Stand: 10.12.2019 05:21 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Pläne für Crivitzer Klinik werden zum Politikum

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Bürger protestieren in Crivitz gegen die Schließung der Geburtshilfe im Krankenhaus mit einem Plakat mit der Aufschrift "Crivitz muss schließen, weil Parchim Probleme hat. Warum?" © NDR Foto: Thomas Walther
Bürger haben weitere Mahnwachen und Proteste gegen die Schließung der Geburtshilfe pangekündigt.

Die angekündigte Schließung der Frauen- und Geburtsstation am Mediclin-Krankenhaus in Crivitz (Ludwigslust-Parchim) wird Thema im Landtag. Die Opposition hat für die Sitzung am Mittwoch Dringlichkeitsanträge angekündigt. Linke und AfD wollen in getrennten Initiativen erreichen, dass die Entscheidung zurückgenommen wird. Von einer "Katastrophe" spricht die Fraktionsvorsitzende der Linken, Simone Oldenburg. Dass in Crivitz die Frauen- und Geburtsstation zugunsten des Asklepios-Krankenhauses in Parchim dichtgemacht werde, zeige, dass Gesundheit zur Ware werde.

Längere Wege für Patienten

Für die Bürger verschlechtere sich die Lage, allein durch längere Wege - die Entfernung zwischen Crivitz und Parchim beträgt etwa 30 Kilometer. Der Anspruch der SPD, Mecklenburg-Vorpommern zum Kinder- und Gesundheitsland Nummer eins zu machen, sei hinfällig, so Oldenburg. Das Land habe das Gesundheitswesen nicht im Griff. Die AfD sieht Parallelen zur umstrittenen Entscheidung in Wolgast (Landkreis Vorpommern-Greifswald), dort wurde die Geburtsstation 2016 gegen massive Bürgerproteste geschlossen. Bei der Landtagswahl 2017 gewann die AfD in der Region ein Direktmandat.

Glawe: "Fahrlässig, von Klinikschließungen zu sprechen"

Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) erklärte dagegen, Crivitz bekomme demnächst eine Abteilung für Geriatrie (Altersmedizin). Der Krankenhaus-Standort sei mit der neuen Abteilung sicher. Auch die Jobs des medizinischen Personals, so der Unionspolitiker, seien nicht in Gefahr. Ärzte, Schwestern und Hebammen würden in Parchim gebraucht. Glawe warb noch einmal für die Entscheidung. Es sei fahrlässig von "Klinikschließungen" zu sprechen.

Gewinnmaximierung versus Gemeinwohl

Glawes Koalitionspartner, die SPD, macht jedoch Druck und geht weiter auf Distanz zur Union. Der Gesundheitsexperte der Fraktion, Julian Barlen, nannte das Verhandlungsergebnis für beide Standorte schon kurz nach Bekanntwerden am vergangenen Freitag "keine Lösung", Glawe müsse "umgehend nachbessern". Offenbar sei Asklepios die Strategie der Gewinnmaximierung wichtiger als die Interessen der Bevölkerung und die Erfüllung des kindermedizinischen Versorgungsauftrags, so Barlen, der auch SPD-Generalsekretär ist und als einer der engsten Vertrauten von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) gilt. Auch SPD-Fraktionschef Thomas Krüger ist am Montag auf Distanz zu Glawes Plänen gegangen. Er sagte, die jetzt angepeilte Lösung sei "keine gute". Darüber müsse man in der Koalition noch einmal reden, zum Beispiel am Dienstag im Kabinett.

Kinderklinik Parchim wird Tagesklinik

Glawe ist dazu bereit, Kritiker müssten erst einmal andere Lösungen präsentieren, sagte er. Außerdem basiere das Ergebnis auf einer Einigung der Krankenhausträger Mediclin und Asklepios. Nach der Ankündigung vom vergangenen Freitag soll im Gegenzug zu den Schließungen in Crivitz (14 Betten) die Geburtshilfe am Asklepios-Krankenhaus in Parchim bestehen bleiben. Die Kinderklinik in Parchim, die wegen Ärztemangels seit einem halben Jahr geschlossen ist, wird zu einer Tagesklinik mit vier Betten. Dort soll eine Betreuung für minderschwere Fälle zwischen 9 und 17 Uhr ermöglicht werden. Das Land will dort im Rahmen eines Modellprojekts einen Kinderarzt finanzieren. Die Kosten dafür betragen rund 150.000 Euro.

Krankenhausbetreiber argumentieren mit sinkenden Patientenzahlen

Offiziell werden von Asklepios und Mediclin fehlende Patientenzahlen als Gründe genannt, an beiden Standorten seien es jeweils weniger als 400 Geburten im Jahr. Nach Expertenmeinung gilt die Marke 500 als ausreichend, um aufgrund der Fallzahlen Qualitätsstandards zu gewährleisten. Ziemlich sicher spielen auch betriebswirtschaftliche Erwägungen eine Rolle - beide Gesundheitsanbieter sind eng miteinander verwoben: Mediclin gehört zu 53 Prozent dem Asklepios-Konzern und war deshalb möglicherweise nicht frei in seiner Entscheidung.

Helios-Kliniken Schwerin profitieren

Nutznießer der Vereinbarung gegen die Frauen- und Geburtsstation in Crivitz dürfte auch das größte private Krankenhaus im Land, die Helios-Kliniken in Schwerin, sein. Ein Teil der knapp 400 Geburten, die bisher in Crivitz medizinisch betreut wurden, geht jetzt nach Schwerin und trägt dort zu einer höheren Auslastung bei. Glawe sieht dennoch vor allem Parchim als Profiteur. Für die Tagesklinik werde demnächst auch ein Hubschrauberlandeplatz eingerichtet, damit in Notfällen eine schnelle Versorgung in anderen Kliniken ermöglicht werde. In Crivitz sind in den kommenden Tagen Bürgerproteste und Mahnwachen angekündigt.

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Bürger protestieren in Crivitz gegen die Schließung der Geburtshilfe im Krankenhaus Crivitz. © NDR Foto: Thomas Walther

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 09.12.2019 | 15:00 Uhr

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