Stand: 10.09.2019 11:02 Uhr

Schwesig: Gesicht und Stimme des Ostens

Schwesig hat es in den vergangenen zehn Jahren bis in die erste Reihe der deutschen Politik geschafft.

Manuela Schwesig will mitreden und vor allem mitgestalten. Das hat sie schon früh in Schwerin deutlich gemacht. Schwesig ist als Kommunalpolitikerin in Mecklenburg-Vorpommern groß geworden und hat 2017 das Ministerpräsidentenamt von Erwin Sellering (SPD) übernommen. Zwei Jahre später bekommt sie als kommissarische SPD-Vorsitzende neue Verantwortung. Doch dieses Amt legt sie wegen einer Brustkrebserkrankung nieder. Ministerpräsidentin wolle sie allerdings bleiben, erklärte die 45-Jährige.

Parteieintritt mit 29

Geboren wird Manuela Schwesig am 23. Mai 1974 in Frankfurt/Oder und wächst im brandenburgischen Seelow auf. Schon damals gründet sie ein Sorgentelefon für Kinder. Ihr Vater ist Schlosser, die Mutter Statistikerin. Nach dem Studium zieht die Finanzwirtin mit Mitte 20 nach Schwerin und arbeitet im Finanzamt. Erst 2003 wird sie Parteimitglied. Schnell wechselt sie in das Finanzministerium und arbeitet in der Stadtvertretung der Landeshauptstadt. Schwesig ist damit ein politisches Urgestein des Landes. 2005 wird sie Mitglied im Landesvorstand der SPD.

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Jüngste Ministerin Deutschlands

Überraschend ernennt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) die damals 34-Jährige 2008 zur Sozialministerin seiner Großen Koalition. Sie wird damit die jüngste Ministerin bundesweit. Sellerings Forderung nach Erneuerung in der SPD verknüpft er immer wieder mit ihrem Namen. Trotz heraufziehender Finanz- und Wirtschaftskrise schafft sie es, weitere 15 Millionen Euro für die frühkindliche Bildung im Landeshaushalt zu verankern.

Als eines ihrer wichtigsten Themen gilt schon früh die Kindertagesbetreuung. In Mecklenburg-Vorpommern setzt sie eine Entlastung der Eltern von Krippenkindern um bis zu 100 Euro im Monat durch - als Antwort auf das Betreuungsgeld der CDU für zu Hause erziehende Mütter, das Schwesig als "Herdprämie" kritisiert.

Manuela Schwesigs wichtigste Stationen

1992-1995: Studium an der Fachhochschule für Finanzen in Königs Wusterhausen (Abschluss: Dipl.-Finanzwirtin)
2003: Parteieintritt in die SPD
seit 2005: Mitglied des SPD-Landesvorstands Mecklenburg-Vorpommern
2007-2008: SPD-Fraktionsvorsitzende in der Stadtvertretung Schwerin
2008-2011: Ministerin für Soziales und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern
2011-2013: Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales in Mecklenburg-Vorpommern
2009-2017: Stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende
2013-2017: Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
seit 2017: Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern und SPD-Landesvorsitzende
3. Juni bis 10. September 2019: kommissarische SPD-Bundesvorsitzende zusammen mit Malu Dreyer und Thorsten Schäfer-Gümbel

2009 Start in der Bundespolitik

2009 wird sie Teil des Schattenkabinetts von Bundeskanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Sie geht auf Konfrontationskurs zu den damaligen Bundesfamilienministerinnen Ursula von der Leyen und Kristina Schörder (beide CDU) und fordert eine Frauenquote in Unternehmen. Doch Steinmeier verliert und Schwesig bleibt in Schwerin. Nach der Wiederwahl 2011 wird sie Arbeits-, Sozial und Gleichstellungsministerin. Schon kurz nach der Bundestagswahl 2013 skizziert Schwesig Leitlinien einer künftigen Familienpolitik: Sie hält an einer Erhöhung des Kindergeldes fest und lotet Möglichkeiten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus.

Von Schwerin nach Berlin

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Erwin Sellering gilt als Förderer von Manuela Schwesig.

