Nach Brandbrief: Land sichert Uni-Klinik Rostock Hilfe zu

Krisenstimmung an der größten Klinik im Land, der landeseigene Uni-Medizin in Rostock. Mehr als 50 Top-Mediziner warnen vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung. Die Landesregierung hat Hilfen zugesagt.

von Stefan Ludmann, NDR1 Radio MV

In einem Brandbrief an Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) beklagen Chefärzte und andere Mediziner, dass die landeseigene Unimedizin Rostock (UMR) ihren medizinischen Aufgaben nicht mehr voll nachkommen könne - wegen eines drastischen Sparkurses. Der Brief, der auch an Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) und Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) adressiert ist, liegt dem NDR vor. Er ist bereits von Anfang August und gilt in Wahlkampf-Zeiten als "hochgefährlich".

Uni-Medizin Rostock ist am Limit

Denn die landeseigene Uni-Medizin ist laut der Mediziner am Limit, die Versorgung von Patienten ist gefährdet. In ihrem Brief wird der ganze Frust über die Art und Weise, wie die rot-schwarze Landesregierung mit der größten Klinik in Mecklenburg-Vorpommern umgeht, deutlich. Die Enttäuschung sitzt offenbar tief. Da ist von einem Sanierungsprozess die Rede, der nur auf "kurzfristige Einsparungen" setze. An allen Standorten der Klinik gebe es Mängel in der Infrastruktur, das heißt: vieles klappt im Klinik-Alltag einfach nicht.

Versorgung der kleinen Patienten gefährdet

Eine Folge des Ziels einer schwarzen Null zeige sich besonders bei der Versorgung der Kleinen. Die Kinder-Intensiv-Medizin könne nicht mehr rund um die Uhr betrieben werden - wegen Personalmangels könnten schwierige Operationen in Rostock nicht mehr durchgeführt werden. Der Chef der Kinder- und Jugendklink soll bereits gekündigt haben. All das ist gut fünf Wochen vor der Wahl Zündstoff - zumal Ministerpräsidentin Schwesig immer wieder betont hatte, wie wichtig die Kindermedizin im Land sei. Für die Geburtshilfe in Crivitz bei Schwerin hatte das Land beispielsweise sechs Millionen Euro bereitgestellt, Geld mit dem der Landkreis Ludwigslust-Parchim das Krankenhaus vom privaten Klinikkonzern MediClin kaufen konnte.

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Chefärzte fordern Zukunftspakt

Die Kindermedizin ist nicht der einzige Bereich, in dem es laut der Chefärzte brennt. Sie fürchten ganz allgemein, dass die Uni-Medizin unter dem Sparkurs zusammenbricht, in dem Brief an die Ministerpräsidentin heißt es ebenso kurz wie eindringlich: "Auch eine vierte Welle einer Covid-19-Pandemie wird medizinisch nicht mehr beherrscht werden können." So klingen echte Hilferufe. Beklagt wird ein "Organisationsversagen Patienten-ferner Entscheider." Damit sind offenbar der Finanzchef Christian Petersen als Kaufmännischer Vorstand und der Aufsichtsratschef für die Uni-Kliniken, Ex-Finanz- und Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) gemeint. Die Chefärzte fordern einen Zukunftspakt für die Rostocker Uni-Klinik, eine Abkehr vom Prinzip der "Schwarzen Null" - alles mit dem Ziel, die medizinische Versorgung der Patienten sicherzustellen.

Regierung sichert Hilfe zu

Ministerpräsidentin Schwesig hat ihren Aufsichtsratschef Brodkorb als Feuerlöscher geschickt. Brodkorb sicherte der Uni-Medizin schnell Hilfe zu. Dieses Jahr soll es 2 Millionen Euro mehr geben, um - wie es heißt - personelle Probleme abzustellen, im nächsten Jahr sind es 5 Millionen Euro. Brodkorb will mit Extra-Gutachten ermitteln, wie hoch der Stellenbedarf ist, um die Versorgung zu sichern - auch in der Kinder-Intensiv-Medizin. Im Hintergrund hat offenbar vor allem Gesundheitsminister Glawe dafür gesorgt, den Konflikt vorerst zu entschärfen, auch durch Krisen-Gespräche mit Brodkorb und der Staatskanzlei. Glawe wollte sich dazu nicht äußern. Er meinte nur: "Die Sache ist vom Tisch."

Allerdings weisen Mediziner auf ein Problem hin: Auch schnelles Geld könne nicht sofort neue Stellen schaffen. Sie wünschen sich einen kompletten Kurswechsel. Ein Uni-Klinik als Maximalversorger könne nicht wie ein Krankenhaus-Unternehmen geführt werden. An der UMR würden auch komplizierte Fälle beispielsweise von älteren Patienten behandelt, die an anderer Stelle kaum aufgenommen würden. All das lasse sich nicht mit wirtschaftlich-finanziellen Maßstäben messen - hier müsse der Patient im Vordergrund stehen.

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