Stand: 29.07.2019 05:42 Uhr

Rotwild-Jagd: Dicke Luft in Landesforstanstalt

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV
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Das Umwelt-Ministerium hatte im April eine Sonder-Abschuss-Genehmigung für Rotwild genehmigt, um Jungbäume besser zu schützen. (Archivbild)

Immer mehr Rotwild wird für die Wälder in Mecklenburg Vorpommern offenbar zum Problem. Im landeseigenen Forst-Betrieb ist eine interne Debatte über einen besseren Schutz des Waldes durch höhere Abschuss-Zahlen entbrannt. Nach Informationen von NDR 1 Radio MV und der "Schweriner Volkszeitung" beschäftigt sich der Verwaltungsrat Anfang September auf einer Sondersitzung mit dem Thema.

Landtagsabgeordneter schlägt Alarm

Ein Verwaltungsratsmitglied, der SPD-Landtagsabgeordnete Jörg Heydorn, schlägt Alarm. Er teilt auch gegen seinen Parteifreund, den zuständigen Agrar- und Umweltminister Till Backhaus (SPD), aus. In einem Brief an seine Kollegen in dem Aufsichtsgremium, der NDR 1 Radio MV und "SVZ" vorliegt, warnt er vor Waldschäden. Immer mehr Rotwild in Forstamtsbereichen wie Schuenhagen-Franzburg oder in der Nossentiner Heide mache dem Forst durch Verbiss und durch das Abfressen von Baum-Rinde - sogenanntes Schälen - zu schaffen, so Heydorn, der selbst Jäger ist. Eine natürliche Waldverjüngung sei kaum möglich, Schädlinge hätten leichtes Spiel. In Zeiten des Klimawandels sei das neben Trockenheit und Sturm zusätzlicher Stress für den Wald. Hinzu komme, dass die Schäden den Landesbetrieb auch finanziell belasteten.

Heydorn kritisiert Agrar- und Umweltminister Backhaus

Heydorn äußert sich in dem Brief kritisch zum Vorgehen seines Genossen Backhaus. Er habe versucht, mit Backhaus am Rande der letzten Landtagssitzung vor der Sommerpause zu reden, schreibt Heydorn in dem Brief. Dieser ging auch an Finanzminister Reinhard Meyer, die Agrarausschuss-Vorsitzende Elisabeth Aßmann und den klimapolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Mathias Brodkorb (alle SPD). Offenbar wurde Heydorn in dem Gespräch auf den Parlamentsfluren vom Minister mehr oder weniger abgekanzelt - jedenfalls sah Heydorn danach keine andere Möglichkeit, als seinem Ärger per Brief Luft zu machen.

Abschuss-Genehmigung revidiert, eigene Beamte bloßgestellt

Anlass ist eine Entscheidung von Backhaus gegen seine eigenen Mitarbeiter: Als oberste Jagdbehörde hatte das Ministerium dem Forstamt Schuenhagen-Franzburg im April eine Sonder-Abschuss-Genehmigung für Rotwild in der Schonzeit genehmigt. Das Forstamt hoffte, Wild zu vergrämen und so den Wald und frisch angepflanzte Jungbäume besser zu schützen. Nach Protesten der betroffenen Hegegemeinschaft Schuenhagen-Franzburg - in erster Linie ein Zusammenschluss von Jägern - kassierte Backhaus diese Entscheidung und stellte damit seine eigenen Beamten bloß. Heydorn meint in dem Brief, es sei für ihn "schleierhaft, welche Gründe dazu geführt haben, die bereits erteilte Abschuss-Genehmigung zu widerrufen".

Ministerium nimmt Stellung

Auf der Internet-Seite der Landesforstanstalt nimmt das Ministerium Stellung und informiert freimütig über den Vorgang. "Der Antrag des Forstamtes und die erfolgte Abschusserlaubnis sind umfassend und rechtskonform begründet. Durch die Abschusserlaubnis von Stücken der Jugend-Altersklasse bleibt der Muttertierschutz unberührt", stellt das Ministerium klar. Eher lapidar wird erklärt, dass "Minister Dr. Backhaus" die Abschussgenehmigung aussetzen ließ. Warum, das lässt die Stellungnahme offen.

