Schule in Schwerin, Vera Arndt: "Wie viele Schüler verlieren wir?"

Stand: 19.06.2021 10:19 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Andreas Lussky

Für Schulleiterin Vera Arndt in Schwerin bedeutete Corona: Hunderte Schülerinnen und Schüler der integrierten Gesamtschule Bertolt Brecht müssen geschützt, aber auch so normal wie möglich unterrichtet werden. Im November vergangenen Jahres musste die ganze Schule wegen eines Corona-Ausbruchs schließen. Vera Arndt ist schon seit mehr als 40 Jahren Lehrerin und Schulleiterin. Sie sagt, aktuell gehe es ihr gut - weil der Schulalltag wieder eingekehrt ist und weil sie und die Kollegen mindestens ein Mal geimpft sind: "Das ist so ein Gefühl, mehr Freiheit in der Arbeit zu haben, mehr Sicherheit zu haben." Die gegenwärtig sinkenden Inzidenzzahlen seien ein weiterer Faktor, der die Arbeit erleichtert habe. "Weil man nicht mehr so ganz streng auf alles achtet, also die Angst im Nacken hat."

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Sorge ums "Corona-Abitur"

Als wir die Schulleiterin Ende des Jahres besucht hatten, waren die Abschlussklassen eine ihrer größten Sorgen. Sie befürchtete ein "Corona-Abitur" und eine "Corona-Mittlere-Reife". Aber es sei dann besser als gedacht gelaufen, sagt sie. Insbesondere weil etwa 90 Prozent der Abschlussklassen-Schüler ab Januar zum freiwilligen Präsenzunterricht kamen. Insgesamt haben den Abschlussklassen nur vier Wochen gefehlt. Für die Prüfungen hätten die Schüler auf viele Räume verteilt werden können, sagt Vera Arndt, denn die Jüngeren sein zuhause gelieben. Im Moment laufen die Prüfungen noch, es zeichne sich aber ab, dass die Ergebnisse nicht deutlich schlechter sind als in den Vorjahren. Jedenfalls bis auf das Mathe-Abitur, aber das hat mit der Brecht-Schule nichts zu tun. "Ein Corona-Abitur, eine Corona-Mittlere Reife, die sie ihr Leben lang begleitet mit schlechten Ergebnissen - ich glaube nicht, dass das so eintritt. Da bin ich wirklich beruhigt."

Testpflicht klappte gut an Brecht-Schule

Masken, Abstände, Einbahnstraßen - insbesondere nach der verordneten Quarantäne waren die Hygienemaßnahmen nochmals verschärft worden. Vera Arndt hatte selbst die Pfeile auf die Flure geklebt, über die inzwischen wohl Tausende Schüler gelaufen sind. Als es wieder Präsenzpflicht gab, seien alle nochmal an die Regeln erinnert worden. Dann kam die Testpflicht: Anfangs habe sie sich gesorgt, ob sich in der Schule dabei an alle Regeln gehalten werden kann. Aber jetzt sorgt Vera Arndt für einen stetigen Nachschub an Einmal-Handschuhen und Mülltüten. Nur in wenigen Fällen würden sich Eltern weigern, dass ihr Kind die Tests in der Schule mitmacht. Es gebe wieder einen halbwegs normalen Schulalltag, sagt Vera Arndt. Und der sei auch dringend nötig.

Einie Schüler waren in der Pandemie verschollen, ein paar sind es immer noch

Völlig ungewiss sei, wie sich die lange Zeit, die viele Kinder nicht in der Schule waren, auswirkt. "Da hatte ich auch eigentlich ein Problem damit, weil wir uns immer die Frage gestellt haben, wie wirkt sich das auf diese Kinder aus - gerade so pubertäres Alter - siebente und achte Klasse - wie viele verlieren wir? Wie viele sind dann nachher verschollen? Wir hatten, wir hatten tatsächlich zeitweilig kurzzeitig verschollene Schüler", sagt sie. Aber die seien von der Schulsozialarbeit alle wieder "eingefangen" worden. "Die hat sie besucht, dass die wieder zur Schule kommen. Jetzt sind es noch ein oder zwei Schüler, wo wir nicht herankommen, und das ist ein minimaler Prozentsatz."

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Für viele Tablets fehlte lange das Zubehör

Die Pandemie ist noch nicht überstanden, viele diskutieren gerade, inwiefern sich Deutschland auf eine vierte Welle vorbereiten muss. Schulleiterin Vera Arndt macht sich vor allem Sorgen darüber, dass die Digitalisierung an der Schule noch viel zu langsam vonstatten geht. Die ersten Schritte seien gemacht, aber echter digitaler Unterricht sei immer noch kaum möglich. Ein Laptop mit Kamera, Smartphone, Drucker oder WLAN sind für viele Schüler nicht selbstverständlich. Vera Arndt ist überzeugt: Alle Schüler müssen die technische Ausstattung bekommen. Spätestens, wenn wirklich die vierte Welle Infektionen kommt und wieder Unterricht von zu Hause aus notwendig wird. 27 Laptops konnte die Brecht-Schule an bedürftige Schüler verteilen. Für 110 Tablet-Rechner, die an die Schüler verteilt werden sollten, fehlte lange das Zubehör wie Schutzhüllen und Tastaturen und auch Auflademöglichkeiten in der Schule. Immerhin seien vier WLAN-Verteilknoten in der Schule eingerichtet worden. Was noch fehle, seien zum Beispiel auch Dienst-Laptops für Lehrer. Vera Arndt kann verstehen, dass es damit dauert, schließlich müssen Geräte für alle Lehrer in Deutschland angeschafft werden.

Schnell getroffene Entscheidungen des Ministeriums ein Ärgernis

Sie kann sich vorstellen, dass es wieder fast so wird wie vor der Pandemie, das Coronavirus werde aber nicht verschwinden. Deshalb hält sie die Impfungen für sehr wichtig. Für das neue Schuljahr hofft sie auf so viel Normalität wie möglich und dass die Schule besser und langfristiger planen kann. Was sie ärgert: die schnell getroffenen Entscheidungen des Ministeriums: "Nichts ist schlimmer, als wenn ich Ad-Hoc von heute auf morgen oder mit dazwischen liegenden Ferientagen irgendetwas organisieren muss. Das war leider in diesem zweiten Halbjahr sehr stark." Sie müsse die Maßnahmen auch immer den Eltern erklären. Die würden die Situation und die sich oft ändernden Regeln verstehen, wenn ihnen die Schule die Gründe erklären kann. Dann gebe es auch Anerkennung dafür, wie sich die Schule durch die Pandemie kämpft. Und bei noch einem Aspekt sind sich Schule und Eltern einig: beide wünschen sich eine schnellere Digitalisierung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

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