicht das technische Knowhow, um von jetzt auf gleich Online-Unterricht zu machen - das war auch abzusehen. Und wir konnten natürlich auch eine riesige psychische Belastung feststellen. Und eben diesen krassen Drift zwischen sozialen Unterschieden, die immer deutlicher wurden." Wer während der Schulschließungen keine Geräte zu Hause gehabt habe, der habe regelrecht Angst bekommen. Wer auf drei kleine Geschwister aufpassen müsse, weil die Eltern weiter arbeiten, schloss Crone, der habe eben keine Zeit, sich auf das Abitur oder die Mittlere Reife vorzubereiten.

Elf Millionen Euro für Computertechnik

Bildungsministerin Martin erklärte daraufhin, es gebe zehn Millionen Euro vom Bund und eine weitere Million vom Land für Laptops, um Schülerinnen und Schüler auszustatten, die sich aktuell selbst keine Geräte leisten könnten. Das alles brauche aber Zeit - die Rechner müssten gekauft, eingerichtet und ausgegeben werden. Es gehe nicht immer nur um Geld, hier sei auch der fehlende Breitbandausbau an Schulen ein Thema.

Crone: "Jeder muss in der Pandemie etwas beitragen"

In ihrem letzten Statement im Talk im Funkhaus sagte Theresia Crone, jungen Menschen werde nicht genug zugehört. "Jeder trägt Verantwortung in diesem Land. Ich glaube, jeder muss in der Pandemie auch einen Beitrag leisten. Wir heißen nicht umsonst Gesellschaft. Mir ist es ganz wichtig, dass junge Menschen rausgehen, sich engagieren und ich glaube, dann kommen wir auch automatisch ins Gespräch."

Landeselternrat: "Ängste nicht zur Seite schieben"

Am Ende der Gesprächsrunde appellierte Kay Czerwinski vom Landeselternrat noch einmal an Politiker und Entscheider Ängste ernst- und wahrzunehmen. "Ängste darf man nicht einfach zur Seite schieben, das ist wichtig. Zum Anfang habe ich gesagt: uns eint die Liebe zu unseren Kindern aber auch die Angst um die Gesundheit unserer Kinder, um die Familien und die Bildung. Ich werbe dafür, in dieser Situation einen Schritt zurückzutreten, um den Standpunkt des anderen zu sehen und zu verstehen, um gemeinsam eine Lösung hinzubekommen."

Dieses Thema im Programm:

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