Stand: 18.05.2016 17:39 Uhr

Nach 80 Jahren: Der "Koloss von Rügen" erwacht

Groß, grau, bombastisch - das ist das Bild des ehemaligen "Kraft-durch-Freude-Bades" in Prora auf Rügen, das sich vielen Menschen eingeprägt hat. 4,5 Kilometer Beton, in der NS-Zeit in die Landschaft geklotzt: monoton, erdrückend, unansehnlich. Das allerdings war einmal. Das Bild des "Seebads der 20.000" wandelt sich derzeit im Express-Tempo. Nach 25 Jahren Dornröschenschlaf ist der "Koloss von Rügen" zu neuem Leben erwacht. Wer in diesen Wochen an die Prorer Wiek fährt, wird Augenzeuge, wie ein neues Kapitel in der bewegten Geschichte des künstlich geschaffenen Ortes nördlich von Binz aufgeschlagen wird.

Weitere Informationen

Prora - Der "Koloss von Rügen"

Als "Seebad der 20.000" hatten die Nazis die riesige Anlage in Prora auf der Insel Rügen geplant. Lange Zeit verfielen die denkmalgeschützten Gebäude - heute sind sie wieder interessant. mehr

"Vorne das Meer, dahinter das Naturschutzgebiet"

Einer der ersten Gebäudetrakte, die saniert wurden, ist Block II. Der Weg dorthin führt durch einen dichten Kiefernwald, schon gleich nach dem Abbiegen von der Hauptstraße fallen die neuen, modernen Straßenlaternen neben der löchrigen, alten Straße auf - und ein weißes Gebäude hinter einer Lichtung. Aus der Ferne erklingt Baulärm. Es ist ein bisschen wie eine Zeitreise: klassische funtionale Architektur - sehr nah an dem, was vor 80 Jahren geplant war - gepaart mit modernem Design. Block II wirkt inzwischen alles andere als bedrohlich: groß ja, aber nicht mehr so massiv wie noch vor ein paar Jahren. "Das Gebäude ist sehr schlank. Es ist zwar lang, aber wir haben kein großes Hinterland. Da vorne ist das Meer, hier ist das Gebäude und dahinter ist das Naturschutzgebiet", sagt Manfred Hartwig.

"Skepsis und das Misstrauen waren enorm"

Bild vergrößern
Modernes Design im ehemaligen NS-Bauwerk: Die Nachfrage nach Wohnungen in Prora ist hoch.

Wer sich für das Wohnen oder auch nur Urlauben in Prora interessiert, läuft Hartwig fast unweigerlich über den Weg. Er ist Verwalter und sozusagen "Mädchen für alles". Ursprünglich hatte er nur den Auftrag, die Wohnungen in den Blöcken irgendwie an den Mann zu bringen. Angesichts des ruinösen Zustands der Gebäude war das anfangs keine leichte Aufgabe. "Die Skepsis und das Misstrauen waren enorm. Keiner konnte sich vorstellen, dass das, was wir heute sehen, Wirklichkeit werden wird. Nach der Wende waren hier schon mehrere Glücksritter, die was machen wollten - und nie hat es funktioniert", sagt Hartwig.

Von der teuren Idee zum Edel-Apartment

Vor einigen Jahren verkaufte er zuerst nur eine teure Idee. Immerhin 250.000 Euro für 50 Quadratmeter Rohbau mit Meerblick und einer vagen Aussicht auf Steuerabschreibungen und ein paar Einnahmen, sollten sich doch einmal Urlauber hierher verirren. Aber das ist Geschichte. Die letzten der rund 350 Apartments in Block II, die überhaupt noch zu haben sind, werden knapp das Doppelte kosten. "Wir haben hier eine gewisse Qualität, deswegen gibt es auch einen gewissen Preis. Aber es gibt mittlerweile genügend Menschen, die das erkannt haben und hier gerne investieren, weil sie an den Standort glauben. Wir sind ziemlich alternativlos: In der ersten Reihe am Meer mit Blick auf die Ostsee findet man nicht allzu viele Objekte", meint Hartwig.

