Stand: 30.05.2020 08:15 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Ohne "Königslinie" fehlt Rügen ein Stück Identität

Von Martin Möller, NDR Nordmagazin

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Die "Sassnitz" Ende April auf ihrer letzten Fahrt von Sassnitz nach Trelleborg.

Für die vier Besatzungen der "Sassnitz" war es der bitterste Tag in ihrem Berufsleben. Am 28. April verließ ihr Schiff - ihr Arbeitsplatz - zum vermutlich letzten Mal den Heimathafen Sassnitz. Nach 111 Jahren war die älteste Fährlinie zwischen Deutschland und Schweden plötzlich Geschichte. An Bord flossen Tränen, erinnert sich Schiffsmechaniker Karl Broß, der sein Schiff mit ins schwedische Uddevalla überführte. Einige Crewmitglieder sind schon seit Inbetriebnahme des Schiffes im März 1989 dabei. Sie alle können es immer noch nicht fassen.

Rügen verliert ein Stück Identität

Rügen verliert ein Stück Identität. Die weißen Schweden-Fähren, die an Sassnitz vorbei gen Norden zogen, gehörten zur Insel, wie die Kreideküste des Jasmund. Selbst während der Weltkriege und im Kalten Krieg war die sogenannte Königslinie nur kurz unterbrochen. Trelleborg ist Partnerstadt von Sassnitz, die Schweden die größte Gruppe ausländischer Besucher auf Rügen und in Stralsund. Das wird sich vermutlich ändern, zu umständlich die Anreise aus Südschweden via Rostock.

Königslinie: Enttäuschung auf Rügen über das Aus

Nordmagazin -

Drei Wochen nach dem Aus für die Fährverbindung Sassnitz-Trelleborg hat Stena Line das Fährschiff "Sassnitz" abgezogen. Rügen verliert damit ein Stück Identität.

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Reederei: Sinkende Passagierzahlen, zu wenig Fracht

Stena begründet das Aus mit wirtschaftlichen Zwängen. "Auf der Route Sassnitz-Trelleborg wurden in den vergangenen Jahren lediglich nur noch knapp 300.000 Touristen pro Jahr befördert. Der strategische Fokus von Stena Line, Fährverkehre für Passagiere und Fracht anzubieten, konnte hier in den vergangenen Jahren durch die sehr niedrigen Frachtvolumen und die Verlagerung eines Großteils der Bahnverkehre kaum noch aufrechterhalten werden", hieß es seitens der Reederei.

Betriebsrat: Linie kaputtgespart

Nach Ansicht des Betriebsrates Peter Leukroth wurde die Linie kaputtgespart. Immer weniger Abfahrten, zu immer schlechteren Zeiten. Tagesreisen von Deutschland nach Schweden waren zum Schluss unmöglich. Aber ein besonders schwerer Schlag war das Ende der Waggonverladung durch die Deutsche Bahn. Zum Schluss fuhr noch ein privater Nachtzug regelmäßig von Berlin über Sassnitz nach Malmö. Marco Andersson vom Betreiber Snälltåget gegenüber dem NDR: "Für uns ist die Fähre Sassnitz-Trelleborg mit Abstand die beste Verbindung für den Nachtzug, hinsichtlich Kosten und Entfernung. Allerdings wurden wir nur 20 Minuten vor der offiziellen Verkündung des Endes der Route von Stena Line informiert. Im Moment suchen wir nach Alternativen, aber das ist schwierig."

Spätes Angebot an die Stadt

Auch der Sassnitzer Bürgermeister Frank Kracht (Linke) ist enttäuscht und auch ein wenig ratlos. Er hätte sich gewünscht, dass die Reederei Stena vor der Entscheidung mit ihm redet. Knapp drei Wochen nach dem verkündeten Aus flattert doch noch ein Angebot von Stena auf seinen Schreibtisch. Die Stadt Sassnitz könne das gleichnamige Fährschiff samt Personal sofort übernehmen, zum Festpreis von 1,5 Millionen Euro. Allerdings sollte sich Kracht innerhalb von zwei Wochen entscheiden. Das konnte und wollte der Kommunalpolitiker nicht, denn zum Schiff gehören auch 126 Arbeitsverträge. Frank Kracht hätte sich mehr Zeit gewünscht, schließlich braucht es Fachleute und eine Tiefenanalyse, um so ein Angebot ernsthaft zu prüfen.

Verhandlung über Sozialplan

Weitere Gespräche über eine Wiedereröffnung der Route unter Beteiligung von Stena Line gibt es nicht, teilte die Reederei schriftlich mit. Man plane weiterhin die dauerhafte Schließung der Route, heißt es. Bis Ende Mai erhalten die Beschäftigten noch Kurzarbeitergeld. Betriebsrat und Stena verhandeln einen Sozialplan. Dabei geht es um den freiwilligen Ausstieg von Mitarbeitern gegen eine Abfindung und die Gründung einer Transfergesellschaft. Bei anderen Crew-Mitgliedern laufen die Arbeitsverträge aus. Der Bordershop im Hafen Mukran wird ebenfalls geschlossen. Der Schlussverkauf hat gerade begonnen. Das Fährschiff "Sassnitz" hingegen steht noch nicht zum Verkauf. Es liegt knapp 400 Kilometer nördlich von Trelleborg in Uddevalla an der Kette. Noch wird es von Teilen der alten Mannschaft einsatzklar gehalten. Dazu braucht es allerdings nur acht Seeleute von ehemals 126.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.05.2020 | 12:00 Uhr

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