Stand: 19.03.2019 10:37 Uhr

Streit um Stellenbesetzung im Jugendamt Schwerin

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Am Abend entscheiden die Stadtvertreter in ihrer Sitzung über die vorgeschlagene Personalie.

Die geplante Besetzung einer Führungsposition im Schweriner Jugendamt wird zum Politikum. Nach einem Vorschlag der SPD-geführten Verwaltung soll die Stelle an den SPD-Stadtvertreter Tim Piechowski gehen. Dagegen regt sich in der Stadtvertretung nach Informationen von NDR 1 Radio MV allerdings Widerstand.

Stadtvertretung entscheidet am Abend

Der Hintergrund: Der 32-jährige soll Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes im Jugendamt werden, der Posten ist seit gut drei Monaten nur kommissarisch besetzt. Sein Aufgabengebiet umfasst auch das Eingreifen bei Kindswohlgefährdungen. Der SPD-Kommunalpolitiker - er ist gelernter Sozialarbeiter - hat sich in dem Auswahlverfahren gegen einen weiteren Bewerber durchgesetzt, heißt es in dem Personalvorschlag der Verwaltung. Ein Dritter hatte zuvor seine Bewerbung zurückgezogen. Über die Personalie stimmt am Abend der Hauptausschuss der Stadtvertretung in nicht-öffentlicher Sitzung ab.

Bedenken wegen beruflicher Vergangenheit Piechowskis

Allerdings haben Linke und Unabhängige Bürger (UB) Bedenken. Diese Bedenken zielen weniger auf das SPD-Parteibuch des Kandidaten. Es geht um Piechowskis berufliche Vergangenheit. Als Sachgebietsleiter Jugend im Landkreis Nordwestmecklenburg wird er mit Versäumnissen bei einer Kindswohlgefährdung in Grevesmühlen in Verbindung gebracht - ein dreijähriger Kund wurde 2016 mit schweren Misshandlungen aus der Obhut seines Vaters geholt. Das Jugendamt des Kreises soll Hinweise übersehen haben, Piechowskis Fachdienst war mit dem Fall betraut. Gegen einen seiner Mitarbeiter geht die Staatsanwaltschaft Schwerin laut einem Medienbericht mit einem Strafbefehl vor.

Linke: "genügend sensible Vorgänge" im Jugendamt

Der Chef der Linksfraktion in der Stadtvertretung, Henning Foerster, erklärte, es habe in Schwerin in der Vergangenheit mit dem tragischen Tod der kleinen Lea-Sophie und den Vorgängen um die Misshandlungen im Verein Power for Kids "genügend sensible Vorgänge" gegeben. Deshalb sollte die Stadt sich Zeit nehmen, einen möglicherweise besser geeigneten Kandidaten zu finden. Die Linke will den Personalvorschlag stoppen, auch die Unabhängigen Bürger stimmen dagegen. Ihr Abgeordneter Manfred Strauß warnt vor einem "Schnellschuss" und einer "Notlösung". Intern heißt es in der Fraktion: "Die Sache stinkt". Allerdings haben Linke und UB zusammen nur vier von zwälf Stimmen im Hauptausschuss. Auch bei Mitarbeitern im Jugendamt soll es Vorbehalte gegen den Kandidaten Piechowski geben.

Stadtverwaltung verteidigt Piechowski

Die Stadtverwaltung verteidigte Piechowski, es lägen im Fall der Kindswohlgefährdung in Grevesmühlen keine weitergehenden verbindlichen Informationen vor. In einer Antwort auf Nachfragen aus der Stadtvertretung heißt es: "In Bezug auf unterschiedliche Vorstellungen zur innerbehördlichen Handhabung des Falles wurde zwischen dem Landratsamt und Herrn Piechowski nach hier vorliegenden Informationen Stillschweigen vereinbar." Außerdem: Piechowski sei damals kein "fallführender Bearbeiter" gewesen.

Darauf weist auf Anfrage von NDR 1 Radio MV auch Piechowski hin. In dem Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Schwerin sei er zu den Vorgängen noch nicht einmal als Zeuge gehört worden. Der zuständige Bearbeiter sei seinerzeit einer von mehr als 20 Mitarbeitern seiner Abteilung gewesen und habe alleinverantwortlich gehandelt. Und auf die Stelle in seiner Heimatstadt Schwerin habe er sich in einem öffentlichen Ausschreibungsverfahren "ganz normal" beworben. Piechowskis SPD-Fraktionschef Christian Masch wollte sich auf Anfrage nicht zu der Angelegenheit äußern, CDU-Fraktionschef Sebastian Ehlers reagierte nicht auf Anfragen.

Lücke im Lebenslauf

Allerdings musste die Schweriner Stadtverwaltung auf Nachfragen von Stadtvertretern Informationsdefizite einräumen. So ergab sich beim beruflichen Werdegang des Kandidaten, der dem Hauptausschuss mitgeteilt wurde, eine Lücke. Demnach hatte Piechowski seine Arbeit im Landkreis Nordwestmecklenburg Ende 2016 ohne Anschlussbeschäftigung beendet. Erst auf Nachfrage ergab sich, dass der Sozialdemokrat seit Anfang 2017 bei der AWO-Soziale Dienste Westmecklenburg als Sozialarbeiter beschäftigt ist. Sein Weggang aus dem Jugendamt des Landkreises habe seinerzeit private Gründe gehabt. Außerdem habe er keine Möglichkeit gesehen, den Fachdienst Jugend im Landkreis nach seinen Vorstellungen zu verändern. Das Landratsamt habe Piechowski nach seinem Ausscheiden jedoch ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt. Linken-Fraktionschef Henning Foerster reicht das nicht: Die Verwaltung kratze hier nur an der Oberfläche, man habe sich keine Mühe gegeben, tiefere Erkenntnisse zu bekommen.

Weitere Informationen

Missbrauch bei "Power for Kids": Zwölf Jahre Haft

Im zweiten Missbrauchsprozess ist der Mitgründer des Schweriner Jugendclubs "Power for Kids" zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Zudem wurde eine anschließende Führungsaufsicht verhängt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 19.03.2019 | 11:00 Uhr

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