Ein Mitarbeiter des Munitionsbergungsdienstes mit alten Munitionsteilen in der Wittstock-Ruppiner Heide. © NDR Foto: Martin Möller

Streubomben: Das teuflische Erbe des Kalten Krieges

Stand: 12.06.2021 10:10 Uhr

Während des Kalten Krieges warf die sowjetische Rote Armee Hunderte Streubomben über der Wittstock-Ruppiner Heide ab. Mittlerweile ist dieser Bombentyp international geächtet. Deshalb müssen Blindgänger vom ehemaligen Bombodrom bis 2025 verschwinden.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Jeden Tag macht sich eine Armada aus 45 Fahrzeugen auf den Weg in das Sperrgebiet des ehemaligen Bombenabwurfplatzes in der Wittstock-Ruppiner Heide. Ein Zehntel aller Munitionsbergungskräfte Deutschlands sind hier im Einsatz, insgesamt 140 Frauen und Männer, bei jedem Wetter. Bevor die Rote Armee das mehr als 100 Quadratkilometer große Gebiet 1952 okkupierte, war es mit dichtem Misch- und Kiefernwald bewachsen. Bomben, Granaten und Panzerketten haben den Wald in eine wasserlose Steppenlandschaft verwandelt. Nur langsam erholt sich die Natur, Birken und Kiefern wachsen wieder.

Förster kümmern sich um Altlasten

Die letzten Soldaten zogen vor elf Jahren ab, nachdem die Bundeswehr auf die Nachnutzung des Platzes endgültig verzichtet hatte. Die Brandenburger und die Mecklenburger Bürgerinitiativen "Freie Heide" und "Freier Himmel" hatten sich durchgesetzt - juristisch und auch politisch. Eigentümer der Flächen ist weiterhin der Bund, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Zu der gehört auch die Bundesforstbehörde. Die Förster müssen sich nun um die militärischen Altlasten kümmern. Sondierungen hatten ergeben, dass manche Flächen extrem belastet sind, Blindgänger in bis zu sechs Metern Tiefe liegen.

Bomben auf "Bitburg"

Systematische Kampfmittelräumung findet bislang aber nur auf einigen Wegen und im Bereich des ehemaligen Scheinflughafens statt. Dort hatte die Rote Armee den NATO-Flugplatz Bitburg in Rheinland-Pfalz nachgebaut und dessen Bombardierung geübt, in den 1980er-Jahren zunehmend auch mit neuartiger Streumunition. Seit 2010 ist dieser Waffentyp von der UNO völkerrechtlich geächtet. Auch Deutschland musste sich verpflichten, sämtliche Streubomben zu vernichten, inklusive der Blindgänger. Die gibt es in Deutschland nur in der Wittstock-Ruppiner Heide. Die Verdachtsfläche ist etwa zwölf Quadratkilometer groß. Die Streubombenabwürfe wurden nicht protokolliert, es gibt auch keine Karten. Deshalb muss die gesamte Verdachtsfläche systematisch abgesucht werden.

Ein Drittel Blindgänger

Abgeworfen wurden sowjetische RBK-500-Streubomben aus vier Kilometern Höhe. Sie schweben an einem Fallschirm zu Boden und setzen kurz vor dem Aufprall 565 Minibomben frei, die sogenannten ShOABs. Diese explodieren einzeln und setzen auf der Fläche eines Fußballfeldes jeweils Dutzende Metallsplitter frei. Etwa ein Drittel dieser Minibomben blieben als Blindgänger liegen oder stecken im Boden. Die innen liegenden Zünder und ihr harmloses Aussehen machen sie so gefährlich. In Krisengebieten sind besonders Kinder betroffen. Trotz internationaler Ächtung ist Streumunition weiter im Einsatz - zum Beispiel in Syrien und im Jemen.

Keine munitionsfreie Heide

Aufgrund erster Schätzungen ging die Bundesforstanstalt anfangs von wenigen Hundert Minibomben aus. Nach drei Jahren sind jedoch schon mehr als 5.300 geborgen worden. Jede einzelne von ihnen verfügt über die doppelte Sprengkraft einer Handgranate. Ein- bis zweimal pro Woche werden die Funde zum Sprengplatz gebracht und vernichtet. Die Munitionsbergung kostet etwa zehn Millionen Euro pro Jahr. Bis 2025 soll sämtliche Streumunition aus der Wittstock-Ruppiner Heide verschwunden sein und - als Beifang - auf der Streubomben-Verdachtsfläche auch andere Arten von Munition. Das wird von internationalen Inspektoren kontrolliert. Bomben und Granaten, die sehr tief oder außerhalb der Verdachtsflächen liegen, bleiben weiterhin im Boden. Eine Bergung wäre zu aufwändig und zu teuer. Deshalb werden große Teile des ehemaligen Bombenabwurfplatzes wohl weitere Jahrzehnte für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben. Wer hier Pilze sammelt, begibt sich in Lebensgefahr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.06.2021 | 19:30 Uhr

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