Stand: 27.07.2017 13:40 Uhr

Schrecklicher Vorwurf und gefährliches Druckmittel

von Louisa Maria Giersberg, NDR 1 Radio MV Politik und Recherche
Bild vergrößern
Thomas W. saß wegen der Anschuldigung des Kindesmissbrauchs für 19 Monate in Untersuchungshaft, bevor er in allen Punkten freigesprochen wurde.

Thomas W. sitzt auf einer grauen Couch in seinem orange gestrichenen Wohnzimmer in einem Dorf östlich von Schwerin. Auf dem Wohnzimmertisch stapeln sich Papiere, Aktenordner, Klarsichtfolien. Es sind Dokumente eines Justizirrtums. Alles beginnt vor zehn Jahren: Thomas trennt sich von seiner damaligen Frau. Von Anfang an macht sie es ihm schwer, die drei gemeinsamen Kinder regelmäßig zu sehen, verweigert den Umgang. "Zwei Tage nach der Scheidung kam der erste Vorwurf des sexuellen Missbrauchs," erzählt Thomas W. Schnell wird klar: An den Vorwürfen ist nichts dran, eine Anklage wird nicht erhoben. Das Kind, seine älteste Tochter, sei von der Mutter sogar beeinflusst worden, heißt es in einem Gutachten.

Zusammenhang zwischen Vorwürfen und Sorgerechtsstreit?

Als Thomas W. und seine neue Frau wenig später das Sorgerecht für seine Kinder beantragen, behauptet seine Exfrau plötzlich, er habe seine andere, jüngere Tochter missbraucht. Dieses Mal muss Thomas ins Gefängnis, obwohl zwei Gutachten die Zusammenhänge ganz anders darstellen. So heißt es zum Beispiel: "Im Vorgehen der Mutter überwiegt nicht ihre Sorge um das Kind, sondern ihr Wunsch, dem Vater zu schaden, den Umgang zu verhindern." Und weiter: "Es hat den Anschein, dass die Mutter (...) Rache an Thomas W. ausübt." Das Strafmaß: drei Jahre. Er geht in Berufung, bekommt im neuen Verfahren sogar drei Jahre, sieben Monate.

Wer nur das Opfer im Blick hat, produziert andere Opfer

Johann Schwenn, Anwalt und Experte für Sexualstrafverfahren in Hamburg, kritisiert, dass Staatsanwälte und Richter glaubten, sie müssten vor allem etwas für die Opfer tun. Dabei verlören sie aus dem Blick, dass sie selbst neue Opfer produzierten: "Wenn der Vorwurf eines Sexualdelikts erhoben wird, vor allem wenn das Opfer ein Kind gewesen sein soll, dann überwiegt die Empathie in einem Maße, dass vor lauter Mitleid mit dem vermeintlichen Opfer nicht genügend Aufmerksamkeit für den Angeklagten überbleibt." Manch Unschuldiger lande im Gefängnis, sagt auch Max Steller, Professor für Forensische Psychologie. Gemeinsam mit Renate Volbert und Detlef Busse hat er im Jahr 2000 untersucht, wie häufig der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs in Sorgerechts- und Umgangsverfahren vorgebracht wird. Das Ergebnis: „Es kommt relativ selten vor,“ erläutert Detlef Busse. „Wenn der Vorwurf aber gegen den Vater vorgebracht wird, gibt es in 84 Prozent der Fälle keine Anzeichen dafür, dass diese Anschuldigungen stichhaltig sind.“ Trotzdem beeinflusst eine Falschbezichtigung die Entscheidung des Gerichts. Die Folge sind Fehlurteile.

Missbrauchsvorwurf als Druckmittel?

