Der Rostocker Rechtsmediziner Fred Zack © Institut für Rechtsmedizin Uni Rostock Foto: Institut für Rechtsmedizin Uni Rostock

Rechtsmediziner fordert mehr Untersuchungen von Verdächtigen

Stand: 07.03.2021 10:38 Uhr

Für die Aufklärung eines schweren Gewaltverbrechens ist nicht nur der Blick auf die Opfer wichtig. Auch Täterinnen oder Täter sollten untersucht werden, sagt der Rechtsmediziner Fred Zack.

von Matthias Schümann

Die Opfer von schweren Straftaten werden meist eingehend untersucht. Die Tatverdächtigen weitaus seltener. Das sollte sich ändern, zeigt der Rostocker Rechtsmediziner Fred Zack anhand einer aktuellen Studie. Der genaue Blick auf Täterinnen und Täter dient nicht nur der Aufklärung der Verbrechen, sondern auch der Verkürzung der Gerichtsverhandlungen.

Fast 300 Fälle für Studie ausgewertet

Der Wissenschaftler von der Universität Rostock hat gemeinsam mit der Doktorandin Svenja Bernhardt 270 Fälle ausgewertet, bei denen mutmaßliche Täterinnen oder Täter wegen schwerer Gewalttaten vor Gericht standen - und zuvor rechtsmedizinisch untersucht worden waren. Die Ergebnisse belasten in den meisten Fällen die Verdächtigen. Gar nicht so selten kommt aber auch das Gegenteil heraus: In solchen Fällen belegt die rechtsmedizinische Untersuchung, dass die mutmaßlichen Täterinnen und Täter zum Beispiel aus Notwehr gehandelt haben.

Beispiel aus Schwerin: Angeklagt wegen Mordes

Fred Zack nennt ein Beispiel aus Schwerin. Dort betranken sich an einem Abend vor einigen Jahren ein Mann und sein Bekannter. Plötzlich entbrannte ein Streit, der Bekannte schlug mit dem Teil eines Stuhls auf den Schweriner ein. Der verbarrikadierte sich in der Küche. Aber der Schläger trat die Tür ein. Der Schweriner trat die Flucht nach vorn an. "Beim Herauslaufen aus der Küche stach er den hereinstürzenden Mann einmal in die Brust und traf das Herz", berichtet Professor Zack. "Der Mann verstarb noch am selben Morgen während einer Notoperation." Der Schweriner kam vor Gericht, angeklagt wegen Mordes. 

Gutachten belegt Notwehr - Verfahren eingestellt

Unmittelbar nach der Tat war er aber von einem Rechtsmediziner untersucht worden und dieses Gutachten war entscheidend für den Prozess, der nun eigentlich beginnen sollte. "Aber so weit ist es gar nicht gekommen, weil schon der Staatsanwalt erkannt hat, alles passt zusammen, es war eine Tat aus Notwehr! Und so stellte er das Verfahren ein, ohne Gerichtsverhandlung", erzählt Zack.

Entlastung in fünf Prozent der Fälle

Dieser Vorfall im Jahr 2007 gehört zu den spektakulärsten Fällen, die der Rechtsmediziner Fred Zack für die Studie auswertete. Darin geht es um die Frage, inwiefern die rechtsmedizinische Untersuchung nicht nur der Opfer von Straftaten, sondern auch der Tatverdächtigen nützlich sein könnte. Ergebnis: In nahezu jedem zweiten Fall gab es Befunde, die die Tatverdächtigen belasten. "Aber in fünf Prozent aller Gutachten kamen am Ende entlastende Aussagen heraus", so Zack.

Oft zu wenig geeignetes Material

Ein Problem ist, dass die Rechtsmediziner in der Praxis viel zu selten geeignetes Material in die Hände bekommen. Oft werden gar keine Untersuchungen gemacht. Die Rechtsmedizin muss dann mit dem arbeiten, was da ist: den Aussagen der Beschuldigten, manchmal Fotos von der Polizei. "Das ist eine sehr ungünstige Konstellation für den Richter und den Sachverständigen, weil ich eine viel genauere Aussage vor Gericht machen kann, wenn das Opfer von uns untersucht worden ist, und am besten auch der Tatverdächtige", erklärt Zack.

Schwerinerin nach Untersuchung freigesprochen

Hand mit abgetrenntem Fingerglied © Institut für Rechtsmedizin Uni Rostock Foto: Institut für Rechtsmedizin Uni Rostock
Diese Schnittverletzung an der Hand belegte die Täterschaft eines Lübeckers in einem Mordfall.

Manchmal wird Fred Zack unmittelbar nach einer Gewalttat gerufen wie im Fall einer Schwerinerin, die ihren Mann mit einem Messerstich in den Rücken getötet hatte. "Die Frau hatte massive Verletzungen im Gesicht", erinnert sich Zack, "ein Monokelhämatom, aufgerissene Lippen - und sie hatte Würgemale, die belegten, dass ihre Version stimmte: Sie ist gewürgt worden, sie ist geschlagen worden." Auch diese Beschuldigte wurde freigesprochen. 

Schnittverletzung belegt Täterschaft

Allerdings geht es bei den Untersuchungen der Rostocker Wissenschaftler nicht unbedingt um die Entlastung von Tatverdächtigen. Als 2013 in Nordwestmecklenburg bei Herrnburg, auf dem Grenzstreifen zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein eine Joggerin umgebracht worden war, bildete die Schnittverletzung, die der Täter sich dabei zugezogen hatte, einen Beleg für die Schuld des Lübeckers, der seine Tat zunächst nicht zugeben wollte

Untersuchung kann Zeit und Kosten sparen

Schließlich hat die rechtsmedizinische Untersuchung aber auch noch einen ökonomischen Aspekt. Denn oft werden keine Gutachten angefordert - aus Kostengründen. Das sei zu kurzsichtig, sagt Fred Zack. "Das Gutachten ist ein Baustein, der manchmal dazu führt, dass durch so eine Untersuchung Gelder eingespart werden können, weil die Sachlage viel früher deutlich wird. Ich erlebe bei Gerichtsverhandlungen, dass sehr lange verhandelt wird, weil völlig unklar ist, was passiert ist."

Rechtsmediziner Zack plädiert aus diesem Grund dafür, dass künftig sehr viel öfter nicht nur die Opfer, sondern auch die Tatverdächtigen eingehend untersucht werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.03.2021 | 13:00 Uhr

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