Ein Grenzpfeiler in den Nationalfarben Polens steht nahe dem Grenzübergang Stadtbrücke zwischen dem polnischen Slubice und Frankfurt (Oder) in Brandenburg.

Polen und Mecklenburg-Vorpommern: 30 Jahre gute Nachbarn

Stand: 18.06.2021 16:01 Uhr

Vor 30 Jahren schlossen Polen und Deutschland einen Nachbarschaftsvertrag. Er sollte die damals eher mäßigen Beziehungen beider Länder verbessern. Heute leben in MV 14.000 polnische Staatsbürger.

von Heiko Kreft

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen war nie einfach. Im 18. Jahrhundert teilten Preußen, Russland und Österreich-Ungarn das polnische Königreich unter sich auf. Im Zweiten Weltkrieg wüteten die Deutschen im Nachbarland. Später wurden sie selbst aus Regionen wie Pommern und Schlesien vertrieben. Die DDR und die Volksrepublik Polen propagierten zwar die sozialistische Brüderlichkeit – doch die war brüchig. Erst recht als sich die Polen anschickten, demokratische Reformen umzusetzen.

Neustart der Beziehungen

Nach dem Mauerfall gab es eine Art Neustart der Beziehungen. Am 17. Juni 1991 unterschrieben Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Polens Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki den deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag. In ihm sicherten sich beide Staaten gegenseitige Freundschaft und Hilfe zu. Deutschland versprach beispielsweise, Polens Aufnahme in die EU zu unterstützen. Zugleich wurden Projekte zur Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte sowie ein intensiver Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsaustausch vereinbart.

Mürrische Blicke am Anfang

Auf den alten Fernsehbildern der Vertragsunterzeichnung fällt vor allem eines auf: Es sind fast ausschließlich mürrisch dreinblickende Männer zu sehen. Leichtigkeit, Freude, gar Euphorie war beim historischen Akt offenbar wenig zu spüren. Tatsächlich sprach Helmut Kohl nach seiner Unterschrift von den Bauchschmerzen, die viele mit dem Vertrag gehabt hätten. Zum Beispiel die Vertriebenenverbände. Sie wollten sich nicht mit Oder und Neiße als Grenze abfinden. Aber auch auf polnischer Seite gab es Vorbehalte. Wenige Monate nach der Wiedervereinigung hatten nicht wenige Polen Angst vor einem neuen, starken Deutschland.

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Stettiner Altstadt, links das Schloss des Pommerschen Fürstentums, im Hintergrund die Oder und der Hafen. © Fortepan / Bogdan Celichowski Foto: Fortepan / Bogdan Celichowski

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Positive Grundstimmung heute

Mittlerweile hat sich der Blick auf das jeweilige Nachbarland deutlich aufgehellt. Das gerade erschienene "Deutsch-Polnischen Barometer" zeigt: 57 Prozent der Deutschen und 65 Prozent der Polen bewerten das Verhältnis als gut oder sehr gut. Polen, die in grenznahen Regionen leben, haben sogar zu 77% ein positives Bild. Allerdings: Vor ein paar Jahren waren die Zahlen noch deutlich besser.

Differenzen im Detail

Eine mögliche Erklärung: Vor allem auf der obersten politischen Ebene ist das deutsch-polnische Verhältnis in den letzten Jahren abgekühlt. Zwischen Warschau und Berlin gibt es deutlich sichtbare Konflikte. So sind die Polen über Deutschlands Unterstützung beim Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 erbost. Neben wirtschaftlichen Aspekten liegt das auch an der historischen Erfahrung. Ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland ohne Einbeziehung Polens weckt bei manchen unschöne Erinnerungen. Auch die von der polnischen Regierungspartei PiS regelmäßig angefachte Diskussion über mögliche Reparationen für die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg führt immer wieder zu atmosphärischen Störungen. Im Gegenzug sorgt sich die Bundesregierung um die Rechtsstaatlichkeit im Nachbarland.

Deutsch-polnischer Alltag in MV

Drohnenaufnahme von oben. © NDR
Dank zahlreicher polnischer Grenzgänger ist das das Dorf Löcknitz aufgeblüht

Im Alltag vieler Menschen spielen die unterschiedlichen Sichtweisen kaum eine Rolle. Das ist gut im Osten Mecklenburg-Vorpommerns zu sehen. Dort siedeln sich immer mehr polnische Familien an. Manche Orte wie Löcknitz sind dadurch regelrecht aufgeblüht. In der dortigen Kita hat die Hälfte der Kinder polnische Eltern und am Deutsch-Polnischen Gymnasium wird fleißig für das deutsche und polnische Abitur gepaukt. In ganz Mecklenburg-Vorpommern leben mittlerweile rund 14.000 Menschen mit polnischer Staatsbürgerschaft. Das ist mit Abstand die größte EU-Ausländergruppe. Anfang 2007 waren es gerade einmal 3.000.

Corona als Stresstest

Wie fragil das scheinbar problemlose Zusammenleben im deutsch-polnischen Grenzraum Pomerania sein kann, zeigte sich in jüngster Zeit. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Grenze dicht gemacht. Mehr als 4.000 Menschen, die regelmäßig zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Polen pendeln, bekamen massive Probleme. Familien wurden getrennt – arbeiten in Polen oder Deutschland plötzlich unmöglich. „Da hat in dem Moment leider jeder Nationalstaat nur für sich gedacht“, bedauert Katarzyna Werth. Die Vorsitzende des Deutsch-Polnischen Vereins für Kultur und Integration Löcknitz, organisierte deshalb zahlreiche Demos. Sie bedauert bis heute, das vieles nicht vor Ort entschieden werden konnte, sondern nur im fernen Warschau, Berlin oder Schwerin. Das soll sich jetzt zumindest ein bisschen ändern. Seit kurzem engagiert sich Katarzyna Werth ehrenamtlich in einer Arbeitsgruppe der Landesregierung. Als Vertreterin der polnischen Community in Mecklenburg-Vorpommern möchte sie deren Perspektiven einbringen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 17.06.2021 | 14:00 Uhr

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