Stand: 05.11.2019 11:17 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Missbrauchsstudie: Vorwürfe gegen Kirchenleitung

von Kathrin Matern, NDR 1 Radio MV

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Für die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche Mecklenburgs beginnt eine neue Etappe. (Symbolbild)

Die Leitung der Katholischen Kirche Mecklenburgs wusste offenbar schon zu DDR-Zeiten von Missbrauchsfällen. Das wurde am Montagabend bei der Auftaktveranstaltung für die wissenschaftliche Untersuchung des Missbrauchs in Neubrandenburg bekannt. Betroffene schilderten, dass sie schon damals die Übergriffe Kirchenverantwortlichen mitgeteilt hätten. Im voll besetzten Saal der Pfarrei der Katholischen Gemeinde St. Lukas kamen erstmals der für Mecklenburg zuständige Erzbischof Stefan Heße, der eigens zur Aufklärung gebildete Beirat, Betroffene und Forscher der Universität Ulm, die den Missbrauch wissenschaftlich untersuchen werden, zusammen. "Nur die Wahrheit wird uns frei machen", sagte Heße.

Katholische Kirche will Missbrauch in MV aufarbeiten

Nordmagazin -

Eine wissenschaftliche Untersuchung soll den Missbrauch in der Katholischen Kirche Mecklenburgs insbesondere zu DDR-Zeiten untersuchen. 54 Fälle sind bislang bekannt geworden.

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Betroffener: Kirche muss defensive Haltung aufgeben

Unter den Teilnehmern war auch der Erfurter Michael Räuber als Betroffener. Er hatte den jahrelangen Missbrauch durch Pfarrer Hermann-Josef Timmerbeil schon vor mehr als 20 Jahren bei der damaligen Kirchenleitung angezeigt. "Die Hoffnung ist, dass nicht unsere Glaubwürdigkeit zur Disposition gestellt wird und dass die ganze defensive Haltung der Kirche auch wirklich aufgegeben wird", sagt er. Ein weiterer Betroffener schilderte, wie er von einem katholischen Priester Ende der 1960er-Jahre in Rostock missbraucht wurde und dass er dies schon damals der Kirchenleitung gemeldet habe.

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Mehr als 50 Fälle in Mecklenburg

Nach der sogenannten MHG-Studie aus dem Herbst 2018 sind 54 Fälle von sexuellem Missbrauch durch 17 beschuldigte Kleriker in Mecklenburg bekannt geworden - ähnlich viele wie in Hamburg und Schleswig-Holstein zusammen. Betroffen sind unter anderem die Gemeinden Dömitz, Neubrandenburg, Gadebusch, Tessin, Waren, Grevesmühlen, Neustadt-Glewe und Neustrelitz. Die Aufarbeitung wird laut dem Erzbistum Hamburg nun neben Priestern auch auf Missbrauchsfälle durch andere im Dienst der Katholischen Kirche stehende Personen ausgedehnt.

Keine eigene Neubrandenburger Studie

Wegen der Schwere der Neubrandenburger Fälle durch Pfarrer Timmerbeil war ursprünglich eine eigene Studie für Neubrandenburg geplant. In Neubrandenburg hatten sich zwölf Betroffene gemeldet. Doch die Neubrandenburger Studie ist nun vom Tisch. "Es wäre die Gefahr, dass man Neubrandenburg und den Pfarrer hier zum Einzeltäter macht. Uns ging es aber unbedingt darum, das Systemische des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche in Mecklenburg innerhalb der DDR herauszuarbeiten", sagte Martin Colberg, Vorsitzender des Beirates und Archivar des Erzbistums Hamburg. Deswegen habe man sich entschieden, das Projekt auf ganz Mecklenburg zu erweitern.

Heße: Kirche war geschichts- und menschenvergessen

Die Kirche sei lange genug geschichts- und menschenvergessen gewesen, so Erzbischof Heße. Für die wissenschaftliche Untersuchung würden alle Unterlagen zur Verfügung gestellt. "Klar ist: Das, was Sie forschen, ist frei. Ich rede Ihnen nicht rein, Sie haben von mir keine Vorgaben oder geheimen Zusatzprotokolle. Sondern Sie sind die Wissenschaftler", sagte Heße an die Forschergruppe gerichtet.

DDR- und Stasi-System im Fokus

Im Fokus der Untersuchung steht der Zeitraum von 1945 bis 1989. Zwei Jahre lang werden die Forscher um die Psychiatrieprofessorin Manuela Dudeck der Universität Ulm Betroffene durch anonymisierte Interviews oder Fragebögen erfassen. Dabei soll auch untersucht werden, inwieweit das DDR-System den Missbrauch begünstigt hat und welche Rolle die Stasi dabei gespielt hat. Die Skepsis von Michael Räuber hat sich am Ende der Veranstaltung gelegt. "Ich fand den Abend sehr ermutigend. Ich fand es auch relativ ehrlich und hoffe, dass wir am Ende sehen können, dass es nicht nur leere Worte waren", sagte der Betroffene. Erste Zwischenergebnisse sollen im Herbst 2020 vorliegen; 2022 dann soll die Studie abgeschlossen sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.11.2019 | 12:00 Uhr

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