Schweinemäster kalkuliert knapp und macht dennoch Verluste

Stand: 17.10.2020 08:33 Uhr

Zum Welternährungstag rechnet der Landwirt Stefan Wille genannt Niebur vor, warum mehr Tierwohl mit den derzeitigen Schweinefleischpreisen kaum zu finanzieren ist.

von Franziska Drewes

Schlachthof-Skandale und Diskussionen über Tierschutz - einerseits gerät Billigfleisch zunehmend in Verruf, viele Deutsche legen inzwischen Wert darauf zu erfahren, woher die Schnitzel und Koteletts auf ihren Tellern kommen und wie die Schweine gehalten wurden. Allerdings - auch das belegen Studien - noch immer kaufen Verbraucher vorrangig billiges Discounterfleisch. Schweineschnitzel zwischen fünf und sechs Euro das Kilo gibt es an fast jeder Frischetheke im Supermarkt. Zum heutigen Welternährungstag rechnet ein Landwirt aus Mecklenburg-Vorpommern vor, was solche Verbraucherpreise für seinen Schweinemastbetrieb bedeuten.

20.000 Mastschweine pro Jahr

Stefan Wille-Niebur, Landwirt aus Plate, im Gespräch
Stefan Wille-Niebur muss zurzeit in die Mast eines Schweins mehr Geld investieren, als er am Ende vom Schlachthof erhält.

Umfragen belegen, dass die Deutschen noch immer am liebsten Schweinefleisch essen, etwa 50 Kilo im Jahr pro Person. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es etwa 130 größere Betriebe, die Schweine produzieren. Einer von ihnen ist Stefan Wille genannt Niebur. Er produziert und mästet seine eigenen Ferkel. Das Familienunternehmen befindet sich an mehreren Standorten im westlichen Mecklenburg. Die Wille-Niebur Ost GbR in Liessow bei Schwerin hat zwei festangestellte Mitarbeiter. Dort werden die Sauen und Ferkel konventionell gehalten. Im zweiten Unternehmenszweig, die Stefan Wille-Niebur Schweinemast, werden die Tiere gemästet. Diese Ställe befinden sich in Plate und Gägelow bei Wismar. Insgesamt hat der Betrieb 680 Sauen, die jedes Jahr knapp 20.000 Mastschweine produzieren. Damit ist das Unternehmen ein durchschnittlich großer Schweinehaltungsbetrieb.

Vom Ferkel zum Kotelett

Stefan Wille genannt Niebur betreibt eine intensive Mast. Das bedeutet, seine Tiere leben zwar nicht auf Stroh, werden aber mit Futter von den eigenen Feldern gemästet. Eine Sau ist knapp vier Monate trächtig. Nach der Geburt werden die Ferkel etwa zwölf Wochen lang aufgezogen, bevor sie ein Gewicht von rund 30 Kilogramm haben und gemästet werden. Bis es soweit ist, hat Stefan Wille genannt Niebur für jedes Ferkel 56 Euro Kosten für Futter und Wasser, aber auch für Personal, Tierarztkosten oder Versicherungen.

Die kostenintensive Mast

Ist das Ferkel aufgezogen, wird es gemästet, bis es ein Schlachtgewicht von zirka 120 Kilogramm erreicht. Dafür muss ein Mastschwein täglich 900 Gramm zunehmen. Es dauert etwa dreieinhalb Monate bis das Schlachtgewicht erreicht wird. Allein für das Futter in dieser Zeit zahlt Stefan Wille genannt Niebur 65 Euro pro Schwein. Dazu kommen fixe Kosten für Energie, Wasser, Personal, Tierarzt und Versicherungen. Auch der Transport über einen Spediteur zum Schlachthof muss mit einkalkuliert werden. Alles in allem muss Stefan Wille genannt Niebur für ein Schwein rund 152 Euro investieren.

Vertragspartner Schlachthof

Der 48-jährige Landwirt aus Liessow arbeitet mit dem Schlachtunternehmen Westfleisch in Nordrhein-Westfalen zusammen, eines der führenden Fleischvermarkter in Deutschland und Europa. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keinen großen Schlachthof für Schweine mehr. Das Unternehmen Westfleisch gehört anteilig Landwirten, auch Stefan Wille genannt Niebur. Bauern sitzen zudem im Aufsichtsrat. Das ist es was der Schweinehalter aus Mecklenburg-Vorpommern an dem Unternehmen schätzt. So konnte er für sich unter anderem bessere Vertragsbedingungen aushandeln.

Am Ende bleibt nichts übrig

Pro Mastschwein zahlt ihm der Schlachthof momentan 125 Euro. Das bedeutet, der Landwirt zahlt drauf, die Mast ist ein Minusgeschäft von derzeit 27 Euro pro Schwein. Ein anderes Rechenbeispiel: für ein Kilo Schweinefleisch erhält der Landwirt 1, 32 Euro, müsste aber 1,60 Euro bekommen, um kostendeckend zu arbeiten. Allerdings: die 1,32 Euro liegen derzeit noch über dem bundesweiten Durchschnittspreis von 1,27 Euro. Die Preise am Fleischmarkt variieren. Momentan liegen sie vor allem wegen des Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland im Keller. Wichtige Absatzmärkte, etwa in Asien, sind weggebrochen. Das deutsche Schweinefleisch gilt nicht mehr als seuchenfrei, auch wenn der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest sich bislang auf das Bundesland Brandenburg beschränkt. Stefan Wille genannt Niebur hofft Tag für Tag, dass Mecklenburg-Vorpommern verschont bleibt. Noch wichtiger ist ihm aber, dass keine weiteren Handelsrestriktionen folgen.

„Verbraucher haben es in der Hand“

Die Schlachthöfe zerlegen das Fleisch und verkaufen es weiter, etwa an den Groß- und Einzelhandel, auch ins Ausland. Über die Preisgestaltung sprechen Händler so gut wie gar nicht. Klar ist aber: Sonderangebote der Discounter sollen Kunden in die Supermärkte locken. Ein Preiskampf, auf den Schweinehalter sowieso keinen Einfluss haben. Dem Landwirt aus Liessow ist klar, Landwirtschaft ist vom Auf und Ab, von guten und schlechten Jahren geprägt. Momentan befindet sich die Schweinebranche in einer schweren Krise. Allerdings kommt noch eine weitere große Herausforderung hinzu. „Noch nie hat es so viele neue Auflagen in kürzester Zeit gegeben wie jetzt“, betont Stefan Wille genannt Niebur. Er nennt als ein Beispiel die neue Tierschutz-Verordnung zur Nutztierhaltung, die mehr Tierwohl in die deutschen Ställe bringen soll. Das findet der Landwirt generell gut. „Nur kostet mehr Tierwohl auch mehr Geld“. Der 48- Jährige hofft auf ein Umdenken seitens der Verbraucher. Für mehr Tierwohl in den Ställen müssen am Ende auch die Verbraucher tiefer in die Tasche greifen und mehr für Schnitzel oder Kotelett ausgeben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 16.10.2020 | 06:00 Uhr

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