Stand: 05.12.2019 17:07 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Parchim: Mit Luxus-Wasser in die Miesen

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Über seine Stadtwerke wollte Parchim offenbar ins Mineralwasser-Geschäft einsteigen. Allerdings erfüllten sich die Erwartungen an "Minus181" nicht.

Die Kreisstadt Parchim hat massiven Ärger mit dem Landesrechnungshof. Grund ist die Beteiligung der Stadt an einem Mineralwasser-Unternehmen, das kurz nach dem Start deutliche Verluste erwirtschaftet. In ihrem neuesten Kommunal-Finanzbericht kritisieren die obersten Kassenprüfer, dass die kommunale Beteiligung mit einem öffentlichen Zweck nichts zu tun habe.

Wasser zum Literpreis von fast 27 Euro

Der Hintergrund: Über seine Stadtwerke wollte Parchim offenbar groß ins Mineralwassergeschäft einsteigen. "Minus 181" ist der Name des Luxus-Wassers, das in Spitzenhotels angeboten werden soll. Der Preis pro Flasche beträgt etwa 18 Euro. Für den Vertrieb wurde eigens eine 681-Milliliter-Flasche entworfen. Hochgerechnet beträgt der Literpreis 26,43 Euro. Das Parchimer Wasser gehört damit zu den teuersten überhaupt, es liegt noch vor anderen Hochpreis-Angeboten aus Tasmanien und Kanada.

Stadt Parchim bleibt auf Luxuswasser sitzen

Nordmagazin -

Mit dem Edel-Mineralwasser "Minus181" hat die Stadt Parchim deutliche Verluste erwirtschaftet - und sich dadurch jetzt massiven Ärger mit dem Landesrechnungshof eingehandelt.

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Luxuswasser, um Parchim als Wirtschaftsstandort zu bewerben

Ein optisch aufwendiger Internetauftritt soll den Verkauf fördern, dort wird die Herkunft aus "Tiefengestein" angepriesen, in dem Wasser schlummere ein Moment der Stille und der Klarheit. Offenbar hat die Stadt hochtrabende Pläne: Laut Eigendarstellung sieht die Kommune "mit dem Produkt eine sehr gute Möglichkeit, die Stadt Parchim einem erlesenen Kundenkreis überregional bekannt zu machen und über diesen Weg als attraktiver Wirtschaftsstandort gesehen zu werden."

Das stand noch im Rechnungshofbericht:


Im Kreis Nordwestmecklenburg werden Brücken nicht ausreichend kontrolliert.

Im Kreis Vorpommern-Greifswald ist bei der Vergabe von Software für die Sozialämter geschlampt worden.

Die Stadt Schwerin betreibt ihr Krematorium zusammen mit einem privaten Unternehmen. Ein Verstoß gegen das Bestattungsgesetz, so der Rechnungshof: Feuerbestattung müsse allein in öffentlicher Hand bleiben.

Schwieriger Start wegen "Qualitätsproblemen"

Allerdings erfüllten sich diese Erwartungen bisher nicht. Schon im ersten Produktionsjahr 2018 machte das Unternehmen einen Verlust von 675.000 Euro. Das Eigenkapital von einer Million Euro wurde mehr als halbiert. Der Grund: "Minus 181" - benannt nach der Tiefe des Brunnens - konnte nur 373 Flaschen verkaufen - angepeilt waren 7.000. Anlaufschwierigkeiten bei der Förderung und Abfüllung sowie "Qualitätsprobleme" hätten den Start erschwert. Der Bestand des Unternehmens, an dem die Stadt über die Stadtwerke mit rund 30 Prozent direkt beteiligt ist, scheint gefährdet. Laut Geschäftsbericht müssten 2019 rund 57.000 Flaschen verkauft werden - davon sei man jedoch weit entfernt.

Lob in den höchsten Tönen

In den Eigenpräsentationen wird das Wasser in den höchsten Tönen gelobt. Ein Wassersommelier schreibt: "Beim Einschenken präsentiert sich das Mineralwasser 'Minus 181' mit ausgesprochener Klarheit und einem wunderbaren Silberspiegel an der Oberfläche. Die besondere Weichheit dieses Wassers wird schon beim ersten Kontakt mit der Zungenspitze spürbar. Ein samtweicher Charakter führt das Mineralwasser schließlich die Kehle hinunter, ohne dass irgendeine sensorische Empfindung längere Zeit im Mundraum spürbar bleibt."

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Rechnungshof: "Keine geeignete Betätigung"

Der Landesrechnungshof ließ sich von der Werbesprache nicht beeindrucken und empfiehlt der Stadt Parchim, ihre Anteile zu verkaufen. Die kommunale Beteiligung sei keine geeignete wirtschaftliche Betätigung. Rechnungshof-Präsidentin Martina Johannsen zeigte sich irritiert. "Als Rechnungshof halten wir gar nichts davon", auch weil die Kommune keinen wirtschaftlichen Nutzen habe. "Der Vertrieb eines Luxus-Wassers erfüllt keinen öffentlichen Zweck". Das sei ein klarer Verstoß gegen die Kommunalverfassung und auch deshalb ein Fall für die zuständige Rechtsaufsicht. Die liegt im Landkreis Ludwigslust-Parchim.

Stadtwerke sind Mehrheitsgesellschafter

An der Minus 181 GmbH sind neben den Stadtwerken Parchim (50,1 Prozent) auch die Service plus GmbH aus Neumünster (25,1 Prozent) und die zum kommunalen Energieversorger WEMAG gehörende mea Energieagentur (10 Prozent) beteiligt. Parchims Stadtwerke-Chef Dirk Kempke, gleichzeitig Geschäftsführer der Minus 181 GmbH, sagte, junge Start-Ups wie die Minus 181 GmbH würden in der Regel zu Beginn immer Verluste machen. Mehr wolle er zu der Sache nicht sagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.12.2019 | 11:00 Uhr

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