Stand: 29.01.2019 05:03 Uhr

Lehrer-Nachwuchs: "Die Leute werden verheizt"

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

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Müssen zunächst weiter ohne Schnellkurs vor die Klassen treten: Seiteneinsteiger. (Symbolbild)

Die Lage der Lehrer-Seiteneinsteiger an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern verschärft sich: Das Bildungsministerium lässt etliche Aushilfskräfte auch rund ein halbes Jahr nach Schulbeginn ohne grundlegende Ausbildung. Nach Informationen von NDR 1 Radio MV müssen etwa 50 von ihnen weiter auf einen sogenannten Kompaktkurs verzichten, der eigentlich auf den Unterricht vorbereiten soll. Die Situation wird offenbar auch insgesamt als belastend empfunden. Einige Seiteneinsteiger, die schon länger unterrichten, bereiten die Gründung einer Interessenvertretung vor.

Kompaktkurs trotz Zusage gestrichen

"Die Leute werden einfach in den Unterricht hineingeworfen", berichten Betroffene. Trotz Zusage zu Schuljahresbeginn wurde ihnen der spätestens für diesen Monat angekündigte Kompaktkurs gestrichen. Das geht aus einem Schreiben des Ministeriums an die Betroffenen hervor. Der Brief liegt dem NDR vor. Als Grund wurde unter anderem genannt, dass die Unterrichtsversorgung gesichert bleiben müsse. Offenbar kann auf die Seiteneinsteiger nicht verzichtet werden, weil sonst ein massiver Stundenausfall droht.

Tief sitzender Frust

Die Folge: Die Seiteneinsteiger, die keinerlei pädagogische Ausbildung haben, müssen auch das zweite Halbjahr ohne den Schnellkurs über grundlegende Unterrichts- und Lernmethoden vor ihre Klassen treten. "Die, die am meisten Hilfe bekommen müssten, die bekommen keine", berichten Insider aus der Bildungsverwaltung. Dort sitzt der Frust offenbar tief. Solch eine Praxis gebe es in keinem anderen Beruf, die Leute würden verheizt, heißt es. Das Bildungsministerium erklärte auf Anfrage, bei den Betroffenen handele es sich um Seiteneinsteiger, die erst nach dem Schulstart eingestellt worden seien, der Kompaktkurs werde nachgeholt. Ein Sprecher wies darauf hin, dass es seit 2014 eine "Grundlegende pädagogische Qualifizierung für Seiteneinsteiger" gebe.

Viele offenen Fragen zur Lehrbefähigung

Auch unter den Seiteneinsteigern, die schon seit Längerem in den Schulen tätig sind, wächst offenbar der Frust. Grund sind offene Fragen bei der Qualifizierung und der Anerkennung der Lehrbefähigung. Es gebe keine geregelte Weiterbildung oder gar eine Studienordnung. Auch nach fünf Jahren Lehrpraxis an den Schulen und einem begleitenden Kolloquium stehe nicht fest, ob Bewerber die Lehrbefähigung und damit die Anerkennung als Lehrer erhalten würden.

Steht Gründung einer Interessenvertretung bevor?

Etliche fühlen sich als billige Ausputzer, weil sie deutlich weniger verdienen als ihre ausgebildeten Lehrerkollegen und auch nach vielen Jahren wenig Aussicht auf eine gleiche Vergütung haben. Die Unzufriedenheit wächst, kurz vor den Winterferien soll es in Neubrandenburg ein Treffen von Neu-Lehrern geben - mit dem Ziel, eine Interessenvertretung zu bilden. Noch ist offen, ob das gelingt.

Weil ausgebildete Lehrer fehlen, greift auch Mecklenburg-Vorpommern verstärkt auf Seiteneinsteiger mit Berufsausbildung oder Fachstudium zurück. Experten rechnen damit, dass wegen des Lehrermangels der Bedarf an diesen Quereinsteigern wächst.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.01.2019 | 07:00 Uhr

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