Ein toter Dorsch liegt auf einer Eisschicht. © dpa Foto: Jens Büttner

Schonzeit für den Dorsch beginnt in MV

Stand: 01.02.2021 14:03 Uhr

Aktuell dürfen fünf Dorsche außerhalb und zwei innerhalb der Schonzeit geangelt werden. Die festgelegten Tagesfangbeschränkungen sollen dabei helfen, dass sich der Dorschbestand wieder erholt.

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Damals reagierten Freizeitangler, Angelkutterbetreiber und Angelguides in Mecklenburg-Vorpommern geschockt. Am 10. Oktober 2016 hatten sich die Fischereiminister der Europäischen Union darauf geeinigt, dass pro Tag nur eine bestimmte Anzahl an Dorschen in der westlichen Ostsee geangelt werden darf. Grund war der fast ausgebliebene Nachwuchs 2015. Die Schonzeit beginnt immer am 1. Februar und schließt den März mit ein. Das Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei kontrolliert regelmäßig Freizeitfischer und deren Fänge vor und an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns.

Dorschbestand kollabiert 2015

Karl-Heinz Brillowski angelt seit seiner Jugend und auch sehr gern Dorsch. Der Präsident des Landesanglerverbandes liebt das Revier vor Wismar, denn es bietet unterhalb des Wassers eine abwechslungsreiche Struktur aus Muschelbänken, Löchern und Kanten. "Kurioserweise sind gerade in den letzten beiden Jahren die Fänge dort relativ schlecht gewesen". Warum das so ist, weiß Karl-Heinz Brillowski nicht. Fakt ist: 2015, 2017, 2018 und 2019 waren die schlechtesten Jahre für den Dorschnachwuchs. Nach Angaben von Christopher Zimmermann war die Fangmenge lange Zeit viel zu hoch. Der Wissenschaftler leitet das Thünen- Institut für Ostseefischerei mit Sitz in Rostock. "2015 ist der Dorschbestand kollabiert. Wir wissen, dass sich Bestände, die einmal kollabiert sind, sehr schnell erholen können. Aber wir wissen auch, dass es unter Umständen Jahre dauern kann, bis die Nachwuchsproduktion wieder genauso stark ist wie vor diesem Zusammenbruch. Und offensichtlich haben wir gerade genau dieses Phänomen".

Seit mehr als drei Jahren gibt es weniger Dorschfänge

Klar ist zwar auch, dass sich seit 2017 die Dorschfänge reduziert haben. Das lässt sich aus der Gesamtstatistik für Dorschfänge ablesen. Daraus ist auch ersichtlich, dass Freizeitangler in der Vergangenheit über das Jahr verteilt nahezu gleich viele Tonnen Dorsch aus der westlichen Ostsee geholt haben wie Berufsfischer. Allerdings wissen Christopher Zimmermann und sein Forscherteam noch nicht, ob der Trend nach unten auch einen positiven Effekt hat. Es sei noch zu früh, um eindeutige Erkenntnisse zu präsentieren, so der Wissenschaftler. Derzeit versucht das Thünen-Institut für Ostseefischerei auch herauszufinden, ob sich Dorsche während der Laichzeit anders verhalten als in der übrigen Zeit, also ob sie beispielsweise standorttreu sind. Eine erste Expedition dazu soll in den nächsten Wochen starten.

Dorsch in Ruhe laichen lassen

Die Dorschbestände in der westlichen Ostsee sind ausgedünnt. Noch vor 20 Jahren zeigte sich ein ganz anderes Bild. Damit sich der Dorsch erholen kann und er vor allem zwischen Februar und März in Ruhe laichen kann, gibt es die Fangbeschränkungen. Karl-Heinz Brillowski geht noch einen Schritt weiter. Während der Laichzeit angelt er gar keinen Dorsch. "Es ist für mich völlig einsehbar, dass wir mit den Beständen schonender umgehen müssen". Der Präsident des Landesanglerverbandes hofft, dass sich der Dorschbestand in der westlichen Ostsee möglichst zeitnah stabilisiert und die vorgeschriebene Tagesfangmenge erhöht werden kann – bestenfalls auf zehn Dorsche täglich außerhalb der Schonzeit. "Da würden wir uns gern wieder hinbewegen als Verband. Das würde auch wieder die Attraktivität des Angelns an der Ostsee für die weit entfernt wohnenden Angler erhöhen."

Dorschtourismus weitestgehend eingebrochen

Das sieht auch Christopher Zimmermann so. Er denkt ebenfalls an die Angelkutterbetreiber, die unter den Fangbeschränkungen enorm leiden. Auch aus psychologischer Sicht sei eine höhere Fangmenge wichtig, sagt der Wissenschaftler. Dass die Fangbeschränkung irgendwann wieder komplett aufgehoben wird, hält er für unrealistisch. "Wenn aber diese Beschränkung auf zehn Dorsche pro Tag und Angler angehoben wird, dann kratzt es die Angler im Grunde nicht mehr. Da gibt es fast keine, die mehr fangen. Die Angelfischerei wäre im Grunde nicht mehr behindert von solch einer Tagesfangbegrenzung". Allerdings: wann es soweit sein könnte, ist völlig offen. Denn der Dorschbestand in der westlichen Ostsee hat sich noch immer nicht erholt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 01.02.2021 | 12:00 Uhr

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