Einen Teil ihrer Ideen kann sie von Dezember 2013 bis 2017 als Bundesfamilienministerin verwirklichen. Die Verbesserung der Qualität in den Kindertagesstätten und flexible Arbeitszeitmodelle für Eltern, Gleichberechtigung sowie Toleranz und der Kampf gegen Rechtsextremismus werden Hauptthemen ihrer Amtszeit. Mit Justizminister Heiko Maas (SPD) bringt Schwesig das Gleichstellungsgesetz auf den Weg. Von 2016 an müssen Aufsichtsratspositionen in etwa hundert börsennotierten Konzernen mit mehr als 2.000 Mitarbeitern zu mindestens 30 Prozent mit Frauen besetzt werden. Weitere 3.500 größere Unternehmen müssen sich verbindliche Ziele setzen, um den Frauenanteil in Führungsgremien zu erhöhen. Auch das Lohngerechtigkeitsgesetz hat sie initiiert, bei dem Mitarbeiter in Firmen mit mehr als 200 Beschäftigten ein Auskunftsrecht über Lohnstrukturen erhalten, außerdem führte Schwesig das ElterngeldPlus und den Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit ein. Zudem wirkt sie auf das Prostitutionsgesetz und die Reform des Sexualstrafrechts ein.

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Als der an Krebs erkrankte Erwin Sellering im Sommer 2017 sein Ministerpräsidenten-Amt und den Landespartei-Vorsitz aufgibt, schlägt er seine politische Zieh-Tochter als Nachfolgerin für beide Posten vor. Mit 43 Jahren übernimmt Manuela Schwesig beide Funktionen. Im Kabinett belässt sie alle Minister, nimmt keine Veränderungen vor. Unter Schwesigs Führung werden einige Reform-Projekte des Landes angegangen und geregelt: Der Theaterpakt, die Abschaffung der Straßenbaubeiträge, Vergabe-Mindestlohn und die beitragsfreie Kita ab 2020.

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Turbulente Zeiten in der Landespolitik

Ihre Bemühungen zahlen sich aber weder bei der Kommunal- noch den Europawahlen Ende Mai 2019 aus. Die SPD verliert weitere Wähler vor allem bei den jungen Leuten. Für zusätzliche Unruhe in der Regierung und Landespartei sorgt der Konflikt mit dem eigenen Genossen Mathias Brodkorb. Nach langen Querelen mit der Regierungs-Chefin tritt er Ende April als Finanzminister zurück. Die beiden hatten nie eine gemeinsame menschliche Basis gefunden. Vor allem bei der Opposition mehren sich die kritischen Stimmen, die Schwesigs Führungsstil für zu autoritär halten. Sie führe ihre Minister am Gängelband. Viele angekündigte Vorhaben der Regierung in der Bildungs-Politik und bei der Digitalisierung setzen die zuständigen Fachministerien nicht um, werden erst dann gelöst, wenn Manuela Schwesig sie zur Chefsache erkläre. Bundespolitisch bleibt sie weiterhin aktiv, gilt als das soziale Gewissen ihrer Partei und tritt als Fürsprecherin ostdeutscher Interessen auf. 

Meinungsstark und kämpferisch

Jung, weiblich, aus dem Osten: So wird Manuela Schwesig oft zusammengefasst. Als Mutter zweier Kinder kennt sie den Spagat zwischen Familie und Beruf. Auch mit Sexismus kennt sie sich aus. Als die junge Politikerin bundesweit bekannt wird, betitelten einige sie als "Küsten-Barbie". "Frauen begegnet es oft, dass sie zunächst über Äußerlichkeiten definiert werden. Frauen müssen immer beweisen, dass auch in ihrem Kopf etwas Kluges drinsteckt. Ich habe mich daran gewöhnt", so Schwesig.

Immer wieder schaltet sich Schwesig daher in Debatten zu den Themen Frauenrechte, Kinderförderung oder Altenpflege ein - und gilt als Gesicht und Stimme des Ostens. Gerne meldet sie sich auch über Twitter zu Wort. Dabei verteidigt sie ihr ostdeutsch geprägtes Rollenbild gegen konservative Alternativmodelle. Meinungsstark und kämpferisch sind daher die Adjektive, die sie als Politikerin deutlich besser beschreiben als jung und weiblich. Ihr Lieblingswitz? "Es gibt an jeder Ecke perfekte Männer und deswegen hat Gott die Welt rund gemacht."

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 04.06.2019 | 12:00 Uhr

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