Stand: 27.02.2020 11:19 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Salzhaff: Windradschrott im Küstenschutzwald

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Hunderte Tonnen Recyclingmaterial aus Windkraftanlagen wurden benutzt, um einen Waldweg zu verstärken.

Folienreste, Kupferkabel, Metallstücke - wer in den Teßmannsdorfer Tannen, einem Küstenschutzwald am Salzhaff bei Rerik (Landkreis Rostock) spazieren geht, der entdeckt an und auf den Wegen so einigen Müll und Geröll. Der Waldweg wurde im vergangenen Jahr mit geschreddertem Material aus Windkraftanlagen verstärkt, damit Lastwagen hier fahren können für Waldarbeiten, erklärt Anwohnerin Christel Warkowski: "Für mich ist das so makaber, weil im März 2019 haben wir in einer Aktion den Wald und den Strand von Schutt und Unrat befreit, der von der Sturmflut angetrieben wurde. Und zwei Wochen später wurden hier mehrere 100 Tonnen Bauschutt abgeladen."

Küstenschutzwald: Spaziergang über Bauschutt

Nordmagazin -

Im Küstenschutzwald am Salzhaff bei Rerik wurde ein Privatweg mit geschreddertem Material von Windrädern verstärkt. Kritiker befürchten, dass das Folgen für den Waldboden hat.

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Baumaßnahme genehmigt, umgesetzt, abgeschlossen

Der Wald ist in privater Hand, für die Wege ist dagegen die Gemeinde Teßmannsdorf zuständig. Die hatte die Baumaßnahme im vergangenen Jahr genehmigt, zusammen mit der Unteren Naturschutzbehörde und dem zuständigen Forstamt. Astrid Wagener ist seit kurzem Mitglied im Gemeinderat von Teßmannsdorf und sieht die Straßenbaumaßnahme kritisch. Sie könne sich nicht vorstellen, dass es sich um zertifiziertes Recycling-Material handelt. Jörn Heller von der Bundesbürgerinitiative Waldschutz ergänzt: "Es ist für mich immer ganz schwer zu argumentieren, wenn ich mit Kindern hier durchgehe, warum die kein Plastik hinwerfen dürfen. Wenn es hier scheinbar mit Genehmigung vieler Behörden möglich ist, einfach Plastik hinzuschmeißen. Dann kriege ich die Frage: Warum darf denn unser Staat das, wenn wir als Kinder das nicht dürfen? Und das ist für mich auch wirklich nicht mehr nachvollziehbar!"

Plastik im Waldboden: Behörden sehen keine Gefahr

Der Sprecher des Landkreises Rostock, Michael Fengler, sieht hingegen kein Problem: "Im Wald ist Recyclingmaterial der Klasse drei eingebracht worden, um die forstwirtschaftliche Nutzung zu ermöglichen. Das Material ist für den Wegebau geeignet, da dürfen bis zu fünf Prozent Verunreinigungen drin sein. Wir haben das geprüft, es wurden nur an drei Stellen Verunreinigungen gefunden, die sind entfernt worden. Der Belag hat unserer Auffassung nach keine schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt." Die Teßmannsdorfer Tannen liegen laut Umweltministerium zwar im Vogelschutzgebiet Wismarbucht und Salzhaff, die Maßnahme kollidiert demnach aber nicht mit dem Vogelschutz.

Umweltschützer befürchten langfristige Folgen

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Die Plastikschnüre sind so fest im Waldboden verankert, dass Umweltschützer sie nicht entsorgen können.

Für Anwohner und Naturschützer ist das kein Trost. Sie machen sich Gedanken um die langfristigen Folgen für Wald und Mensch. Patrick Folkersma von der BUND-Ortsgruppe Salzhaff Rerik: "Plastik ist sehr schlecht abbaubar. Das betrifft nicht nur unsere Generation, sondern auch noch die nächste und übernächste. Das Material wird sich nur ganz langsam zersetzen und dann irgendwann in anderen Organismen auftauchen und dadurch in der Nahrungskette."

Umweltbundesamt: Kaum Kapazitäten für Recycling

Windkraftanlagen bestehen zu rund 90 Prozent aus Beton und Metall - Materialien, die gut recyclebar sind. Probleme bereiten glasfaserverstärkte Kunststoffbauteile, die etwa für Rotorblätter und Maschinenhäuser verwendet werden. Laut einer aktuellen Studie des Umweltbundesamtes fehlen für das sachgerechte Recycling alter Windräder in Deutschland Kapazitäten. Es würden tausende Tonnen Rotorblattschrott anfallen, wenn in den nächsten Jahren immer mehr Windräder das Ende ihrer Lebensdauer erreichten. Allein im kommenden Jahr würde es demnach um die Entsorgung von mehr als 50.000 Tonnen sogenannter GFK-Verbundwerkstoffe gehen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 28.02.2020 | 12:00 Uhr

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