Nord Stream 2: Hürdenlauf auf hoher See

Stand: 19.02.2021 14:45 Uhr

In der Ostsee vor Rügen haben russische Schiffe den Weiterbau der Pipeline Nord Stream 2 in Angriff genommen. Es stehen weiterhin US-Sanktionen im Raum. Dass die jüngst gegründete Umwelt-Stiftung der Landesregierung MV diese verhindern kann, glaubt Politikwissenschaftler Sascha Lohmann nicht.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Im Hafen Mukran auf Rügen drehen sich nach langem Stillstand wieder Kräne. Stahlrohre werden auf Offshore-Versorger verladen. Die Arbeiten am Doppelstrang der Pipeline Nord Stream 2 sind erneut angelaufen. Ein gutes Dutzend russische Schiffe pendelt zwischen den Inseln Rügen und Bornholm. Ein zweites Dutzend liegt ca. 25 Kilometer südlich der Insel Bornholm vor Anker. Mittendrin die "Fortuna", das Verlegeschiff, das zuvor in Wismar aufwendig aus- und umgerüstet wurde.

Ehrgeiziger Zeitplan

Um die "Fortuna" herum gilt eine Bannmeile von 1,5 Seemeilen. Filmen verboten. Wie weit die Arbeiten wirklich sind, mag Nord-Stream-Sprecher Steffen Ebert nicht verraten. In der sogenannten dänischen Außenwirtschaftszone (AWZ) klaffte Anfang des Monats noch eine rund 120 Kilometer lange Leitungslücke. Laut Baugenehmigung der dänischen Energiebehörde sind für die entsprechenden Verlegearbeiten 115 Tage vorgesehen. Dem Nordmagazin teilte ein Sprecher in Kopenhagen mit, dass Nord Stream 2 einen Zeitplan vorgelegt habe, der Ende Mai als Fertigstellungstermin nenne. Die Bauarbeiten könnten aber auch länger dauern.

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Das Verlegeschiff "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas verlegt in der Ostsee vor der Insel Rügen Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2. (Luftaufnahme mit einer Drohne/Copter) © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

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Kein Sanktionsschutz durch Umwelt-Stiftung

Für einen zügigen Weiterbau ist Gazprom auf gutes Wetter und die Hilfe von deutschen und europäischen Firmen angewiesen. Diese Unternehmen würden allerdings ein hohes Risiko eingehen, so die Analyse von Sascha Lohmann von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Der Experte für US-Sanktionen vermutet, dass weitere Firmen aus dem Pipeline-Projekt aussteigen, weil ihre Banken und Versicherungen nicht auf die US-Sanktionsliste geraten wollen. Die frisch gegründete Umwelt-Stiftung der Schweriner Landesregierung bietet seiner Meinung nach keinen Schutz. Die Landesregierung gehe fälschlich davon aus, dass die US-Regierung nicht gegen öffentliche Institutionen vorgehen könne. Da die Stiftung selbst wirtschaftlich aktiv werden möchte, kann sie von den Amerikanern als Wirtschaftsbetrieb betrachtet werden, analysiert der Politikwissenschaftler. Gerade erst haben Vertreter der Demokraten und der Republikaner im US-Kongress die Biden-Administration aufgefordert, eine Liste mit Firmen zu übergeben, die am Bau von Nord Stream 2 beteiligt sind. Sie soll bereits mehr als 100 Firmen umfassen.

Dänemark zwischen den Stühlen

In Dänemark, durch dessen Gewässer der noch fehlende Teil der Pipeline verläuft, flammte die Diskussion um Nord Stream 2 Ende vergangenen Jahres noch einmal auf. Die sozialdemokratische Regierungschefin Mette Frederiksen erklärte, dass sie von Anfang an gegen das Projekt sei, weil es die Europäer zu sehr von Russland abhängig mache. Dennoch rechnet kaum jemand damit, dass die Dänen Nord Stream 2 Steine in den Weg legen. Nach Einschätzung der Politologin Amelie Theussen von der süddänischen Universität Odense ist das Königreich zu sehr mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie beschäftigt. Und die Dänen sitzen zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite die Schutzmacht USA und auf der anderen Seite der Nachbar und größte Handelspartner Deutschland. Da sei es klüger, sich zurückzuhalten, schätzt die Expertin für Geopolitik ein.

Zertifizierer fehlt

Nord-Stream-2-Sprecher Steffen Ebert betont, dass die Verlegearbeiten in Übereinstimmung mit den dänischen Genehmigungen erfolgen. Diese beinhalten allerdings auch, dass der Doppelstrang am Ende von unabhängiger Seite geprüft und abgenommen werden muss. In der dänischen Betriebsgenehmigung ist die norwegische Firma DNV Gl genannt, die größte Klassifizierungsgesellschaft der Welt. Allerdings hat sich das Unternehmen wegen der angedrohten US-Sanktionen aus dem Projekt zurückgezogen.  Wer sie ersetzen kann, ist noch nicht bekannt.

Langsamer und teurer

Sascha Lohmann glaubt, dass die Pipeline Nord Stream 2 trotz aller Hürden doch noch zu Ende gebaut wird. Die Frage ist nur: In welcher Qualität, wie lange es dauert und wie teuer die Leitung zum Schluss wird. Seiner Ansicht nach hängt das davon ab, wie gut es Hauptinvestor Gazprom gelingt, den Ausstieg von europäischen Firmen mit eigenen Kräften zu kompensieren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.02.2021 | 19:30 Uhr

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