Ein anderer Fall: Marco M. aus Schwerin ist Vater eines heute neunjährigen Sohnes. Er hat ihn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, die Mutter hat sich mit ihm ins Ausland abgesetzt. Auch Marco M. wurde mit falschen Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, just als ihm im Streit um Sorgerecht und Umgang gute Chancen attestiert wurden: "Die Gutachterin kam zu dem Ergebnis, dass es für den Jungen besser wäre, wenn er bei seinem Vater, also mir aufwachsen würde. Und da kam meine geschiedene Frau sofort mit dem Vorwurf, da wäre was in Richtung sexueller Missbrauch. Die Gutachterin hat zum Glück sofort erkannt, dass das eine falsche Beschuldigung ist." Und auch Rechtsmediziner können nachweisen, dass Marco seinem Sohn nichts angetan hat. Es wird keine Anklage erhoben - am Ende bekommt trotzdem seine Ex-Frau das Sorgerecht. Ist der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs also ein Druckmittel oder gar eine Waffe?

Angst als Motiv

"Die Angst der Mutter, das Kind zu verlieren, ist ein ganz wesentlicher Motor," erklärt Gutachterin Silke Schmitz-Wätjen. Sie erarbeitet familienpsychologische Gutachten für Gerichtsverhandlungen. "In der Regel geht solchen Vorwürfen ein intensiver Elternstreit voraus. Und wenn dieser Streit über Geld, über Kinder, über Umgang anhält, dann gibt's da ganz viele Möglichkeiten, wie man versuchen kann, dass der Umgang nicht weiter stattfindet." Die mächtigste Waffe ist der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs. „Wenn also an den richtigen Stellen keine fähigen, klugen Leute sitzen, im Jugendamt und im Familiengericht, die das als Missbrauch mit dem Missbrauch erkennen, dann ist das Kind weg,“ stellt Marco M. resigniert fest.

Beratung

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch
Tel. (0800) 22 55 530
bundesweit und kostenfrei
Sprechzeiten:
Mo., Mi., Fr. 9 bis 14 Uhr
Di., Do. 15 bis 20 Uhr

Freispruch in allen Punkten

Thomas W. geht in Revision. Das Oberlandesgericht Rostock stellt fest, dass 77 Verfahrensfehler gemacht worden sind, sein Fall wird neu aufgerollt. Am Ende fordert sogar der Staatsanwalt seinen Freispruch. Er wird in allen Punkten freigesprochen - nachdem er 19 Monate unschuldig in Untersuchungshaft saß. Thomas ist jetzt frei und hätte nach den Falschanschuldigungen seiner Exfrau keine schlechten Chancen, das Sorgerecht für seine Kinder zu bekommen. Aber er hat aufgegeben, wird nicht mehr versuchen, Kontakt zu seinen Kindern aufzunehmen: "Ich denke, wenn die alt genug sind, werden sie von ganz alleine kommen. Mein Großer ist auch von ganz alleine gekommen. Der will heute keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter haben, durch diese ganzen Vorwürfe. Ich muss meine Familie schützen, nach vorne schauen und nicht zurück." Seine alte Familie hat er verloren - mit seiner neuen will er sich jetzt wieder eine Existenz aufbauen.

Weitere Informationen

Scheidungskinder im Wechselmodell

25.07.2017 07:20 Uhr
NDR Info

Über 130.000 Kinder sind jedes Jahr von der Scheidung Ihrer Eltern betroffen. Eltern teilen sich die Betreuung häufig auf, aber wie geht es dabei den Kindern? mehr

mit Video

Unterhalt: Wenn Väter nicht zahlen

Drei Viertel der Kinder Alleinerziehender im Nordosten erhalten keinen oder zu wenig Unterhalt. Die Väter der Kinder könnten in vielen Fällen zahlen - wollen aber nicht und kommen damit durch. mehr

FAQ: Kompetenzen und Aufgaben der Familienhilfe

Ein Kind ist in seiner Familie gefährdet. Wer entscheidet darüber, welche Hilfen die Familie bekommt? Über das Zusammenspiel von Jugendamt, freien Trägern und Familiengericht. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 27.07.2017 | 17:10 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

02:03
02:46
02:20

Archiv erinnert an Pogrome in Lichtenhagen

21.08.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin