Grundschüler beim Corona-Selbsttest  Foto: Matthias Balk

Schulstart mit Selbsttests: Massive Kritik von Lehrern und Eltern

Stand: 17.03.2021 16:45 Uhr

Die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern sind am Mittwoch ein weiteres Stück geöffnet worden. Corona-Selbsttests sollen das absichern. Lehrer und Eltern kritisieren einen "Wildwuchs an Anweisungen und Pflichten".

Tausende weitere Schüler in Mecklenburg-Vorpommern sind am Mittwoch in die Schulen zum Unterricht zurückgekehrt. In Schwerin sowie in den Landkreisen Ludwigslust-Parchim, Rostock und Vorpommern-Greifswald gilt für Schüler ab Klasse sieben wieder Wechselunterricht in der Schule. Die Kinder und Jugendlichen waren zuletzt kurz vor Weihnachten in der Schule. Während die eine Hälfte der Klasse in der Schule lernt, bleibt die andere beim Wechselunterricht im Homeschooling. Dadurch sollen die Gruppen klein gehalten und das Ansteckungsrisiko verringert werden.

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Rostock: Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks in der Hansestadt liefern Corona-Schnelltests für Schüler an das Gymnasium Reutershagen aus. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Ab Mittwoch weitere Schulöffnungen - und Selbst-Tests

Rund 450.000 Selbst-Tests verteilt das THW in MV. Die Schulen wurden erst am Montag über den Ablauf der Selbst-Tests informiert. mehr

Schüler können sich Selbsttests unterziehen - Telefone "laufen heiß"

Zudem können sich die Schüler Corona-Selbsttests unterziehen. Sie sollen einmal pro Woche im Klassenraum stattfinden und sind freiwillig. Die Lehrer sollen die Testungen lediglich beaufsichtigen. 411.000 solcher Tests waren in den vergangenen Tagen an die Schulen im Land geliefert worden. Damit sind laut Bildungsministerium die Testungen bis in die Woche nach Ostern gewährleistet.

Allerdings verlief der Auftakt nach Informationen von NDR 1 Radio MV keineswegs reibungslos. Während einige Schulen offenbar keine Probleme bei der Umsetzung der Tests hatten und - so ein Schulleiter aus Lübtheen zu NDR 1 Radio MV - die Tests ausdrücklich begrüßten, gab es an anderen Einrichtungen großen Unmut. Die kurzfristige Einführung der Tests stieß auf massive Kritik bei Lehrer-Gewerkschaften und Eltern. "Bei uns laufen die Telefone heiß, uns wird von einem Wildwuchs an Anweisungen und Pflichten gegenüber den Lehrkräften berichtet, die die Corona-Schnelltests anleiten und beaufsichtigen sollen", teilte der Landesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (dbb), Dietmar Knecht, mit. Lehrer fühlten sich unsicher, da ihnen medizinisches Fachwissen fehle, um Fehler in der Durchführung der Tests zu erkennen. Außerdem sei die Informationslage an den Schulen chaotisch.

VBE fordert medizinisches Begleitpersonal

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, erst am Montagnachmittag sei bekanntgegeben worden, wie ab Mittwoch getestet werden solle, viele Fragen seien offen geblieben, so der Landesvorsitzende Michael Blanck bei NDR 1 Radio MV. Es seien etwa Fragen zur Haftung gestellt worden. Die Unsicherheit sei so groß. "Der Ärger, der teilweise wirklich in Wut umschlägt, ist verständlich, wenn man sich das Verfahren anguckt. Der VBE meint, dass zumindest in den ersten Wochen der Durchführung dieser Tests medizinisches Personal eingesetzt werden müsste.

GEW: Lehrer nicht gut vorbereitet

Auch der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wurden vielen kritische Rückmeldungen aus den Schulen zu den Selbsttests gemeldet. "Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich nicht gut auf die Abläufe vorbereitet", betonten die Landesvorsitzenden Annett Lindner und Maik Walm. "Wenn jemand positiv getestet wird, nehmen das alle anderen wahr", sagte Walm NDR 1 Radio MV. Kinder gingen mit solchen Fragen nicht immer gut um. Es könne schnell zu Stigmatisierungen kommen. Laut Vorgabe aus dem Bildungsministerium muss ein Kind, dessen Selbsttest in der Schule ein positives Ergebnis zeigt, von den Eltern abgeholt werden und wird bis dahin von den Mitschülern isoliert. Die Kinder müssen sich mit einem Wattestäbchen in beiden Nasenlöchern selbst abstreichen und dann 15 Minuten auf ihrem Platz auf das Ergebnis warten. Bei kleineren Gruppen wie es die geteilten Klassen 7 bis 11 vielerorts noch sind, sei das noch recht gut überschaubar. Wenn sich ab kommender Woche komplette Klassen in Grundschulen und der Orientierungsstufe testen sollen, könnte es aber turbulent werden, so die Kritik.

"Müssen endlich lernen, mit der Pandemie zu leben"

Auch der Landeselternrat sieht die Corona-Selbsttests in der Schule und vor der Klasse aus psychischen Gründen kritisch. Die Tests sollten besser im Beisein der Eltern in der elterlichen Wohnung stattfinden, forderte der Elternrats-Vorsitzende Kay Czerwinski. Der Landeselternrat forderte eine umfassende und sofortige Öffnung aller Schulen im Land unabhängig von der Inzidenz. Das Bildungsdefizit dürfe nicht noch größer werden, so Czerwinski. "Wir müssen endlich lernen, mit der Pandemie zu leben und Strategien entwickeln, die dieses ermöglichen."

Ministerium: Tests sind leicht anwendbar

In einem Elternbrief erklärte Bildungsministerin Bettina Martin (SPD): "Die Tests sind sehr leicht anwendbar und - anders als die bisher bekannten Schnelltests - auch nicht unangenehm." Nach Angaben des Bildungsministeriums können vom kommenden Montag an alle Schüler aller Klassenstufen in MV einmal pro Woche einen Corona-Selbsttest in der Klasse unter Aufsicht des Lehrers vornehmen. Im NDR Nordmagazin sprach sich Martin zudem dagegen aus, dass Eltern mit ihren Kindern die Test zu Hause vornehmen. In Österreich laufe die Testung durch das Lehrpersonal bereits seit mehr als fünf Wochen gut, wie man ihr in Gesprächen mit dem dortigen Bildungsministerium versichert habe.

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Bildungsministerin Bettina Martin im Gespräch mit Nordmagazin Moderator Thilo Tautz.

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Derzeit sind nur noch im Landkreis Nordwestmecklenburg die Siebt- bis Neuntklässler an den Regionalen Schulen sowie die Siebt- bis Elftklässler an den Gymnasien im Homeschooling. Nach Angaben des Kreises könnten sie am kommenden Montag in die Schulen zurückkehren. Bedingung ist jedoch, dass die Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 bleibt. Der Kreis hatte diesen Schwellenwert in der vergangenen Woche an mehreren Tagen überschritten. Deshalb muss die Inzidenz zehn Tage lang unter 100 liegen, bevor wieder geöffnet werden kann. In der Stadt Rostock und in den Landkreisen Vorpommern-Rügen sowie Mecklenburgische Seenplatte sind die Schulen bereits zuvor geöffnet worden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 17.03.2021 | 16:10 Uhr

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