Nicht gehört: Gehörlose Kinder in der DDR

Stand: 23.09.2021 12:07 Uhr

Der 23. September ist der Internationale Tag der Gebärdensprache. Seit 70 Jahren gibt es ihn bereits, 1951 ins Leben gerufen vom Weltverband der Gehörlosen. Weltweit gibt es heute über 200 verschiedene Gebärdensprachen.

In Güstrow diskutieren heute Experten, Eltern, Pädagogen und Betroffene über den Platz, den die Gebärdensprache nicht nur in der Gehörlosenkultur, sondern auch in der Gehörlosenpädagogik in Mecklenburg-Vorpommern heute einnehmen kann.

Gebärdensprache die älteste der Welt?

Vermutlich ist die Gebärdensprache die älteste Sprache der Welt. In Spanien unterrichteten Mönche taube Kinder im Fingeralphabet noch bevor im 18. Jahrhundert in Paris die erste Gehörlosenschule gegründet wurde. Doch in Europa zogen bald etliche Pädagogen die Unterrichtung der Lautsprache vor, so wie der der Begründer der ersten Taubstummenschule Deutschlands in Leipzig - Samuel Heinicke. Gebärden galten als primitiv.

Gebärdensprache bis in die 80er Jahre nicht anerkannt

1880 dann setzten sich die Anhänger des so geannnten Oralismus durch. Auf einem Kongress in Mailand beschlossen hörende Pädagogen aus Europa und Amerika, die Gebärdensprache aus den Gehörlosenschulen zu verbannen. Sie blieb vielerorts für Jahrzehnte verboten. Erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte durch Forschungen von amerikanischen Sprachwissenschaftlern ein Umdenken ein. Doch im geteilten Deutschland blieb die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache bis in die 80er Jahre hinein nicht anerkannt.

Sprechen auf Biegen und Brechen

Im Norden der DDR wurden gehörlose und schwerhörige Kinder in Lychen, Putbus, Ludwigslust und Güstrow unterrichtet. Mittlerweile haben sich über 200 Menschen bei der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeldet und geschildert, welche Folgen es für sie hatte, oft auf Biegen und Brechen Sprechen lernen zu sollen, auch wenn sie kaum etwas hören konnten.

Gehörlose von jeglicher Bildung abgeschnitten

Qualvoll und sinnlos - so erinnert sich "Wilhelm" an den lautsprachlichen Unterricht an der Gehörlosenschule Güstrow. In den 60er Jahren kam er als Fünfjähriger ins Internat, ohne zu verstehen, warum. Viele Gehörlose blieben so von jeglicher Bildung abgeschnitten, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und: Die Erfahrungen von Menschen wie "Wilhelm" sollten heute genutzt werden, um im Land Lehrangebote der Gebärdensprache zu verbessern.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.09.2021 | 17:00 Uhr

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