Sachverständiger soll Schäden prüfen

Auf Nachfrage von NDR 1 Radio MV teilte das Ministerium mit, bei unterschiedlichen Interessen zwischen Waldschutz und Jagd müssten die Argumente sorgfältig abgewogen werden. Backhaus habe sich "vermittelnd in den Fall eingeschaltet". Ein unabhängiger Sachverständiger solle die Schäden "objektiv" prüfen. Eine Auswertung der Prüfung liege bisher nicht vor, so das Ministerium. Unterm Strich bleibt: Backhaus ist seinen eigenen Mitarbeitern in die Parade gefahren. Offenbar auch, weil die Hegegemeinschaft Schuenhagen-Franzburg und auch der Landesjagdverband mächtig Druck gemacht haben.

Landesjagdverband: Antrag ohne Begründung gestellt

Beide widersprechen der Darstellung des Forstamtes. Schäden durch Wild seien bei einer Vor-Ort-Begehung nicht nachzuweisen gewesen, ein Abschuss außerhalb der Schonzeit sei überzogen, außerdem gebe es keine überhöhten Wildbestände. Der Abschuss-Antrag sei ohne Begründung gestellt worden, kritisierte der Präsident des Landesjagdverbandes, Volker Böhning. Der Ex-Landrat im Kreis Uecker-Randow steht auch an der Spitze des Bundesverbandes. In einer Stellungnahme legt er Backhaus nahe, gegen die Beamten vorzugehen, er erwarte eine "disziplinarische Überprüfung", so der Cheflobbyist der deutschen Jäger.

Landesforstbeirat warnte vor hohen Beständen

Ganz anders hat das Problem schon vor drei Jahren der Landesforstbeirat bewertet. Das Gremium berät die Forstämter bei wichtigen Themen. In einem Brief an Backhaus warnte der Beirat seinerzeit vor einer langfristigen Gefährdung durch "häufig immens hohe Bestände" von Rot- und Rehwild. Die würden "regelmäßig zu erheblichen Folgekosten und langfristig zur Verschlechterung der forstlichen Betriebsergebnisse führen. Damit haben sie auch eine volkswirtschaftliche Dimension". Der Beirat stellte klar: "Die Jagd ist DAS (Hervorhebung im Original/d. Red.) geeignete Instrument, die Einflussgröße Schalenwild zu steuern." Das Gremium schlug schon 2016 vor, das Jagdrecht zu ändern. Die amtlichen Abschusspläne der Jagdbehörden sollten als "Mindestabschusspläne" gesehen werden. Wer mehr schieße, der dürfe keinen Sanktionen ausgesetzt sein.

Konflikte auch in Brandenburg

Einen solchen Weg ist das Nachbarland Brandenburg jetzt gegangen. In der seit Monatsbeginn gültigen neuen Jagdverordnung wird festgelegt, dass Abschusspläne nach oben korrigiert werden können, wenn zu viel Wild den Wald schädigt. Außerdem wird die Schonzeit kürzer. Die Jägerschaft in Brandenburg ist gegen diese Verordnung Sturm gelaufen, der Jagdverband hat seinen Mitgliedern empfohlen, Jagden in der Landesforst zu boykottieren, um die ehrgeizigen Abschuss-Pläne der Landesregierung zu unterlaufen.

Backhaus meidet Konflikt mit Jäger-Lobby

Während die Landesregierung in Brandenburg sich beim Waldschutz mit den Jägern anlegt, meidet Agrarminister Backhaus einen Konflikt mit der Lobby. Mecklenburg-Vorpommern hat bundesweit die höchste "Jägerdichte", auf 126 Einwohner kommt ein Jäger. Dabei gibt es eigentlich eine klare politische Vorgabe: Im Koalitionsvertrag haben sich SPD und CDU in den Punkten 180 und 181 auf einen besseren Schutz des Waldes verständigt, man werde "die Anpassung der Wälder des Landes an den Klimawandel vorantreiben, um deren Funktionsfähigkeit in ganzer Breite nachhaltig zu sichern". Ein Mittel beschreibt die Politik dabei auch: das sogenannte "Wildwirkungsmonitoring". Es soll ermitteln, wie hoch die Schäden im Wald sind. Darauf soll dann mit höheren Abschuss-Plänen reagiert werden.

Heydorn: Thema ist "vermintes Gelände"

"Das muss zeitnah umgesetzt werden", sagte Heydorn. Zu der internen Debatte in der Landesforst-Anstalt und seinem Schreiben wollte sich der Landtagsabgeordnete nicht äußern. Offenbar ist die Sache "vermintes Gelände". Forstleute sprechen nicht gerne offen über die Wildbestände und ihre Gefahren für den Wald.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 28.07.2019 | 05:00 Uhr

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