Stand: 18.12.2018 17:18 Uhr

Studie: Pflegende Angehörige an der Schmerzgrenze

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Nach Angaben der Barmer-Krankenkasse werden Menschen, die Angehörige pflegen, häufig selbst krank.

Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme, Depressionen - Wer einen Angehörigen pflegt, ist häufig selbst krank und braucht Hilfe. Wie der Landesgeschäftsführer der Barmer-Krankenkasse, Henning Kutzbach, am Dienstag anlässlich der Vorstellung des aktuellen Pflegereports sagte, sei jeder 13. pflegende Angehörige an der Grenze der Belastbarkeit. "Die Familie ist der größte Pflegedienst des Landes", so Kutzbach. Wenn sie ausfalle, dann drohe der Pflegenotstand.

Pflegestand in MV am höchsten

In keinem anderen Bundesland ist das Risiko pflegebedürftig zu werden so hoch wie in Mecklenburg-Vorpommern. Jeder 20. ist im Nordosten pflegebedürftig. Etwa drei Viertel der Pflegebedürftigen werden im Nordosten von rund 58.000 Angehörigen betreut. Diese sind größtenteils über 75 Jahre alt und jeder Dritte davon hat ein Einkommen, dass 1.000 Euro nicht überschreitet. Nach Angaben der Krankenkasse Barmer sind 4.350 von ihnen erschöpft. Frühzeitige Unterstützung, umfassende Beratung sowie Entlastung von überflüssiger Bürokratie seien dringend notwendig.

Krankenkasse: Psychische Belastung nicht unterschätzen

Rund 70 Prozent der Pflegenden haben nach Angaben des Reports Muskel-Skelett-Erkrankungen. Neben den körperlichen Anstrengungen, die die meisten Beschwerden auslösten, kämen die psychischen Belastungen. Mehr als 20 Prozent klagen laut Report über Depressionen. Gerade am Anfang der Erkrankung komme es in Familien zu Stresssituationen. Werde der Partner oder ein Elternteil pflegebedürftig, müsse in kurzer Zeit sehr viel organisiert werden, ergänzte Ina Zwingmann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Greifswald. Es sei nötig, etwas für diese Menschen zu tun, so die Expertin.

Pflege von Demenzkranken besonders fordernd

Entlastende Angebote wie Kurzzeitpflege, Tagespflege, Betreuungs- oder Haushaltshilfen, die Pflegende in Anspruch nehmen könnten, seien häufig nicht bekannt, oft zu teuer oder auf dem Lande schwer erreichbar. Am schlimmsten treffe es Angehörige von Demenzkranken, so Zwingmann weiter. Um diesen Menschen bessere Unterstützung geben zu können, starte im März 2019 ein dreijähriges Projekt am Standort Greifswald/Rostock des DZNE. Wenn sie mit dem Pflegebedürftigen zum Arzt gehen, sollen sie im Wartezimmer mit Hilfe eines computergestützten Verfahrens nach ihrem Gesundheitszustand und ihren Bedürfnissen befragt werden und Hilfe angeboten bekommen. Für das Projekt stehen 1,2 Millionen Euro Fördermittel zur Verfügung. Rund 100 Arztpraxen beteiligen sich daran.

Worauf pflegende Angehörige Anspruch haben:

  • Pflegeunterstützungsgeld
Bei einem akut auftretenden Pflegefall dürfen Angehörige bis zu zehn Arbeitstage zu Hause bleiben, um selbst zu pflegen oder eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren. Sie haben in dieser Zeit Anspruch auf das "Pflegeunterstützungsgeld". Eine Lohnersatzleistung, gezahlt von den Pflegekassen. Diesen Anspruch hat jeder Arbeitnehmer, unabhängig von der Größe seines Unternehmens.

  • Pflegezeit
Falls ein Angehöriger längerfristig pflegebedürftig ist und die häusliche Pflege länger andauert, können Beschäftigte für sechs Monate ganz oder teilweise aus dem Job aussteigen. Die "Pflegezeit" können Sie in Anspruch nehmen, wenn Ihr Angehöriger erstens mindestens Pflegegrad 1 hat und die Pflege zweitens zu Hause stattfindet. Arbeitnehmer, die in Unternehmen mit weniger als 15 Beschäftigten arbeiten, haben keinen Rechtsanspruch auf Pflegezeit. In der letzten Lebensphase eines Menschen dürfen Sie eine dreimonatige teilweise oder vollständige Auszeit vom Job nehmen, um einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen beim Sterben zu begleiten. Auch wenn er in einem Hospiz lebt.

  • Familienpflegezeit
Wenn sechs Monate nicht reichen, gibt es die Familienpflegezeit. Sie können sich für 24 Monate, also zwei Jahre, teilweise von der Arbeit freistellen lassen, wenn Sie einen pflegebedürftigen nahen Angehörigen in häuslicher Umgebung pflegen, dieser mindestens Pflegegrad 1 hat und Sie noch mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten. Für Beschäftigte in Unternehmen mit weniger als 25 Mitarbeitern besteht kein Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit.

  • Allgemein
Sowohl in der Pflegezeit als auch in der Familienpflegezeit können ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragt werden, um den Einkommensverlust auszugleichen.
Und sobald Sie Ihrem Arbeitgeber eine Freistellung melden, können Sie nicht mehr gekündigt werden.

Damit Sie sozial abgesichert sind und später bei der Rente keine Einbußen haben, zahlt die Pflegeversicherung des Pflegebedürftigen für Sie in die Rentenversicherung ein. Außerdem sind Pflegende während der Pflege und bei Tätigkeiten, die damit zusammenhängen, gesetzlich unfallversichert. Hinzu kommen viele Entlastungsmöglichkeiten, wie Kurzzeitpflege, Tages- oder Nachtpflege oder der Entlastungsbeitrag von 125 Euro, den die Pflegekassen gewähren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.12.2018 | 13:58 Uhr

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