Eine Schlange von Autos fährt an der Baustelle in Petersdorf vorbei. © NDR Foto: NDR

Rund 50 Baustellen: Pegel will besser koordinieren

Stand: 21.10.2020 07:13 Uhr

Mecklenburg-Vorpommern ist ein Pendlerland. Zigtausende fahren jeden Tag zur Arbeit und müssen wegen vieler Baustellen geduldig sein. Infrastrukturminister Pegel verweist auf den großen Nachholbedarf.

von David Pilgrim

Viele Autofahrer sind genervt - genervt von Baustellen, genervt von Vollsperrungen, genervt von jahrelangen Verkehrsbehinderungen. Und tatsächlich trügt der Eindruck nicht - laut Landesamt für Straßenbau und Verkehr gibt es im Moment etwa 50 Baustellen an wichtigen Straßen in Mecklenburg-Vorpommern. Wir hatten Sie gebeten, uns Baustellen zu nennen, an denen nicht gearbeitet wird - und Sie haben uns geschrieben - 60 Kommentare auf unserer Facebook-Seite innerhalb weniger Stunden.

Petersdorf: Einsturzgefährdetes Haus sorgt für Verzögerungen

Eine Schlange von Autos fährt an der Baustelle in Petersdorf vorbei. © NDR Foto: NDR
Ein Haus an der Baustelle in Petersdorf stellte sich als einsturzgefährdet heraus.

Ein Beispiel ist die Ortsdurchfahrt Petersdorf bei Woldegk im Osten des Landes. Eigentlich sollten die Arbeiten dort schon im Juli beendet sein, doch aktuell gibt es dort eine halbseitige Sperrung mit Bauampel - aber es sind weder Baumaschinen, noch Arbeiter zu sehen. Das zuständige Straßenbauamt in Neustrelitz teilt mit: Nur einen Meter neben der Straße steht ein altes sogenanntes Chausseehaus. Und das ist einsturzgefährdet, was zu Beginn der Baumaßnahme noch nicht klar war. Derzeit werden Gutachten über den Zustand erstellt. Die Behörden verhandeln mit dem Eigentümer über den Kauf. Bestenfalls reichen Sicherungsmaßnahmen an dem Gebäude, damit die Straße zu Ende gebaut werden kann. In diesem Fall ist die Straße in ein paar Wochen fertig, wenn nicht, muss das Haus gekauft und abgerissen werden. Immerhin hat der Landkreis es schon von der Denkmalliste gestrichen, sodass es abgerissen werden darf.

Satow: Problem mit Grundwasser musste gelöst werden

Ein anderer Fall einer scheinbar "schlafenden" Baustelle ist in Satow bei Rostock zu finden. Monatelang war keine Arbeiter auf der Baustelle entlang der Ortsdurchfahrt. Eine Brücke über den Mühlengraben soll hier neu gebaut werden. Nachfragen beim Straßenbauamt in Stralsund ergeben: Beim Ausheben der Baugrube spritzte plötzlich massenhaft Grundwasser mit hohem Druck - dafür musste erst eine technische Lösung gefunden werden - inzwischen wird wieder gebaut.

CDU-Landeschef setzt auf mehr Nachtarbeit

Auch ohne unvorhersehbare Überraschungen, wie bei diesen Beispielen dauern viele Straßenbauarbeiten sehr lange - findet auch der CDU-Landesvorsitzende Michael Sack: "Für mich ist da die Frage: ist es immer richtig, dass wir die Baustellen immer so lange haben. Beziehungsweise, ob wir sie nicht auch in die Abend- und Nachtstunden verlegen können. Ob es im Schichtbetrieb ist oder komplett nur Nachts gearbeitet wird. Halte ich für durchaus überlegenswert, dass wir darüber mal nachdenken, gerade an den vielbelasteten Strecken, wo wir dann eben auch lange Staus haben." Außer, dass eine Nachtbaustelle deutlich teurer ist und man kaum Baufirmen findet, die ausreichend Personal für Schichtbetrieb haben, sprechen aus fachlicher Sicht noch andere Gründe dagegen: ohne Tageslicht leidet häufig die Qualität. Am dramatischsten ist aber der Fachkräftemangel. Schätzungen zufolge haben Anfang der 1990er hier im Land etwa 50.000 Menschen im Straßenbau gearbeitet, heute sind es nur noch 15.000.

Nachtarbeit wegen Lärmschutz oft nicht möglich

Mecklenburg-Vorpommerns Infrastrukturminister Christian Pegel steht in der Dunkelheit vorm Schweriner Schloss. © NDR Foto: NDR
"Ganz so einfach, wie sich das mancher vorstellt, ist es leider nicht", meint Infrastrukturminister Christian Pegel zur Nachtarbeit.

Bei der Frage nach mehr Nachtarbeit auf den Baustellen verwies Infrastrukturminister Christian Pegel (SPD) im NDR Nordmagazin auf Beschränkungen aufgrund des Lärmschutzes in der Nähe bewohnter Bereiche: "Wenn Sie eine längere Bundes oder Landesstraße abfräsen, ist das ein irrer Lärm." Zudem gebe es Naturschutzeinschränkungen. Auch der Fachkräftemangel spielt laut Pegel eine Rolle: Schichtbetrieb auf den Baustellen sei für die Firmen mit ihrem knappen Personal oft nicht zu schaffen. "Und ich glaube, dass man am Ende auch daran denken muss, dass da Menschen jeden Tag arbeiten, die auch ein Recht haben, mit ihrer Familie ein Stück weit normales Familienleben zu führen."

Infrastrukturminister: Klares Signal an Baufirmen

Der Fachkräftemangel sei auch auf den jahrelangen Investitionsstau zurückzuführen, räumte der Infrastrukturminister ein. Nachdem 30 bis 40 Jahre weniger gebaut wurde als erforderlich, hätten sich auch Kapazitäten von Baufirmen, von Planungsbüros und von der öffentlichen Verwaltung angepasst. "Aber wir geben jetzt seit mehreren Jahren als öffentliche Hand sehr klare Signale, dass wir auf einem hohen Niveau wieder investieren und das auch in der mittelfristigen Finanzplanung drin haben. Das Signal an die Baufirmen lautet eigentlich: Fahrt gern hoch."

Wegen Investitionsstau sind viele Baustellen zu koordinieren

Pegel erklärte die hohe Zahl der Baustellen mit dem Nachholbedarf: Nachdem über viele Jahre zu wenig in den Erhalt der Straßen investiert wurde, werde jetzt "zum Glück" wieder viel gebaut. Bei der Koordination der Bauarbeiten seien viele verschiede Eigentümer "unter einen Hut zu bringen". Im Einzelfall mag das auch mal misslingen, so Pegel: "Im Regelfall glaube ich aber, das wir sowohl in der Zügigkeit der Baustellen gut unterwegs sind, als auch, dass die Koordinierung untereinander gut funktioniert."

Koordinierung soll weiterentwickelt werden

"Wir werden weiterhin alles versuchen, um Staus zu vermeiden", sagte Pegel mit Blick auf künftige Bauarbeiten. Bei der Koordinierung setzt Pegel auch auf Digitalisierung: "Wir werden uns also an der Stelle als Land weiterentwickeln." Außerdem sollen Kreise und Gemeinden noch besser einbezogen werden.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 20.10.2020 | 19:30 Uhr

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