Über die Betontreppe aus Nazi-Zeiten ins Luxus-Domizil

Der Weg zu einem, der dies schon früh erkannt hat, führt über eine Original-Betontreppe aus Nazi-Zeiten. Der Flur am Aufzug mit den ausgelegten Teppichen hat so gar nichts mehr von den lauten, endlosen Gängen der ehemaligen Kaserne. Die Türen lassen dahinter eher einzelne Zimmer vermuten anstatt der modernen Wohnungen, die sich tatsächlich dahinter verbergen. Tritt man dann durch die Tür, wähnt man sich fast in einer anderen Welt: ein kleiner Flur, seitlich ein Bad, voraus ein großer Wohnraum. Große Panoramafenster geben den Blick frei auf einen Glasbalkon und die blau schimmernde Ostsee davor. Auf dem Fußboden edle Fliesen - Luxus, aber nicht aufdringlich. Der Beton ist original aus alten Tagen, nur mit Farbe überstrichen. Hier ist das Domizil von Horst Schmidt aus der Nähe von Dessau.

"Die Bauhaus-Leute würden sich die Finger lecken"

Der Ingenieur hat sein Erspartes in Prora investiert. Wenn er nicht selbst da ist, vermietet er seine Wohnung. Die sei erstaunlich gut gebucht, sagt er. "Ich kann rein wie jeder andere Kunde. Ich kann weit im Voraus planen. Ich persönlich finde die Zeiten außerhalb der Saison genauso gut. Deswegen sitzen wir auch heute hier", sagt Schmidt. Zwei Schlafzimmer hat er sich einbauen lassen. Dadurch wurden das Wohnzimmer und die Küche zwar ein wenig kleiner, dafür kann aber seine Enkelin mit in der Wohnung übernachten. Je nach Größe der Wohnung gibt es Dusche oder Badewanne - immer mit Seeblick. Ein architektonischer Trick macht es möglich. Die Fenster zwischen Schlafzimmer und Bad sind so angeordnet, dass man durch sie direkt auf die Ostsee blicken kann. "Die Leute vom Bauhaus würden sich die Finger danach lecken“, sagt Schmidt.

Der Hype hat begonnen

Mittlerweile gibt es viele wie Schmidt in Prora. Nicht jeder wohnt in ähnlichem Luxus. So gibt es beispielsweise in Block IV bezahlbarere Mietwohnungen - noch. Denn die Preise steigen schnell an die Prorer Wiek. Der Hype hat offenbar gerade erst begonnen, immer mehr Wohnungen entstehen in den alten Gemäuern. In Block I sind die Sanierungsarbeiten gerade erst gestartet, und für Block III laufen Planungen für Wohnungen und ein Hotel. So viel Betriebsamkeit hat es schon lange nicht mehr in Prora gegeben, ist sich Ulrich Busch sicher. Ohne ihn würden sich am Ostseestrand wohl längst noch keine Baukräne drehen.

Ruinenlandschaft als Lebensaufgabe

Busch sitzt in einem der Cafés in den Erdgeschossen der Treppenhäuser und genießt einen Milchkaffee. Auf der Wandermeile flanieren Fußgänger. "Aus einem solchen Objekt etwas zu machen, ist eine sehr große Herausforderung. Es ist eigentlich fast eine Lebensaufgabe", sagt Busch. Vor zehn Jahren trieb der Sohn des bekannten Arbeiter-Sängers Ernst Busch (1900-1980) 455.000 Euro auf und ersteigerte damit die Blöcke I und II - um sie zu entwickeln, wie er es nennt. "Ich war davon überzeugt, dass man für dieses Objekt eine tolle Nutzung umsetzen kann - für viele unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.05.2016 | 21:00 Uhr

Mit dem Spaten bei der Nationalen Volksarmee

Nach 1964 ist es in der DDR möglich, den Dienst mit der Waffe aus Glaubens- und Gewissengründen zu verweigern - als sogenannter Bausoldat. Wer das tut, hat keinen leichten Stand. mehr

Prora: Luxus-Wohnungen im Nazi-Bau

Fast 80 Jahre nach dem Bau des monumentalen Seebades Prora auf Rügen durch die Nationalsozialisten entstehen nun Luxus-Ferienwohnungen. Doch wie passt das zum Denkmalschutz? mehr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

01:55
Nordmagazin
00:50
Nordmagazin